FRANKREICH: Ein Prozess führt zum Ursprung der Terrorwelle

Seit gestern steht der Drahtzieher der Attentate von Toulouse von 2012 vor Gericht.

Stefan Brändle, Paris
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Die Mutter eines französischen Soldaten, welcher Opfer vom Dschihadisten Mohammed Merah wurde. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Die Mutter eines französischen Soldaten, welcher Opfer vom Dschihadisten Mohammed Merah wurde. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Toulouse, das steht für Pyrenäen-Sicht und Airbus-Sitz, Foie Gras und Rugby. Seit 2012 steht Toulouse jedoch auch für Mohammed Merah. Der damals 23-Jährige erschoss im März jenes Jahres drei Soldaten, eine Woche später vor einer jüdischen Schule einen Familienvater und drei Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Von Spezialeinheiten in seiner Wohnung gestellt, starb er nach einer dramatischen, mehr als 24-stündigen Belagerung im Kugelhagel der polizeilichen Scharfschützen.

Bald darauf geriet die Familie Merah ins Visier der Ermittler. Vor allem der älteste Bruder Abdelkader war dem Geheimdienst als radikalisierter Islamist bekannt. Er sitzt seit gestern wegen Beihilfe zu Mord anlässlich einer terroristischen Unternehmung auf der Anklagebank eines Pariser Geschworenengerichts. Vorerst schweigt er. In der Untersuchung hatte er nur erklärt, er sei «stolz» auf seinen Bruder.

Frankreich ist ein anderes Land als vor fünf Jahren

Der einen Monat dauernde Prozess ist der Auftakt zur juristischen und notgedrungen politischen Aufarbeitung der Terrorwelle, die Frankreich seit 2012 heimsucht und in den Anschlägen auf «Charlie Hebdo», das Bataclan-Lokal und die Promenade von Nizza mit insgesamt 233 Toten gipfelte. Die Ermordung zweier Frauen vor dem Bahnhof Marseille durch einen tunesischen Mann am Sonntag hat erneut vor Augen geführt, wie akut die Terrorgefahr in Frankreich bleibt.

Der Prozess illustriert zugleich, wie viel sich in den letzten fünf Jahren verändert hat. Bis heute befindet sich Frankreich im mehrfach verlängerten Ausnahmezustand. Im November soll er durch ein neues Antiterrorgesetz – eines unter vielen – abgelöst werden. Über 10 000 Personen, darunter eine Mehrheit Salafisten, bleiben aber in der berüchtigten S-Kartei; zahlreiche Verdächtige bleiben in Hausarrest.

Vor fünf Jahren war die Bedrohung den wenigsten Franzosen bewusst gewesen. Nach seinen Taten nannten die Medien Merah «schizophren». Heute schreibt das Wochenmagazin «L’Express», der Amokschütze habe ein «bewusstes ideologisches und politisches Projekt» verfolgt. Und dies keineswegs allein. Hauptdrahtzieher war offenbar Mohammeds Bruder Abdelkader. Er soll als spiritueller Dschihad-Mentor für zahlreiche Bekannte gewirkt haben. In seinem Wohnviertel «Ben Laden» genannt, versuchte er seine ganze Familie in den Dschihad zu ziehen. Die Schwester Aïcha und der Bruder Abdelghani weigerten sich zwar – Letzterer mobilisiert heute landesweit gegen Radikalislamisten. Die übrigen machten aber mit, wie Mohammed, von dem später ein Schreiben gefunden wurde, auf dem er Frankreichs damaligem Staatschef drohte: «Oh, Sarkozy wisse, dass diese Operationen nur der Anfang sind.»

Der Dschihad als Blitzableiter

Abdelkader und Mohammed, in alltäglicher Gewalt aufgewachsen und bald in die Kriminalität abgeglitten, fanden im Dschihad einen Blitzableiter für ihre Abscheu gegen Frankreich und ihren Hass auf Juden. Die Staatsanwaltschaft hat den Antisemitismus von Abdelkader Merah als erschwerenden Umstand in die Anklageschrift aufgenommen. Er schwebt auch unausgesprochen über dem Prozess. Die Feministin Elisabeth Badinter hat den Medien und Politikern vergangene Woche vorgeworfen, sie würden aus gesellschaftspolitischen Rücksichten unterschlagen, dass der heutige Antisemitismus in Frankreich das Werk von Islamisten, kaum mehr von Rechtsextremen sei.

Mehrere Gewalttaten haben die Ängste der 600 000 französischen Juden in diesem Jahr wieder bestärkt. Im April wurde die Rentnerin Sarah Halimi im Pariser Einwandererviertel Belleville von einem Nachbarn durch einen Wurf über das Balkongeländer getötet. Die Polizei nahm den Täter, der «Allahu Akbar» geschrien haben soll, in psychiatrische Haft; erst im September, nach monatelangen Protesten der jüdischen Gemeinschaft, wurde der möglicherweise antisemitische Charakter der Tat anerkannt.

In Toulouse hat die jüdische Schule Ozar Hatorah den Sicherheitsdienst seit 2012 verstärkt und die ohnehin schon eindrücklichen Umfassungsmauern erhöht. Aus der Stadt sind seit dem Merah-Attentat nach offiziellen Zahlen 225 Familien nach Israel ausgewandert.

Stefan Brändle, Paris