FRANKREICH: Macron, die Antithese zu Le Pen

Der Favorit der französischen Präsidentschaftswahlen heisst neuerdings Emmanuel Macron. An einem Wahlauftritt in Lyon stellte sich der noch nicht 40-jährige Mittepolitiker der Populistin Marine Le Pen in den Weg.

Stefan Brändle/Lyon
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Emmanuel Macron lässt sich am Samstag in Lyon von seinen Anhängern feiern. (Bild: Arnold Jerocki/EPA)

Emmanuel Macron lässt sich am Samstag in Lyon von seinen Anhängern feiern. (Bild: Arnold Jerocki/EPA)

Er ist jung, smart, dynamisch. «Und was für ein Lächeln!», findet Inès, eine junge Biotechnikerin aus Lyon, die am Samstag mit 16000 Interessierten in den hiesigen Sportpalast gepilgert ist, um das Phänomen Macron live zu erleben. Gekommen ist Inès aber nicht wegen des Lächelns, wie sie gleich betont. Sie hat genug von der Linken, genug von François Hollande, dem sie 2012 die Stimme gegeben hatte. Und die Rechte kommt für sie auch nicht in Frage – «die haben doch allesamt Affären am Hals, sei es Chirac, Sarkozy oder nun Fillon».

5000 Besucher finden keinen Platz in der Sportarena. Um sich aufzuwärmen, skandieren sie: «Macron président!» Im Innern sagt Laurence Haïm, eine ehemalige USA-Korrespondentin des französischen Fernsehens, die Euphorie dieser Kampagne erinnere sie an Barack Obamas Wahlkampf von 2006. Drinnen widerspricht Lyons sozialistischer Bürgermeister Gérard Collomb den zahlreichen Medienkommentaren, die «Macronmanie» sei künstlich und werde bald in sich zusammenfallen: «Wir sind keine Blase, wir sind eine gewaltige Welle!»

Es läuft fast zu gut für ihn

Endlich tritt Macron in den dunklen Saal, fast still, ohne Scheinwerferkegel. Der 39-jährige Charmeur wider Willen will nicht Star sein, auch nicht Favorit – auf jeden Fall nicht schon jetzt. Die Präsidentschaftswahlen sind erst in drei Monaten, und Macron weiss, dass die Dinge fast zu gut laufen für ihn: Im Dezember hatte Hollande auf eine Wiederkandidatur verzichtet; bei den Primärwahlen der Sozialisten blieb sodann Ex-Premier Manuel Valls auf der Strecke; und jetzt erwischt es auch noch Fillon.

Wegen dessen Scheinjobaffäre liegt Macron in den Umfragen plötzlich vorn. Dabei hat er noch nicht einmal ein Programm vorgelegt. Für einmal bemüht sich der Ex-Investmentbanker mit dem sozialen Touch, vor seinen Anhängern konkret zu werden. Er will den Mindestlohnbezügern pro Monat 100 Euro zusprechen. Eine linke Massnahme? Nein, Macron begründet die Lohnerhöhung mit einem rechten Argument: «Ich will wie ihr alle nicht mehr hören, dass es in Frankreich einträglicher sei, von der Sozialhilfe zu leben, statt zu arbeiten.»

Um die enttäuschten Fillon-Wähler anzuziehen, verspricht Macron auch, den Verteidigungshaushalt auf 2 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Auch den Etat für die Terrorbekämpfung will er erhöhen – und muslimische Männer, die Frauen die Hand nicht schütteln wollen, nicht akzeptieren. Den Vorschlag des linkssozialistischen Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamon, die Roboter zu besteuern, lehnt der einstige Wirtschaftsminister der Linksregierung ab: «Es gibt in Frankreich nicht zu viele, sondern zu wenige Roboter.» Als Hamon im Saal ausgebuht wird, unterbricht Macron: «Pfeift nie jemanden aus! Man baut kein politisches Projekt mit Pfiffen.»

Der Gentleman-Kandidat kann aber auch austeilen. «Einige sprechen im Namen des Volkes», greift er den Front National an, der am Sonntag ebenfalls in Lyon Marine Le Pen an einem Parteitag inthronisieren will. «Aber es sind nur Bauchredner», fügt Macron nach einer Kunstpause an. «Unser Kampf besteht darin, zu erreichen, dass nichts dem Front National nützt.» Vom Vater zur Tochter, von der Tochter zur Nichte schürten Jean-Marie, Marine und Marion Le Pen Misstrauen, diese «demokratische Lepra», meint Macron. An diesem Abend tritt er als Gegenprojekt zu Le Pen auf. Er ist der einzige der französischen Kandidaten, dem es gelingt, Europa und die Partnerschaft mit Deutschland applaudieren zu lassen.

Jetzt fällt seine Zurückhaltung ab, und Macron setzt wieder sein teuflisch verführerisches Lächeln auf. «Politiker sein ist kein Beruf, sondern eine Mission», bedeutet er seien Fans mit Vibrato in der Stimme und beseeltem Blick. Kein Zweifel: Der Nordfranzose, der mit 16 schon seine Französischlehrerin bezirzt hatte – sie sitzt heute als seine Gattin in der ersten Saalreihe –, will jetzt auch Frankreich im Sturm nehmen. Als der Saal zum Schluss die obligate Marseillaise anstimmt, steht Macron ganz allein in der Mitte und singt mit, glücklich über seine Mission.

Stefan Brändle/Lyon