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FRANKREICH: Korsischer Separatist Gilles Simeoni: Gemässigt, aber unbeugsam

Die korsischen Separatisten haben gestern ihren Siegeszug an den Wahlurnen fortgesetzt. Der Architekt ihres Erfolg ist Gilles Simeoni. Auch die Zentralmacht im fernen Paris muss den bodenständigen Autonomisten nun wahr- und ernst nehmen.
Stefan Brändle, Paris
Der Separatist Gilles Simeoni (50) ist der grosse Sieger der korsischen Wahlen. (Bild: Pascal Pochard-Casabianca/AFP (Bastia, 10. Dezember 2017))

Der Separatist Gilles Simeoni (50) ist der grosse Sieger der korsischen Wahlen. (Bild: Pascal Pochard-Casabianca/AFP (Bastia, 10. Dezember 2017))

Stefan Brändle, Paris

Lozzi ist ein kleiner Ortsfleck in den korsischen Bergen, erreichbar nur durch eine Strasse, die sich vom Mittelmeer hochschlängelt. Die Fahrt geht vorbei am «maquis», dem dichten Gebüsch, das in Korsika auch eine übertragene Bedeutung hat: Hier versteckten sich jeweils die Kämpfer der korsischen Befreiungsfront FLNC, wenn sie sich mit den Gendarmen gerade wieder eine Schiesserei geliefert hatten. Im Winter bläst der ­bissige Tramontane von den verschneiten Gipfeln herab.

Das lang gezogene Dorf von 130 Seelen birgt keinen besonderen Charme, doch das ist unwichtig für Gilles Simeoni, den Sieger der ersten korsischen Territorialwahlen, die nach der Gebietsreform des vormaligen Staatspräsidenten François Hollande gestern stattfanden.

Frage der Unabhängigkeit soll für zehn Jahre ruhen

Lozzi ist die Heimat zweier Hirtenfamilien. Die Simeonis stellten schon 1811 den Bürgermeister, und wenn Gilles Simeoni Abstand von der französischen und korsischen Politik sucht, findet er hier oben in der frischen Luft seinen Frieden.

Der 50-jährige Anwalt ist seit den Wahlen die zentrale Figur der Mittelmeerinsel. Mit über 45 Prozent errang er vor Wochenfrist ein Traumresultat für die korsischen «Nationalisten»; und im zweiten Wahlgang von gestern könnte er nach Auszählung aller Stimmen die absolute Mehrheit im neuen Inselrat erreicht haben. Die französischen Medien spielen die Bedeutung der Wahl herunter; doch in den Pariser Ministerien schaut man plötzlich sehr genau auf die «Île de Beauté». Ein Szenario wie in Katalonien soll sich auf Korsika nicht wiederholen. Diese Gefahr besteht fürs Erste nicht. Simeoni hat mit seinem Koalitionspartner Jean-Guy Talamoni vereinbart, die Frage der Unabhängigkeit zehn Jahre lang ruhen zu lassen. Beide wissen, dass das bettelarme Korsika auf die französischen Subventionen angewiesen ist.

Sie verlangen vorerst nur eine verstärkte Autonomie mit einer zweiten Amtssprache neben dem Französischen – dem Korsischen. Den Festlandfranzosen wollen sie ein «Residenzstatut» aufzwingen, um den Bau protziger Villen an unverbauten Stränden verhindern zu können. Ein rechtsextremer Slogan wie «Vorrang für Korsika» käme Gilles Simeoni aber nicht über die Lippen. Der bekennende Antirassist gibt sich gemässigt, weder links noch rechts; vehement verurteilt er die Graffiti «Arabi fora» (Araber raus) gegen die 50 000 nordafrikanischen Immigranten und Saisonarbeiter.

Sportlicher Bonvivant und Terrorgegner

Seine Strategie besteht darin, den Druck auf Paris langsam, aber sicher zu erhöhen. Dank ihm gehen die korsischen Separatisten politisch überlegt zur Sache. Ihr neuer Anführer ist kein extremistischer Hitzkopf, der sich nachts eine schwarze FLNC-Kapuze überstülpt, um in den berüchtigten «blauen Nächten» Bomben zu legen. Simeoni ist ein Polit- und Medienprofi, wie ihn die korsischen Nationalisten wohl noch nie hervorgebracht hatten. Er räumte mit der Herrschaft der Clans in seiner Bewegung auf, und er überzeugte die letzten Häuflein des FLNC, die Waffen 2014 ganz niederzulegen. Kurz danach verjagte er die mächtige antiautonomistische Zuccarelli-Familie nach einem halben Jahrhundert aus dem Rathaus von Bastia und wurde selber Bürgermeister der wichtigsten korsischen Stadt. Der sportliche Bonvivant gibt sich locker lächelnd wie Präsident Emmanuel Macron in Paris. Doch die korsische Leidenschaft wahrt er in seinem Blut. Sein Vater Edmond ist ein legendärer Separatist, gewaltlos zwar, aber bekannt geworden durch eine Besetzung einer Weingenossenschaft in Aleria 1975, die mit dem Tod zweier Gendarmen endete. Gilles Simeoni verteidigte 2007 den Hirten Yvan Colonna, Mörder eines von Paris geschickten Inselpräfekten, mit so viel Einsatz, dass er während der Verhandlung 15 Kilo abnahm. Aber er sagt klar: Nicht Terror, sondern steter Tropfen höhle den Stein, wie im Baskenland, in Katalonien oder Schottland.

Für die Regierung in Paris sind die neuen, politisch durchdachten Töne aus Korsika gefährlicher als ein FLNC-Attentat – denn sie werden neuerdings von der Mehrheit der 320000 Korsen getragen. Simeoni ist wohl der erste korsische «Nationalist», der in Paris ernst genommen wird. Macron darf den Mann aus dem kleinen korsischen Bergdorf nicht unterschätzen.

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