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FRANKREICH: Ein Hauch von Mai 68

An der Sorbonne und anderen französischen Universitäten gärt es. Bereits ein Dutzend Fakultäten sind besetzt. Studenten suchen den Schulterschluss mit den streikenden Bahnarbeitern.
Stefan Brändle, Paris
Studenten protestierten bereits Ende März im Universitätsgebäude in der Pariser Rue de Tolbiac. (Bild: Lucas Barioulet/Keystone (Paris, 29. März 2018))

Studenten protestierten bereits Ende März im Universitätsgebäude in der Pariser Rue de Tolbiac. (Bild: Lucas Barioulet/Keystone (Paris, 29. März 2018))

Stefan Brändle, Paris

Noch weht keine rote Fahne auf der Kuppel der altehrwürdigen Sorbonne. Die Behörden haben das Hauptportal sicherheitshalber gesperrt. Wer den Cour d’honneur (Ehrenhof) der 1257 gegründeten Universität dennoch betreten will, muss sich an einem kleinen Seiteneingang einer peinlich genauen Identitäts- und Taschenkontrolle durch Uniformierte unterziehen.

Die Absicht der Direktion ist klar: Die Geschichte soll sich nicht wiederholen. In wenigen Tagen werden es 50 Jahre her sein, dass Studenten wie Daniel Cohn-Bendit von der ausgelagerten Universität Nanterre kommend die Sorbonne im Stadtzentrum von Paris besetzten. Ab dem 3. Mai 1968 machten die Studenten hier das ganze Quartier Latin unsicher; am 10. Mai organisierten sie die «Nacht der Barrikaden», dann hielten sie der Polizei noch fast einen Monat stand. Noch im Juni, als die Sorbonne «gefallen» war, gelang es der Feuerwehr lange nicht, die rote Fahne der Revolte von der Kuppelspitze zu holen.

Anleitungen zum Bau von Molotow-Cocktails

Jetzt erzählt ein Hauswart in der Rue de la Sorbonne, die Bereitschaftspolizei patrouilliere hier rund um die Uhr. «Sie überwachen die strategischen Punkte des Quartiers Latin seit Tagen diskret, aber sehr genau, auch nachts.» Die Sicherheitsorgane haben allen Grund dazu. Ein Dutzend Universitäten in Frankreich sind schon besetzt.

So auch ein Annex der Sorbonne in der Rue Tolbiac südlich des Quartiers Latin. Dort kommt die Polizei nicht mehr in die geisteswissenschaftliche Fakultät hinein. Die Besetzer haben den Eingang mit Tischen und Stühlen verbarrikadiert. Bei den Kaffeemaschinen kochen sie, im grössten Hörsaal schlafen sie. An den Wänden hängen Sprüche wie «Die Kapitalisten kosten zu viel», oder es sind detaillierte Anleitungen für den Bau von Molotow-Cocktails angebracht. Sorbonne-Direktor Georges Haddad verzichtet auf eine polizeiliche Räumung, um Schaden an Leib und Leben zu vermeiden.

Der Protest richtet sich gegen das neue, unter Präsident Emmanuel Macron in Kraft gesetzte Einschreibeverfahren für angehende Studenten namens Parcoursup. Es verschärfe die Selektion, monieren linke Organisa­tionen und Parteien. «Unser Widerstand geht aber darüber hinaus», meint Irène, eine 21-jährige Geschichtsstudentin. «Wir kämpfen auch gegen die ständig steigenden Studiengebühren. Sie führen wie in den USA, aber auf schleichende Art, zur Bildung von Eliteunis, die sich nur noch die Reichen leisten können», fügt die vermummte Besetzerin an. Dann lässt sie ihrer Wut freien Lauf: «Vor allem kämpfen wir gegen Macron und seine liberale Politik. Die ist rein geldbezogen und zerstört den Service public.»

Ähnlich tönt es in einem Hörsaal. Dort präsentiert Soziologiestudent David gerade ein paar breitschultrige Gewerkschafter, die bei Geodis, dem Logistikunternehmen der streikenden Staatsbahn SNCF, angestellt sind. Ein Vertreter der Gewerkschaft CGT erzählt, dass ein Arbeiter im Werk Gennevilliers (nördlich von Paris) jeden Tag 80 Lastwagen entlade und bis zu 12 Tonnen Früchte und Gemüse herumschleppe. «Nicht einmal unser Dienstältester, seit 44 Jahren im Betrieb, hat jemals eine individuelle Gehaltserhöhung erhalten. Sein Rücken ist längst im Eimer.»

David informiert die 30 Anwesenden, warum er die Arbeiter von Geodis eingeladen habe. «Wenn es gelingt, dieses Unternehmen zu blockieren, sind in wenigen Tagen sämtliche Supermärkte im Grossraum Paris leer. Das ist viel wirkungsvoller als Strassenblockaden.» In einer Pause erzählt ein Mann mit weissem Stoppelbart, wie sich die Studenten im Mai 1968 mit den Renault-Arbeitern solidarisiert hätten; zehn Millionen Bürger seien damals in den Generalstreik getreten und hätten der Regierung in Paris weit reichende Sozial­gesetze abgerungen.

Nicht viel übrig für die Helden von damals

Könnte sich die Geschichte vielleicht wiederholen? Gaston, ein freundlicher, 25-jähriger Mützenträger, liest gerade eine zerfledderte Ausgabe des kapitalismuskritischen 68er-Klassikers «Die Gesellschaft des Spektakels». Die Antwort folgt unverblümt: «Machen wir uns nichts vor, Mai 68 ist gescheitert.» Der junge Anarchist, der den Namen Gaston nur als Pseudonym trägt, hat nicht viel übrig für die Helden von damals. «Daniel Cohn-Bendit ist heute ein Freund Macrons. Wenn du ihm sagst, man müsse in Frankreich Feuer legen, wiegelt er ab, man könne doch nicht alles in Schutt und Asche legen. Ich finde, wir müssen uns zuerst einmal darauf konzentrieren, ein richtiges Feuer zu legen, bevor wir an das Nachher denken!»

Noch fliegen in Paris nicht einmal die Pflastersteine. Die Masse der Studenten denkt eher an die nahenden Prüfungen zum Semesterende. Nur ein Dutzend Universitäten im Land sind ganz oder teilweise blockiert. Frankreich scheint nicht reif für die Revolte, sondern eher für Reformen Macron’scher Art.

Trotzdem reagiert der Präsident nervös: Die blockierte Universität Nanterre, wo 1968 die Mai-Krawalle ausgegangen waren, liess er diese Woche polizeilich räumen. Über die Hochschulen hinaus mehren sich die Streiks in immer mehr Berufs­kategorien. Premierminister Edouard Philippe beschwichtigt, die Anliegen der Studenten und der Krankenschwestern seien so unterschiedlich wie die der Bahnarbeiter und der Air-France-Angestellten. Und er fügt gleich hinzu, dass er keine «convergence» sehe – ein Begriff, mit dem 1968 die zusammenfliessenden Kräfte des Generalstreiks umschrieben wurden.

Der Druck auf Macron steigt

Der Widerstand gegen Macrons resolute Reformpolitik wächst dennoch. Wenn der Funke auf alle Universitäten übergreifen und sich mit den bis Juni angesetzten Protesten der Eisenbahner mischen sollte, käme der Staatschef im Elysée-Palast unter massiven Druck. Vielleicht denkt Macron schon an seinen Vorgänger Charles de Gaulle: Der musste weniger als ein Jahr nach 1968 seinen Hut nehmen.

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