FRANKREICH: Fillon leistet Widerstand – mit einer Grossdemonstration

Mit einer Grossdemonstration in Paris hat der französische Konservative François Fillon seine Präsidentschaftskandidatur verteidigt. Seine Partei will aber längst Alain Juppé ins Rennen schicken.

Drucken
Teilen
François Fillon (63), Präsidentschaftskandidat der französischen Republikaner, bei seiner Rede gestern in Paris. (Bild: Ian Langsdon/EPA (5. März 2017))

François Fillon (63), Präsidentschaftskandidat der französischen Republikaner, bei seiner Rede gestern in Paris. (Bild: Ian Langsdon/EPA (5. März 2017))

«Sie meinen, ich sei allein», beginnt Fillon seine Rede vor Zehntausenden von Anhängern auf der Place du Trocadéro, und natürlich schallt ihm ein einziges «Non!» entgegen. Das ist Balsam für den angeschlagenen Ex-Premier, der im November triumphal zum Kandidaten der Republikaner bestimmt worden war, sich aber danach in die Scheinjob-Affäre seiner Frau Penelope verstrickte und politisch zunehmen isoliert ist. Vor der Kulisse des Eiffelturms gibt er sich sehr patriotisch und sehr kämpferisch; wenn er Voltaire, Rousseau oder Camus zitiert oder die «Familie, Arbeit und Ordnung» verteidigt, erntet er anhaltende «Fillon président»-Sprechchöre.

Seine Frau Penelope wirkt bleich

Und doch hinterlässt die halbstündige, von Sturmregen gestörte Rede den Eindruck, dass Fillons Kampf langsam zu Ende geht. Im Unterschied zu den Auftritten der letzten Tage gibt er keine Durchhalteparolen mehr heraus und ruft seinen Fans nicht mehr zu, er werde auf keinen Fall aufgeben. Zwar gesellt sich Penelope Fillon zu ihm auf die Bühne, nachdem sie sich in einer Sonntagszeitung erstmals seit einem Monat zur «Affäre» geäussert hatte. Sie behauptet dort, sie habe wirklich als Parlamentsassistentin für ihren Mann gearbeitet, liefert aber keine neuen Belege. Mitte März muss ihr Mann vor den Richter. Doch Penelope wirkt bleich, ihr Mann muss zum Schluss selber gegen die Tränen kämpfen. Politisch ist er effektiv allein. Das Gros der Republikaner ist bereits abgesprungen. Nach seinem Sprecher Thierry Solère legte am Samstag auch sein Wahlkampfchef Patrick Stefanini die Arbeit nieder. Die Kundgebung wurde deshalb in erster Linie von rechtskatholischen Verbänden wie Sens commun organisiert, die früher schon gegen die Homosexuellen-Ehe mobilisiert hatten.

Fillons Kundgebung hatte etwas von einem letzten Aufbäumen des rechten Parteiflügels. Die Direktion der Republikaner sucht derweil schon einen Ersatzmann, um die Wahlchancen einigermassen zu wahren. Selbst ein betont Konservativer wie der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, schlug gestern einen ­«alternativen Weg zu Fillon» vor. Das Einfachste sei, den Zweitplatzierten der Primärwahl, Ex-Premier Alain Juppé, ins Rennen zu schicken, meinte er, um anzufügen: «Wir haben keine Zeit für Debatten, wer der Begabteste ist.» Der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahlen ist auf den 23. April angesetzt.

Auch Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der in der Partei immer noch viele Fäden zieht, setzt offenbar auf Juppé: Er vereinbarte am Samstag mit dem gemässigten Gaullisten, ein Treffen der Parteispitze auf heute vorzuverlegen. Fillon wurde gar nicht erst gefragt, ob er damit einverstanden sei. Allerdings ist er immer noch legitimer Präsidentschaftskandidat der Partei; verzichtet er nicht von sich aus, kann und will Juppé nicht antreten. Gestern Abend erklärte er in einem TV-Interview auf die Frage, ob er sich zurückziehe: «Meine Antwort ist nein». Selbst wenn Fillon abtreten und Juppé in die Lücke springen würde: Erst müsste sich noch weisen, ob ihm alle Fillon-Wähler die Stimme geben würden. Viele könnten zur Ultranationalistin Marine Le Pen überlaufen.

Umgekehrt könnte Juppé, der menschlich wie politisch bedeutend konsensueller wirkt als Fillon, dem unabhängigen Mittekandidaten Emmanuel Macron zahlreiche Stimmen wegnehmen. In Umfragen liegt Juppé erstaunlicherweise bereits vor Le Pen und Macron. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Wie die politische Kommentatorin Ruth Elkrief gestern meinte, ist «auf der französischen Rechten alles möglich». Die Republikaner haben das Kapitel Fillon noch keineswegs hinter sich.

 

Stefan Brändle, Paris