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FRANKREICH: Korsikas Separatisten hoffen bei Wahlen auf Triumph

Angespornt von der Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens, hoffen Korsikas Separatisten bei den Wahlen auf einen Triumph. Was sie damit anfangen wollen, wissen sie aber selbst nicht recht.
Stefan Brändle, Paris
Gilles Simeoni (ganz rechts) und Jean-Guy Talamoni (daneben) an einer Wahlveranstaltung. (Bild: AFP)

Gilles Simeoni (ganz rechts) und Jean-Guy Talamoni (daneben) an einer Wahlveranstaltung. (Bild: AFP)

Stefan Brändle, Paris

Will sich die «Insel der Schönheit», wie sie sich selber besingt, von Frankreich losdocken? Die Frage ist weniger abwegig denn je: Bei den erstmals abgehaltenen Territorialwahlen vom Sonntag könnten die Separatisten die Mehrheit erzielen. Schon 2016 war die Allianz von «Femu a Corsica» (Schaffen wir Korsika) und der radikaleren «Corsica Libera» bei den Regionalwahlen überraschend auf mehr als ein Viertel der Stimmen gekommen; dank dem Mehrheitswahlrecht leiten ihre Anführer Gilles Simeoni und Jean-Guy Talamoni heute die Inselregierung beziehungsweise den Inselrat. Bei den französischen Parlamentswahlen dieses Jahr eroberten sie drei der vier korsischen Mandate.

Am Sonntag wird erstmals der neue Territorialrat gewählt, der ab 1. Januar die Instanzen der beiden früheren Departemente der Insel ersetzen wird. Den Separatisten wird ein klarer Sieg prophezeit. Die bürgerliche Rechte tritt gespalten an, die Sozialisten nach einer Finanzaffäre gar nicht. Der Front National hat als stramm «französische» Partei schlechte Karten, obwohl er von einer latenten Ausländerfeindlichkeit – 50'000 der 320'000 Einwohner sind Maghrebiner – profitiert. Die Separatisten feiern damit ein spektakuläres Comeback, nachdem sie jahre-, wenn nicht jahrzehntelang fast nur belächelt worden waren. Natürlich erhalten die Korsen Auftrieb durch die Vorgänge in Katalonien. Vor allem aber hat sich die korsische Autonomiebewegung selber von Grund auf erneuert. Das ungleiche Gespann aus dem sportlichen Lebemann Simeoni und dem dünnlippigen Anwalt Talamoni hat viel Erfahrung im Umgang mit «Paris»; geschickt taktiert es zwischen politischer Mässigung und Maximalforderungen. Früher undenkbar, verlangen die beiden die Einführung des Korsischen als zweite Amtssprache. Simeoni und Talamoni wirkten aber auch in die Tiefe. Sie kappten die Bande zur verbrecherisch-ter­roristischen «Befreiungsfront» FLNC, aber auch – und vielleicht wichtiger – zu mächtigen Familienclans wie den Orsonis oder Rocca Serras. Munter provozieren sie den verhassten Zentralstaat in Paris, indem sie im Inselparlament Korsisch sprechen. Frankreich nennt Talamoni einen «befreundeten Staat». Das heisst mitnichten, dass er und Simeoni die Unabhängigkeit anstreben. Beide wissen, dass die wirtschaftlich rückständige Insel ohne den Geldfluss vom Festland schlicht den Bankrott anmelden müsste.

Separatisten schätzen die EU

Alle korsischen Autonomisten und Nationalisten sind sehr proeuropäisch eingestellt. Dahinter stecken zum Teil auch pekuniäre Interessen, betrachtet die EU doch Korsika in vielen Belangen als periphere Region, die stärker unterstützt werden muss. Berühmt sind die Kuhmilchprämien, die viele korsische Landwirte eingestrichen hatten, ohne dass sie eine Kuh im Stall hatten. Ob Unabhängigkeit oder nicht: Das Gefühl einer Entfremdung mit Frankreich war auf Korsika wohl noch nie so gross wie heute. Womit die Insel durchaus in einem europäischen Trend liegt.

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