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FRANKREICH: Anders als alle anderen

Wer verstehen will, wie es Emmanuel Macron gelingt, Frankreich über Nacht zu erobern, braucht nur zu verfolgen, wie er seine Lehrerin bis vor den Traualtar führte. Es ist die Geschichte eines Paares jenseits aller Konventionen.
Stefan Brändle, Paris
Ein untrennbares Paar – auch in der Politik: Emmanuel und Brigitte Macron. (Bild: Marlène Awaad/Getty (Le Mans, 11. Oktober 2016))

Ein untrennbares Paar – auch in der Politik: Emmanuel und Brigitte Macron. (Bild: Marlène Awaad/Getty (Le Mans, 11. Oktober 2016))

Stefan Brändle, Paris

Lyon, im Februar. In einem Hinterraum des Sportpalastes strahlt Emmanuel ­Macron buchstäblich, noch ganz erhitzt von seinem über zweistündigen Auftritt vor 5000 Anhängern, denen er Dinge sagte wie: «Je vous aime farouchement» («Ich liebe euch wie wild»). Dicht neben dem Sunnyboy mit den blauen Augen steht eine Frau im besten Alter, mit Stöckelschuhen und breitem Lachen, das von einer blonden Mähne eingerahmt wird. «Sie könnte seine Mutter sein, nicht?», raunt ein Lokaljournalist. Brigitte Macron hört es nicht, und sie würde auch nicht hinhören; sie hat den Satz schon zu oft gehört. Nicht, dass er ihr peinlich wäre. Unverblümt hat sie zu einem TV-Starmoderator gesagt: «Wir müssen uns beeilen mit der Präsidentenwahl, denn ich weiss nicht, welche Visage ich in ein paar Jahren haben werde.»

Macrons erste Rolle: Eine Vogelscheuche

Vor ein paar Jahren, genau gesagt 1993, war noch alles anders gewesen, in Amiens, einer anderen französischen Provinzstadt im Norden des Landes. Emmanuel war 15 Jahre alt, ein aufgeweckter, rundum beliebter Schüler des Jesuiten-Lyzeums Providence. Der Jüngling denkt noch nicht an die Politik, er besucht den Theaterklub der Schule, der von der Französischlehrerin Brigitte Auzière geleitet wird. Auch sie ist beliebt und stadtbekannt; aus einer alteingesessenen Schokolade- und Konfiserie-Dynastie von Amiens stammend, ist sie mit einem Bankdirektor verheiratet und zieht drei Kinder gross. Eine temperamentvolle Lehrerin aus gutem, gutbürgerlichem Haus also, der auch Emmanuel mit dem gebührenden Respekt begegnet. Bald zeigt sich, dass «Madame Auzière» und der frühreife Klavierspieler eine gemeinsame Leidenschaft für das Musische haben. «Mit vier Händen», wie sich eine Kennerin elegant ausdrückt, schreiben sie sogar ein Theaterstück, das am Lycée der «Vorsehung» (providence) aufgeführt wird. Emmanuel spielt auf der Bühne unter Szenen­applaus eine Vogelscheuche.

Hinter den Kulissen aber hat eine weitere Geschichte begonnen; unausgesprochen, aber spürbar für alle spinnt sich eine Beziehung zwischen der Lehrerin und dem Schüler, zuerst natürlich platonisch, schliesslich ist Emmanuel noch nicht einmal aus dem Schutzalter.

Brigitte Auzière weiss um ihre Gefühle und das Risiko, auch wenn sich die Zeiten seit den Sechzigern geändert haben. Ein wenig. Amiens ist nach wie vor eine traditionelle, bürgerlich wählende Stadt; Brigitte ist verheiratet, Emmanuel Sohn eines ortsbekannten Neurologen. Eine unmögliche Beziehung. Die 40-jährige Lehrerin fleht den 16-Jährigen an, von ihr zu lassen und nach Paris zu ziehen, und er wechselt in der Tat in das dortige Lycée Henri IV, das vielleicht beste Frankreichs. Bevor er abreist, sagt er ihr aber trotzig: «Sie werden mich nicht los. Eines Tages kehre ich zurück, um Sie zu heiraten.»

«Ich wusste, dass er der Mann meines Lebens war»

Die Lehrerin wird später einräumen: «Ich wusste, dass er der Mann meines Lebens war.» Zwischen Paris und Amiens kommt es zu stundenlangen Telefongesprächen, begleitet von diskreten Rendezvous’ auf dem Bahnhofquai. Brigitte bricht mit ihrem Ehemann, was in der Provinz-Bourgeoisie durchaus noch das Zeug zum Skandal hat. In Paris begleitet sie ihren jungen «Lover» – die kesse Brigitte mag solche englischen Ausdrücke – offen an Anlässe der Eliteuni Sciences Po, die Emmanuel nun besucht, oder zum Philosophen Paul Ricœur, der ihn unter die Fittiche genommen hat. Auch in der freien Hauptstadt zieht das ungleiche Paar die Blicke auf sich. Aber bald gewöhnt sich die Entourage daran, und als Brigitte endlich von ihrem Mann geschieden ist, bittet Emmanuel sie um die Hand.

Die Hochzeit findet bewusst in Amiens statt, in aller Offenheit, mit einem gewaltigen Fest. Emmanuel ist 29, Brigitte 53. Ein Unterschied von 24 Jahren, getilgt durch die offensichtliche Komplizenschaft, die natürliche, selbstverständlich zelebrierte Liebe. Ein – letzter – Sieg über die Konventionen, über die etablierte Ordnung, über all die Provinznotablen. An jenem 20. Oktober 2007 ergreift Emmanuel abends im Luxushotel Westminister des schicken Badeortes Le Touquet das Wort. Eine Videoaufnahme zeigt das Paar inmitten eines mondänen Publikums – mit Michel Rocard ist sogar ein Ex-Premierminister dabei; Emmanuel hält eine bewegte Rede über «ein nicht ganz normales Paar» und sagt mit Inbrunst den wichtigsten Satz des Abends: «Ich danke euch allen, die ihr uns so akzeptiert, wie wir sind.»

Seither ist das Paar untrennbar. In Le Touquet bewohnt es ein komfortables Stadthaus. Die meiste Zeit verbringen «les Macron» in einer 80-Quadratmeterwohnung in Paris. Emmanuel arbeitet zuerst bei der Bank Rothschild und fusioniert Firmen. Der frühere Mitterrand-Berater Jacques Attali stellt den brillanten Eliteschulabsolvent und Investmentbanker dem Präsidenten François Hollande vor, und der holt ihn in sein Kabinett, macht ihn 2014 gar zum Wirtschaftsminister. Bis Macron auf die Idee kommt, er könnte selber Staatschef werden; noch nicht 40, gibt er 2016 sämtliche Ämter auf, bildet aus seinen Initialen die Bewegung «En Marche!» (zu Deutsch etwa: Vorwärts!) und erklärt seine Kandidatur für das höchste Amt im Staat.

Der Aufstieg ist fulminant, kometengleich, doch Brigitte Macron bleibt unverrückbar an seiner Seite, verfolgt alle grossen Wahlmeetings aus der ersten Sitzreihe. Brigitte ist nicht nur Emmanuels Kommunikationsberaterin, sondern auch sein «Kompass», wie die beiden Journalistinnen Caroline Derrien und Candice Nedelec in ihrer Macron-Biografie festhalten. Die attraktive 63-jährige Französin hat so viel Energie, Charme und Temperament, dass sie es manchmal übertreibt. In einer Home­story der Illustrierten «Paris-Match» schwärmt sie, es sei unmöglich, ihm zu widerstehen. Ihr Gatte sei «ein Kavalier, ein Mensch von einem anderen Planeten, ein Philosoph, ein Schauspieler, ein Schriftsteller, der noch nichts veröffentlicht hat». Um anzufügen: «Und ich, ich verwahre die Manuskripte.»

Man kann sich vorstellen, dass die Macrons überall Stadtgespräch sind – nicht nur in Amiens. Mit einem bisweilen spöttischen Unterton werden sie bereits mit den Obamas, mit den Kennedys verglichen. Hacker – möglicherweise aus Russland – streuten per Schmutzkampagne, Macron habe ein Verhältnis mit dem Vorsitzenden von Radio France, Mathieu Gallet. «Brigitte, mit der ich all meine Tage und Nächte teile, fragt sich, wie das möglich sei», lachte er vor Publikum die Gerüchte weg. «Wenn jemand ein Doppelleben mit Mathieu Gallet hat, muss es mein Hologramm sein.»

Macron ist kein Revoluzzer, er ist ein Gentleman

Macron hat in den schwierigen Jahren vor seiner Heirat gelernt, mit Spiessersprüchen umzugehen und auf heimtückische Attacken richtig zu reagieren, nämlich gar nicht oder frontal. Macron ist kein Revoluzzer, er ist ein Gentleman. Wenn seine Fans an seinen Meetings Gegenspieler wie François Fillon oder Marine Le Pen ausbuhen, stoppt er sie, als wäre er der Schulmeister: «Pfeift nie jemanden aus! Man baut kein politisches Projekt mit Pfiffen.»

Auch wenn er sich nicht an die Konventionen hält: Manieren hat er. Gelernt hat er sie in seinem Elternhaus, verfeinert in den Pariser Salons. Macron ist ein pures Produkt der französischen Eliten – vom Lycée Henri IV über Sciences Po bis hin zur Ecole Nationale d’Administration (ENA). Ein verpönter Hort stromlinienförmigen Verwaltungsdenkens – doch Macron steht auch in der Öffentlichkeit stolz dazu. Er steht auch zu seiner früheren Tätigkeit als Investmentbanker, die in Frankreich nicht besser angeschrieben ist. In Südfrankreich streitet er einmal in Anzug und Krawatte mit zwei hemdsärmligen Vertretern eines Volksauflaufs. In die Enge gedrängt, ereifert er sich: «Sie machen mir in Ihrem T-Shirt keine Angst. Die beste Art, sich einen Anzug zu leisten, ist zu arbeiten.» Worauf einer antwortet: «Aber ich träume davon zu arbeiten, Monsieur Macron!»

Die gefilmte Szene wird Macron noch heute als Pariser Arroganz angekreidet. Dabei wirkt er ehrlich betroffen, wenn er die Diskriminierung der Ban­lieue-Zonen anprangert und – ganz unfranzösisch – Bildungs- und Jobquoten für die Einwanderjugend fordert. Ganz unfranzösisch legt er sich auch mit den Staatsbeamten an, indem er ihre Rentenprivilegien stufenweise abschaffen will. «Die Gerechtigkeit muss in alle Richtungen spielen», sagt Macron.

Nein, Macron ist kein Revolutionär, das Gegenteil von Fidel Castro, auch wenn sein Bestseller «Révolution» (November 2016) heisst. Sein Wahlprogramm ist biedere politische Mitte, wirtschaftlich führt es die keynesianische Linie von François Hollande weiter. Revolutionär ist nicht das Programm, sondern die Person. Der 39-jährige Politneuling will das alte Rechts-links-Schema, das Frankreich seit Beginn der Fünften Republik im Jahre 1958 beherrscht, im Alleingang aushebeln. Während bisher das Bonmot des weisen Präsidenten François Mitterrand galt, eine Präsidentschaftskandidatur baue sich über zwei Jahrzehnte auf, ist seine Bewegung «En Marche!» noch nicht einmal ein Jahr alt. Ein Blitzfeldzug à la Bonaparte. Stimmt, der war auch schon mit 35 Kaiser.

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