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FRANKREICH: Im Pulverfass Calais kommt es zu Ausschreitungen

Seit Oktober 2016 gilt das Flüchtlingslager bei Calais offiziell als geschlossen. Trotzdem halten sich um die Stadt noch immer Hunderte Migranten auf. Nun ist es erneut zu Ausschreitungen gekommen.
Stefan Brändle, Paris
Frustriert und im Stich gelassen: eine Gruppe von Flüchtlingen und Migranten nahe des Fährhafens von Calais. (Bild: Johan Ben Azzouz/EPA (1. Februar 2018))

Frustriert und im Stich gelassen: eine Gruppe von Flüchtlingen und Migranten nahe des Fährhafens von Calais. (Bild: Johan Ben Azzouz/EPA (1. Februar 2018))

Stefan Brändle, Paris

Augenzeugen von Hilfswerken sprachen von «Kriegsszenen». Latente Spannungen zwischen Eritreern und Afghanen seien bei einer Essensausgabe in der Nähe des geschlossenen Lagers offen ausgebrochen. Laut Polizeiberichten und Handyvideos gingen zahlenmässig überlegene Afri­kaner mit Schlagstöcken und Eisenstangen auf einige Dutzend Afghanen los. An zwei Orten ­fielen darauf Schüsse, bevor die Polizei eingreifen konnte. 22 Männer wurden verletzt, mehrere durch Pistolenkugeln. Vier Personen liegen mit lebensgefährlichen Verletzungen im Spital.

Es ist nicht das erste Mal, dass Vertreter afrikanischer und mittelöstlicher Nationalitäten in der Nähe von Calais aneinander geraten. «Noch nie ist aber ein solches Ausmass an Gewalt fest­gestellt worden», meinte Innenminister Gérard Collomb gestern bei einem improvisierten Besuch vor Ort. Er verlegte zwei weitere Polizeieinheiten in die französische Hafenstadt, von wo aus Flüchtlinge und Migranten seit Jahren als blinde Lastwagenpassagiere auf Fähren nach England zu gelangen versuchen.

Regierung verhindert neue Lagerbildung

Die französische Regierung verhindert seit der offiziellen Schleifung des wilden Camps im Oktober 2016 jede neue Lagerbildung im Ansatz. In dem Buschwerk der Sanddünen lösen Polizeipatrouillen jeden Morgen spontane Menschenansammlungen auf. Zelte und Schlafsäcke werden konfisziert, die zumeist jungen Männer angehalten, in der Stadt ein reguläres Asylgesuch zu stellen. Hilfswerke werfen der Polizei ein unzimperliches, ja brutales Vorgehen vor; Schlafende würden mit Tränengas «geweckt» und mit Schlägen vertrieben. Collomb erklärte dagegen, seit 2016 sei kein einziges Fehlverhalten der Polizei registriert worden. Für den Gewaltausbruch macht er die bewaffneten Schlepperbanden verantwortlich. «Es ist offensichtlich, dass es Bandenchefs gibt, die andere mitziehen. Wir wollen diese Netzwerke zerschlagen», sagte der Innenminister, laut dem allein seit Jahresbeginn sechs Schlepperbanden unschädlich gemacht worden seien.

Collomb betonte generell: «Es gibt für die Migranten keine Lösung in Calais.» Der Fähr­hafen ist heute in der Tat so stark gesichert, dass kaum mehr jemand unentdeckt über den Kanal gelangt. Dieser Umstand dürfte für die Spannungen vor Ort mitverantwortlich sein: Die über Tausende von Kilometern Angereisten finden sich kurz vor ihrem Ziel in einer Sackgasse wieder. Hinzu kommt, dass sie sich jeden Abend ein neues Nachtlager ­suchen müssen. «Diese prekäre Lage stärkt nur die Stellung der Schlepper und treibt die Ankommenden in ihre Hände», meint Jean-Claude Lenoir vom lokalen Hilfsverein Salama. «Hinter der Gewalt geht es sicher um die Verteilung des Geländes und der Lasterparkplätze.»

Lage in Calais ist keineswegs entschärft

Der Gewaltausbruch in Calais führt den Franzosen schlagartig vor Augen, dass die Lage in Calais keineswegs entschärft ist. Um die Stadt halten sich laut Behördenangaben 600 Migranten auf. Das ist zehnmal weniger als im Jahr 2016, doch die Tendenz ist wieder steigend. Deshalb stellt die Regierung eine gewisse Härte oder zumindest Kompromisslosigkeit gar nicht in Abrede. Präsident Emmanuel Macron bekräftigte allerdings Mitte Januar in Calais, die Polizei setze keine physische Gewalt ein.

Mitte Februar wird die Regierung ein neues, verschärftes Asylgesetz vorlegen. Die Eingabe- und Behandlungsfristen sollen verkürzt, die Rückschaffung in Erst­asyl- oder Ursprungsländer erleichtert werden. Die Probleme um ­Calais werden bleiben, denn einen Ausweg scheint niemand zu kennen. England hatte 2003 in einem bilateralen Abkommen durchgesetzt, dass papierlose Migranten bereits auf der franzö­sischen Seite des Ärmelkanals ­abgefangen würden. Im Januar weigerte sich die britische Ministerpräsidentin Theresa May bei einem Treffen mit Macron, eine sinnvollere Lösung auszuhandeln. Dafür zahlt die britische Regierung 50,5 Millionen Euro an neue Sicherheitsmassnahmen in Calais. Das Grundproblem wird aber auch London nicht lösen.

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