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FRANKREICH: «Machen aus der EM einen Friedhof»

Bei einem neuen Terroranschlag westlich von Paris ist ein Polizistenpaar erstochen worden. Der Täter bezog sich direkt auf die laufende Fussball-EM, bevor er von Sondereinheiten getötet wurde.
Stefan Brändle, Paris
Französische Polizisten in der Nähe des Tatorts in der Gemeinde Magnanville, unweit von Paris. (Bild: EPA/Christophe Petit Tesson)

Französische Polizisten in der Nähe des Tatorts in der Gemeinde Magnanville, unweit von Paris. (Bild: EPA/Christophe Petit Tesson)

Stefan Brändle, Paris

Larossi Abballa war ein 25-jähriger Sandwich-Verträger aus dem Banlieue-Ort Mantes-la-Jolie. Am Montagabend nahm er aber nur ein Messer mit, als er ein Einfamilienhausquartier im benachbarten Magnanville aufsuchte. Er stach einen 42-jährigen Kommissar vor dessen Wohnhaus nieder und nahm dann dessen 36-jährige Gattin und ihren dreijährigen Sohn als Geisel.

Am Telefon erklärte er der Polizei, er folge einem IS-Aufruf, während des Fastenmonats Ramadan Ungläubige zu ermorden. «Wir machen aus der EM einen Friedhof», soll er weiter erklärt haben, um darauf den Kontakt abzubrechen. Gegen 21 Uhr berichtete Abballa in einem 12-minütigen Video auf Facebook-Live, dass er die beiden Vertreter des französischen Staates getötet habe. Im Hintergrund war das Kleinkind zu sehen. «Was ich mit ihm tue, weiss ich noch nicht», sagte der Täter, der zuvor offenbar auch die Frau mit dem Messer umgebracht hatte.

Gegen Mitternacht stürmte die Einsatzpolizei Raid das Haus. Sie erschoss den Täter und stiess auf das Kleinkind in «Schockstarre», wie Staatsanwaltschaft François Molins am Dienstag an einer Pressekonferenz sagte.

Täter den Behörden bekannt

Die Terrormiliz IS bekannte sich nur Stunden nach der Tat über ihre Propagandaagentur Amak zu dem Anschlag. Sie bezeichnete Abballa als einen ihrer «Kämpfer». Präsident François Hollande sprach seinerseits von einem «Terroranschlag». Die Polizei nahm in der Folge drei Bekannte des Dschihadisten fest, allerdings ohne Hinweise auf die Existenz einer Terrorbande sicherzustellen. In der Nähe des Tatortes fand sie einen Koran und in Abballas Wohnung ein blutiges Messer. Sie stellte auch eine Liste möglicher Terroropfer aus Polizisten, Gefängniswächtern, Journalisten und Rap-Musikern sicher.

Viel zu reden gibt, dass Abballa der Polizei seit Jahren als Radikalislamist bekannt war. Der Kleinkriminelle hatte auch eine Dschihad-Reise nach Pakistan geplant; 2013 war er mit anderen zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen Beteiligung an einem Dschihad-Anwerbenetz verurteilt worden. Auch nach seiner Freilassung wurde Abballa überwacht, sein Telefon monatelang abgehört.

«Aufs Schlimmste gefasst machen»

War Abballa den Ermittlern durch die Maschen gegangen? Die meisten Experten verneinen: Der Sohn marokkanischer Immigranten sei einer von «Tausenden» in der französischen Radikalen-Kartei, meinte der Forscher François-Bernard Huyghe vom Pariser Strategie-Institut Iris; sie alle zu überwachen, sei schlicht unmöglich. Offensichtlich habe Abballa in seinem Viertel sehr unauffällig gelebt, ohne einen Salafistenbart oder eine Djellaba zu tragen oder radikale Moscheen zu besuchen. Ein Bekannter meinte: «Larossi lächelte immer, sogar dann, wenn er wütend war.» Auf seiner mittlerweile gelöschten Facebook-Seite beklagte sich der Sandwich-Verkäufer höchstens einmal über unhöfliche Kunden, wenn er ihnen das Nachtessen vorbeibrachte.

Ungeklärt ist die Rolle des IS. Im Unterschied zu früheren Attacken scheint die Miliz die Terroranschläge in Orlando und nun in Mantes-la-Jolie nicht selber organisiert und ferngesteuert zu haben. Hingegen wirkten sich ihre militärischen Rückschläge in Syrien aus. «Ein IS-Sprecher hat alle Soldaten seines Kalifates und damit seine Sympathisanten kurz vor Beginn des Ramadan aufgerufen, namentlich in den USA, in Frankreich und in England Attentate zu verüben», meint der französische Spezialist Mathieu Guidère. «Orlando war der Startschuss zu einer neuen Anschlagsserie. Wir müssen uns leider auf das Schlimmste gefasst machen.»

Auch der französische Philosoph Pascal Bruckner meinte gestern in einem Zeitungsbeitrag: «Wir geraten in eine Routine des Abscheulichen.» Das war an sich auf die Vorfälle in Florida gemünzt, liess sich aber wegen der Vorfälle in der Nacht gleich auf den Doppelmord in Mantes-la-Jolie anwenden. Die Opferzahl mag geringer sein als bei den Anschlägen in Paris, Brüssel oder jetzt Orlando; das unscheinbare Täterprofil entspricht aber demjenigen von zahllosen französischen Möchtegern- oder zurückgekehrten Dschihadisten, die den Ramadan-Aufruf des IS auch gehört haben.

Frankreich im Ausnahmezustand

Die Behörden reagieren relativ ratlos. Der sozialistische Premierminister Manuel Valls erklärte zum wiederholten Mal, Frankreich befinde sich «im Krieg gegen den Terrorismus». Oppositionschef Nicolas Sarkozy verlangte eine «umgehende» Erhöhung des Sicherheitsniveaus – obwohl der Plan Vigipirate im aktuellen Ausnahmezustand schon auf seiner höchsten Alarmstufe angelangt ist. Dazu gingen in 50 französischen Städten Zehntausende von Gegnern der geplanten Arbeitsreform auf die Strasse. In Paris kam es zu schweren Krawallen und Randale. Bei der Staatsbahn SNCF und bei Air France wird weiterhin gestreikt. Zugleich lancierte die französische Justiz eine Aktion, um gewalttätige russische Fussballfans zu verhaften und des Landes zu verweisen. Am Montag hatte sie britische und andere Fussball-Hooligans zu harten Gefängnisstrafen von bis zu einem Jahr unbedingt verurteilt. Es ist unbestreitbar: Die Fussball-EM macht vorerst mehr Schlagzeilen abseits des Spielfeldes.

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