FRANKREICH: Die «Ente» schnappt weiter nach Fillon

Die Enthüllungen des «Canard enchaîné» über die Scheinjob-Affäre des französischen Präsidentschaftsfavoriten François Fillon reissen nicht mehr ab. Nach drei Ausgaben hat das Wochenblatt sein «Material» noch nicht ausgeschöpft.

Stefan Brändle/Paris
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Ausgabe des «Canards» zur Fillon-Affäre an einem Kiosk. (Bild: Bertrand Combaldieu/AP (Paris, 1. Februar 2017))

Ausgabe des «Canards» zur Fillon-Affäre an einem Kiosk. (Bild: Bertrand Combaldieu/AP (Paris, 1. Februar 2017))

Stefan Brändle/Paris

Alles schien ausgemacht bei den französischen Präsidentschaftswahlen: François Fillon und Marine Le Pen würden Ende April in die Stichwahl vorstossen, und dort würde der Konservative im Mai klar gegen die Ultranationalistin siegen. Und über Frankreich hinaus, so meinten die Politologen, würde Le Pens Misserfolg die Populismuswelle mit Brexit und Trump zumindest in Europa stoppen.

Dann kam die Ente. Die Zeitschrift «Le Canard enchaîné» («Die angekettete Ente»), die ihre Enthüllungen seit dem Ersten Weltkrieg satirisch verbrämt, um der Zensur ein Schnippchen zu schlagen, berichtete im Blatt­innern, dass der «makellose» Kandidat Fillon seine Ehefrau unter anderem als parlamentarische Assistentin jahrelang angestellt und mit insgesamt 500000 Euro fürstlich entlöhnt habe. Und das war nun keine Satire.

Einen Tag später trat Fillon zur besten Sendezeit vor die Fernsehkameras, um zu beteuern, seine Frau Penelope habe für das Geld wirklich gearbeitet. Dann setzte er seinen Wahlkampf fort – bis der «Canard» am folgenden Mittwoch nachlegte: Nun präsentierte er Rechnungen von über 900 000 Euro inklusive 80 000 Euro für Missionen der beiden Kinder Fillons. «Dabei sage ich doch, dass Penelope nichts gemacht hat», liess das Wochenblatt Fillon doppelsinnig witzeln.

Präsidentschaftskampagne in der Schwebe

Da inzwischen auch die Finanzstaatsanwaltschaft wegen Veruntreuung öffentlicher Parlamentsgelder ermittelt, verteidigte sich der konservative Ex-Premier am Montag danach an einer Pressekonferenz. Der Effekt hielt an bis am Mittwoch: Jetzt lieferte der Enterich einen «neuen Beweis, dass Fillon einzustecken weiss» – politisch gesprochen, aber auch finanziell. Das nicht nur gut, sondern am besten informierte Blatt will wissen, dass die Ermittler «keine Spur» dieser angeblich 15-jährigen Arbeit gefunden hätten. Hingegen habe Penelope auch noch 45 000 Euro als Entlassungsabfindung erhalten. Und Fillon selbst habe seinen Parteifreunden soeben telefonisch gedroht, falls sie ihn fallen liessen.

Die Präsidentschaftskam­pagne ist damit in der Schwebe: Niemand weiss, ob Fillon den «Canard»-Enthüllungen noch lange standhalten wird. Ein valabler Nachfolger ist nicht in Sicht, weshalb die bisher so siegessichere Rechte zwischen zwei Übeln wählen muss – sie kann das Rennen mit einem geschwächten Fillon oder einem schwachen Ersatz fortsetzen. Plötzlich scheint wieder ein Sieg Le Pens oder – derzeit noch wahrscheinlicher – des Mitte-links-Bewerbers Emmanuel Macron möglich. Hinter den zwei Gegenspielern ist Fillon in den Umfragen auf Platz drei abgesackt. Ältere Franzosen erinnern sich, wie oft der «Canard» schon Politiker zu Fall gebracht hat. In seiner Trophäensammlung hängen Präsidentschaftskandidaten wie Jacques Chaban-Delmas oder Valéry Giscard d’Estaing – Letzterer wegen der so genannten Bokassa-Diamanten –, aber auch ehemalige Premierminister wie Alain Juppé, Pariser Bürgermeister wie Jean Tibéri oder Ministerinnen wie Michèle Alliot-Marie. Sie stammen mehrheitlich aus dem bürgerlichen Lager, doch wehrt sich der «Canard» gegen die Einschätzung, er stehe links. In der neusten Ausgabe enthüllt er zum Beispiel die vergeblichen Mühen Macrons, sich in einer französischen Militärbasis in Jordanien fotografieren zu lassen. Oder den ebenso kläglich gescheiterten Versuch von François Hollande, sich als zukünftiger Präsident des Europäischen Rates ins Spiel zu bringen.

Der «Canard» zählt zahllose Informanten

Früher war Hollande auch schon als einer der zahllosen Informanten des Satireblattes gehandelt worden. Die Fillon-Affäre hat wohl nicht er dem «Canard» gesteckt. Und wohl auch nicht Ex-Justizministerin Rachida Dati, die sich laut Pariser Medien an Parteifreund Fillon rächen wollte, weil er ihr einen Abgeordnetenposten vorenthalten hatte. Das Investigationsblatt hat für einmal beschrieben, wie es selber begonnen hatte, Fillons Einkommensverhältnisse unter die Lupe zu nehmen – und umso eifriger forschte, als der Angefragte geblockt habe. Deshalb dürfte das so freche wie hartnäckige Entenblatt, das keine Werbung abdruckt und seine Auflage binnen zwei Wochen um einen Viertel auf 500 000 Exemplare gesteigert hat, noch ein paar Pfeile im Köcher haben. Die Fillon-Equipe zittert dem nächsten Mittwoch entgegen.