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Forscher rufen neues Erdzeitalter aus

Der Mensch hat die Erde bereits nachhaltig verändert. Durch Atombombentests, den CO2-Ausstoss oder den Städtebau hat sie bedeutsame geologische Spuren hinterlassen. Eine internationale Forschergruppe sammelt nun Beweise für das «Anthropozän».
Gabriela Jordan

In der Chronik der Erdgeschichte soll nach knapp 12000 Jahren ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Eine Gruppe von Wissenschaftern ist der Überzeugung, dass wir nicht mehr im Nacheiszeitalter Holozän leben, sondern im Anthropozän. In dieser Epoche ist, wie der Name schon sagt, der Mensch der bestimmende Faktor, der die Erde prägt und durch seine Aktionen bereits irreversibel verändert hat. Beispielsweise ist Plastik zu einer geologischen Komponente geworden. Mikroteilchen des menschengemachten Kunststoffs sind heute in Sedimenten auf der ganzen Welt zu finden. In jüngsten Erdschichten oder Baumringen lassen sich Schadstoffe wie Pestizide nachweisen und in der Atmosphäre steigt die Konzentration des für den Klimawandel verantwortlichen Kohlenstoffdioxids stetig an.

Erstmals in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht wurde der Begriff Anthropozän im Jahr 2000 vom niederländischen Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen und dem amerikanischen Biologen Eugene Stoermer. Seither zieht die Idee immer weitere Kreise. Vor zweieinhalb Jahren plädierte eine Arbeitsgruppe auf dem Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt für die ­offizielle Anpassung der geologischen Zeitskala. Ein Entscheid ist diesbezüglich noch nicht gefallen, die 36-köpfige Arbeitsgruppe ist daran, Beweise für und gegen das neue Zeitalter zu sammeln.

Jan Zalasiewicz, Leiter der «Anthropocene Working Group» und Geologieprofessor an der Universität Leicester in England, erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: «Wir sind keine Interessensgruppe, die die Einführung des Anthropozäns zum Ziel hat, sondern Forscher, die eine geologische Diagnose stellen wollen.» Die Entscheidung, ob die Zeitskala angepasst wird, obliegt der Internationalen Union der Geowissenschaften (IUGS). Bei dieser will die Arbeitsgruppe in ein paar Jahren ein Konzept einreichen. «Die meisten von uns glauben jedoch daran, dass das Anthropozän kommt. Es sprechen mehr Befunde dafür als dagegen», so Zalasiewicz.

Atombombentests und Klimawandel

Danach gefragt, welche Indizien für und welche gegen das Anthropozän sprechen, kommt Jan Zalasiewicz in einen solch begeisterten Redefluss, dass er sich kaum stoppen lässt. Der Wissenschafter spricht von neuen Ablagerungen in der Erde wie Eisen oder Stahl; von einer noch nie da gewesenen Verschiebung von Gestein und anderer Erdmasse; von Städten, die eines fernen Tages zu Staub und Betonteilchen werden – und von einem See in Kanada, bei dem die Grenze zum Holozän in den Sedimenten von blossem Auge sichtbar ist. «Die Dinge haben sich in den letzten Jahrzehnten so stark verändert, dass wir eine klare Grenze zur Vergangenheit feststellen können», so Zalasiewicz.

Zu den entscheidenden Veränderungen, die für das Anthropozän sprechen, gehört der radioaktive Niederschlag (Fallout), der durch die ersten Atombombentests 1954 oder durch Atomreaktorunfälle wie Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 entstanden ist. Radioaktive Teilchen gelangten dabei in die Atmosphäre, wo sie bis heute nachweisbar sind. «Wir alle sind dadurch leicht radioaktiv, sogar Eisschichten in Grönland weisen winzige Spuren von Plutonium auf.» Ebenfalls ein wichtiger Indikator ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die seit der Industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts fortwährend steigt, besonders stark seit den letzten 60 Jahren. Die Folge ist die Erderwärmung. Sie bringt eine Vielzahl von Veränderungen wie Gletscherschmelze und den Anstieg des Meeresspiegels mit sich.

Brathähnchen wird zum Symbol des Anthropozäns

Auch biologische Faktoren sprechen für das neue Zeitalter: Erstens sind durch den Klimawandel Tierarten ausgestorben, eine massive Aussterbewelle droht laut Biologen noch anzurollen. Zweitens sind durch die Einwirkung von Menschen neue Arten dazugekommen – erst vor wenigen Wochen machte ein wissenschaftlicher Artikel die Runde, der das Masthähnchen zum Symbol des Anthropozäns erhoben hat. «Das heutige Huhn hat ein völlig anderes Skelett als früher», sagt Zalasiewicz. «Durch Zucht haben wir ein neues Tier kreiert – und durch die Massenhaltung kommt es heute häufiger vor als alle anderen Vögel zusammen.» Auch bestehende Arten wie Ratten oder Kaninchen haben sich enorm verbreitet. Durch Schiff- und Flugreisen werden Tiere und Pflanzen zudem von Kontinent zu Kontinent verschleppt.

Man sieht: Verändert hat sich in der jüngsten Vergangenheit reichlich. Doch reicht dies, um eine neue Epoche auszurufen? Dagegen sprechen laut Zalasiewicz zwei Argumente: Zum einen, dass es eine äusserst kurze Zeitperiode ist und die neuen Erdschichten noch nicht sehr dick sind. Auf dem Seegrund messen sie im Schnitt lediglich um die zehn Zentimeter. «Aus geologischer Sicht ist bereits das Holozän mit seinen 11 700 Jahren ein relativ kurzes Zeitalter. Die meisten Epochen dauern Millionen von Jahren», gibt er zu bedenken. Zum anderen ist der Wandel noch nicht abgeschlossen, sondern immer noch im Gang. «Der Meeresspiegel steigt weiter an, ebenso die Temperatur. Auch das Tiermassensterben steht noch bevor. Viele Wissenschafter sind deshalb dafür, zu warten.» Uneinig sei man sich folglich über den genauen Beginn des Anthropozäns. Einige sehen den Startpunkt erst in der Zukunft, andere bereits im 18. Jahrhundert mit der Industriellen Revolution. Zu Letzteren gehören auch Paul Crutzen und Eugene Stoermer. «Die meisten in unserer Arbeitsgruppe sind jedoch der Meinung, dass die Mitte des 20. Jahrhunderts am auffälligsten war und die beste Grenze zum Holozän wäre», sagt Zalasiewicz. Vor allem die Verbreitung der Radionuklide durch die Atombombentests stelle ein deutliches Zeichen dar.

Berliner Kunstmuseum hilft bei der Finanzierung

Zur Arbeitsgruppe, deren Mitglieder auf der ganzen Welt verteilt sind und die vor zehn Jahren ihre Arbeit aufgenommen hat, gehört auch eine Forscherin in der Schweiz: Die Polin Irena Hajdas entwickelt an der ETH Zürich eine Methode, um Mammutknochen zu datieren. Erstaunlicherweise sind es zudem nicht bloss Geologen, Biologen und Chemiker, die mitwirken, sondern auch Historiker, Sozialwissenschafter, Philosophen, Architekten, Künstler – sowie ein Anwalt. Zalasiewicz: «Der Anwalt arbeitet an Gesetzen, die unser Zusammenleben auf einem sich verändernden Planeten regeln. Was jetzt nach Science-Fiction klingt, wird schon bald Realität sein. Zum Beispiel befasst er sich mit den Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels für Inselbewohner und für die Schifffahrt.» Keiner der 36 Gruppenmitglieder befasst sich allerdings hauptberuflich mit dem Thema, dafür fehlt ­ihnen schlicht das Geld. Bei «Hintergrundforschungen wie dieser» sei die Finanzierung grundsätzlich schwierig.

Enorm hilfreich sei in dieser Hinsicht das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gewesen. Es half bei der Finanzierung und griff das Thema seit 2013 in diversen Ausstellungen auf. In einer verwandelten Künstler beispielsweise heutige Alltagsobjekte wie Coca-Cola-Dosen in Fossilien. Auch befassten sie sich mit dem neuen Verhältnis zwischen natürlichen Umwelten und soziotechnischen Kräften wie Stromnetzen, Pipelines und Autobahnen. Seither ist das ­öffentliche Interesse am Anthropozän stark gestiegen. Das könnte den Rechercheprozess laut Zalasiewicz um eini- ges beschleunigen. «Normalerweise braucht es mehrere Dekaden, um ein neues Zeitalter zu benennen, denn es dauert sehr lange, um das geologische Material zu sammeln. Dank dem wachsenden Interesse könnten wir unser Konzept aber bereits in drei bis vier Jahren einreichen.»

Neues Zeitalter dient als Weckruf

Auf die Frage, weshalb die Zeiteinteilung wichtig ist, meint Zalasiewicz: «Viele Leute erhoffen sich wohl, dass die Menschen auf diese Weise wachgerüttelt werden und die Konsequenzen ihrer Taten begreifen. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, da glaubten wir, dass ungeachtet dessen, was wir tun, die Erde genau gleich weiterexistieren wird. Inzwischen haben wir begriffen, dass die Menschen die Erde für Millionen von Jahren verändert haben. Wir können nicht zurück, selbst wenn wir es wollten. Das Klima wird sich weiter verändern, der Meeresspiegel wird weiter steigen und die Ökosysteme können nicht mehr zum natürlichen Zustand zurück.»

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