Frankreich führt Dienstpflicht für Jugendliche ein

Diese Woche rücken die ersten 16-jährigen Franzosen zu einem einmonatigen «Universaldienst» ein. Präsident Emmanuel Macron will damit den nationalen Zusammenhalt stärken.

Stefan Brändle, Paris
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Ein Hauch Militärdrill: Jugendliche treten in Avignon zu ihrem «service national universel» an. (Bild: Jérôme Rey/PhotoPQR; 17. Juni 2019)

Ein Hauch Militärdrill: Jugendliche treten in Avignon zu ihrem «service national universel» an. (Bild: Jérôme Rey/PhotoPQR; 17. Juni 2019)

Die Tagwache ergeht nicht mit dem Hahnenschrei, sondern mit Fahnenhissen. Punkt 6.30 Uhr werden die Mittelschüler aufgeweckt, und gegen acht Uhr folgt die erste Bewährungsprobe – das gemeinsame Singen der Marseillaise, der Nationalhymne. So begann am Montag der «Universaldienst», den Emmanuel Macron nach einem Versprechen im Präsidentschaftswahlkampf 2017 sehr rasch in die Tat umgesetzt hat. Die ersten 2000 Jungen und Mädchen im Alter von 16 Jahren rückten freiwillig in Studentenwohnheime, Gemeindesäle und andere öffentliche Zentren ein. Dort erhielten sie ihre Uniform – dunkelblaue Hose und Jacke, weisses Polohemd, Basketballmütze.

Die beiden ersten Wochen – die in die langen Sommerferien fallen – werden die Mittelschülerinnen und -schüler in das gesellschaftliche Zusammenleben eingeführt. Sie lernen Erste Hilfe, Verkehrsregeln und Bürgerkunde; ferner werden sie auf sprachliche und gesundheitliche Kriterien geprüft.

Selbstverteidigung und Attentats-Übungen

Zwei weitere Wochen, diesmal während der Schulzeit, gelten dem «Allgemeininteresse», sei das in der Armee, Spitälern oder gemeinnützigen Vereinen. «Ich hoffe, dass mir dies berufliche Perspektiven vermittelt», meinte ein teilnehmendes Mädchen namens Manon. «Wir werden Selbstverteidigung lernen, zusammen spielen und so tun, als gäbe es eine Naturkatastrophe oder ein Attentat.»

Die Mittelschüler sollen aus ihrem Wohngebiet herauskommen und werden bewusst in entferntere Departemente versetzt. In den Schlafsälen sind Mädchen und Jungen getrennt; tagsüber ist das Handy untersagt.

Und vor allem ist der «service national universel» prinzipiell obligatorisch. Ab nächstem Jahr sollen schon 40000 Jugendliche einrücken; später sollen sämtliche 800000 Absolventen eines Jahrgangs an die Reihe kommen. Staatssekretär Gabriel Attal erklärte kategorisch: «Niemand kann sich ausmustern lassen. Auch das ist mit dem Wort ‹universell› gemeint.»

Macron verhehlt nicht, dass er in erster Linie Jugendliche aus den Einwanderervierteln im Auge hat. Erstes Ziel sei die «Stärkung der nationalen Kohäsion», hatte er im Präsidentschaftswahlkampf erklärt. Die Ablösung der Wehrpflicht durch eine Berufsarmee 1997 sei zwar eine militärische Notwendigkeit gewesen; der nationale Zusammenhalt sei aber dadurch geschwächt geworden.

Nach Macrons Wahl sträubte sich der Generalstab indessen, eine pseudomilitärische Ausbildung von 800000 Rekruten zu übernehmen. Die französische Armee ist derzeit im eigenen Land, aber auch in Westafrika mit äusserst aufwendigen und delikaten Missionen zur Terrorbekämpfung betraut. Sie will sich dazu nicht auch noch mit Jugendlichen herumschlagen müssen, die zur Landesverteidigung nichts beitragen können.

Kritik an hohen Kosten

Macron musste sein Projekt deshalb zeitlich und inhaltlich zusammenstreichen. Möglich bleibt zwar im Anschluss an den Universaldienst ein dreimonatiges, fakultatives «Engagementes». Dessen genaue Ausrichtung ist aber noch sehr schwammig.

Von der «Erfahrung militärischen Lebens», die Staatsoberhaupt Macron vorschwebte, ist deshalb nicht mehr viel geblieben. Ausser hohen Kosten von nahezu 2000 Euro pro Person oder insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Kritiker zur Rechten und Linken meinen deshalb, der finanzielle Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Resultat: Die Landesverteidigung werde nicht gestärkt, und die nationale Kohäsion hätte sich auf andere Weise besser fördern lassen.