Frankreichs trügerische Freiheit: Die Angst bleibt – und die Coiffeure öffnen schon um Mitternacht

Frankreich hat seine zweimonatige Ausgangssperre am Montag aufgehoben. Doch viele blieben aus Vorsicht zuhause.

Stefan Brändle aus Paris
Drucken
Teilen
Noch wenig los auf Paris' Strassen: Die Tauben bleiben vorerst ganz entspannt hocken. (Bild: Keystone)

Noch wenig los auf Paris' Strassen: Die Tauben bleiben vorerst ganz entspannt hocken. (Bild: Keystone)

Auch wenn die Franzosen am Montag erstmals wieder ohne Auflagen auf die Strasse gehen konnten, hielt sich die Euphorie in engen Grenzen. Ausgelassene Stimmung? Fehlanzeige. Zudem stockt die Rückkehr in die französische Normalität gewaltig: Die Schulen nahmen den Betrieb zwar wieder auf, doch nur ein Viertel der Klassen kehrt effektiv zurück. Und auch nur, wenn die Eltern einverstanden sind: Die Teilnahme am Primarschulunterricht bleibt in Frankreich vorerst freiwillig. Die Spielplätze auf den Pausenhöfen bleiben abgesperrt. «Kontaktspiele» sind verboten, pro Unterrichtszimmer nur 15 Schüler zugelassen.

Die französische Bahn und die Pariser Metro nahmen am Montag ebenfalls wieder einen stark eingeschränkten Betrieb auf. Die Passagiere waren nicht sehr zahlreich. Spitzenzeiten sind ausdrücklich für Erwerbstätige reserviert, Schutzmasken sind obligatorisch. Oberirdisch bleiben die ansonsten üblichen Verkehrsstaus im Grossraum Paris aus. Viele Franzosen arbeiten offenbar aus Vorsicht weiterhin aus dem Homeoffice.

«Neue Ausgangssperren sind nicht auszuschliessen, wenn das Virus seine verrückte Laufbahn fortsetzt.»

Gesundheitsminister Olivier Véran rief seinen Mitbürgern am Montag warnend in Erinnerung, dass die Krise mit der allmählichen Rückkehr zur Realität längst nicht ausgestanden sei: «Neue Ausgangssperren sind nicht auszuschliessen, wenn das Virus seine verrückte Laufbahn fortsetzt.» Am Wochenende bildeten sich in Frankreich drei neue «Cluster», wie man die nachgewiesenen Gruppenansteckungen auch in Frankreich nennt.

Haare schneiden zur Geisterstunde

Entsprechend vorsichtig setzen die Behörden die Lockerungen um. Wer sich weiter als 100 Kilometer von seinem Domizil fortbewegt, braucht nach wie vor einen Passagierschein. Familientreffen sind nur mit weniger als zehn Personen erlaubt. Restaurants und Kinos bleiben zu. Nur kleine Museen – in Paris etwa das Giacometti-Insitut – öffnen ihre Pforten bereits wieder. Kirchen und Friedhöfe gehen zwar auf, aber nicht für Messen oder grössere Beerdigungen. Hochzeiten bleiben bis auf weiteres aufgeschoben.

Strände werden von den Behörden nur «von Fall zu Fall» geöffnet und Stadtparks auch nur in den so genannten grünen Zonen des Landes, in denen die Ansteckungszahlen entsprechend tief sind. Im «roten» Gebiet – Paris und der Nordosten des Landes – gelten noch mehr Restriktionen.

Läden, Einzelgeschäfte und kleinere Einkaufszentren konnten am Montag in Frankreich hingegen wieder die Arbeit aufnehmen. Wie ungeduldig sie auf diesen Tag gewartet hatten, bewiesen einzelne Coiffeure: Sie öffneten ihr Geschäft am Montag schon um 00.01 Uhr und arbeiteten dann die ganze Nacht durch.