FRANKREICH: Der Wahlkampf wird handgreiflich

Die Ohrfeige eines bretonischen Nationalisten für den Präsidentschaftskandidaten Manuel Valls widerhallt im Primärwahlkampf der französischen Linken. Gewählt wird in Frankreich morgen.

Stefan Brändle/Paris
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Will Präsident Frankreichs werden: der ehemalige Premierminister Manuel Valls (54). (Bild: Eric Feferberg/AP (Paris, 19. Januar 2017))

Will Präsident Frankreichs werden: der ehemalige Premierminister Manuel Valls (54). (Bild: Eric Feferberg/AP (Paris, 19. Januar 2017))

Stefan Brändle/Paris

Wie einst Wilhelm Tell wusste der Jüngling Nolan, durch welche hohle Gasse der Vogt kommen würde. Und dort wartete er mit der blossen Hand als Waffe. Als Manuel Valls am Dienstag das Rathaus von Lamballe (unweit von Saint-Malo) verliess und erhobenen Hauptes durch die Zaungäste schritt, schlug Nolan zu und traf die linke Wange des ehemaligen Premierministers. Ein Leibwächter warf sich sogleich auf den Missetäter und brachte ihn rückwärts zu Fall.

Doch es war schon zu spät: Die Ohrfeige für den hohen Gast aus Paris war nicht mehr rückgängig zu machen und verbreitete sich, da mehrfach gefilmt, in Windeseile über die Internet­kanäle. Lautstark krachte sie in den internen Wahlkampf der Sozialistischen Partei, die morgen ihren Präsidentschaftskandidaten küren will.

«Im Herzen» oder am rechten Rand der Partei?

Valls ist einerseits der Favorit seiner Partei – aber auch von allen sieben Kandidaten am meisten in der Defensive. Denn er verkörpert, ob er will oder nicht, die wenig erfreuliche Bilanz der Amtszeit von Präsident François Hollande, dessen Premierminister er seit 2014 war. Die Ohrfeige hatte zwar vorab regionalpolitische Motive: Der 18-jährige Arbeitslose Nolan L. – der im Schnellverfahren zu drei Monaten Haft bedingt und 105 Stunden gemeinnütziger Arbeit verknurrt wurde – ist bekannt als Kämpfer für die bretonische Sache und Sprache. Er soll seinen Handschlag für den Pariser Politiker mit den Worten begleitet haben: «Hier ist die Bretagne!»

Doch im Internet meinten viele Linkssympathisanten aus anderen Landesteilen, sie hätten «auch Lust, Valls eine zu kleben». Der Premier zählt zum rechten Flügel seiner Partei und trieb mit seinem umstrittenen Arbeitsrecht schon Hunderttausende auf die Strasse. Im aktuellen Wahlkampf bemüht er sich, seine linken Überzeugungen herauszustreichen. Ohne rot zu werden, behauptet er, er befinde sich nicht am Rand, sondern «im Herzen» der Partei.

Nolan L. hat diese Strategie buchstäblich auf einen Schlag zerstört. Unter dem Eindruck der «Erniedrigung», so die Zeitung «Le Figaro», lässt Valls seinen linken und ohnehin künstlich wirkenden Wohlfühlkurs wieder sein und meint stramm: «Ich bin gegen jede Form von Gewalt, ich verkörpere die Autorität.» Wie früher kritisiert er wieder seine Parteigegner zur Linken: «Manchmal akzeptiert man, so auch auf der Linken, gewisse Formen der Gewalt; ich halte das für inakzeptabel.»

Die Frage ist nun, ob Valls damit in den Reihen der Parti Socialiste eher punkten kann – oder sich im Gegenteil noch unbeliebter machen wird. In den Umfragen haben seine linken Widersacher Benoît Hamon und Arnaud Montebourg fast gleichgezogen mit dem ehemaligen Premier, der so gar nicht von seiner Bekanntheit als Ex-Regierungschef zu profitieren scheint.

So ist völlig offen, wer am Sonntag in die Stichwahl der «primaire de la gauche», Primärwahl der Linken, einziehen wird. Eine Woche später wird der offizielle Kandidat der Sozialisten in einer Stichwahl ermittelt. Bei den eigentlichen Präsidentenwahlen von Ende April wird er wohl gegen vier starke Gegner antreten müssen – Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon auf der Linken, Marine Le Pen und François Fillon auf der Rechten. Für Valls türmen sich mehr und mehr Hindernisse auf dem Weg in den Elysée-Palast, wo er Hollande beerben will.