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FRANKREICH: Nur nicht wie Hollande enden

Morgen übernimmt Frankreichs neugewählter Präsident Emmanuel Macron die Amtsgeschäfte von François Hollande. Von der ursprünglichen Zuneigung für seinen Vorgänger blieb zum Schluss fast nur leise Verachtung übrig.
Stefan Brändle, Paris
Präsident François Hollande (l.) mit seinem Nachfolger Emmanuel Macron diese Woche in Paris. (Bild: Eric Feferberg/EPA (10. Mai 2017))

Präsident François Hollande (l.) mit seinem Nachfolger Emmanuel Macron diese Woche in Paris. (Bild: Eric Feferberg/EPA (10. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

Es war eine paternalistische, fast possessive Geste. Diese Woche, in dem luftleeren Zeitraum zwischen Wahlsieg und Amtsantritt, lächelte Emmanuel Macron nur, als ihm François Hollande vor allen Gästen die Hand um den Hals legte. Höflich hörte er mit, als der abtretende Staatschef über den ankommenden posaunte: «Ich werde immer an seiner Seite sein.» Doch eigentlich will Macron nur eins – sich freimachen von seinem einstigen Mentor, der eine «freundschaftliche» Stabübergabe vorhersagt.

In einem brandneuen Dokumentarstreifen zur Präsidentschaftswahl ist eine bemerkenswerte Sequenz zu sehen: Macron kanzelt erbost sein Wahlkampfteam ab, weil es ihn bei einem Fabrikbesuch in Amiens (im Norden) zu stark von den streikenden Arbeitern abgeschottet hat. «Wir müssen mehr Risiken eingehen, wir müssen uns jedes Mal in die Höhle des Löwen wagen. Wenn ihr zu stark auf die Leibwache hört, werdet ihr wie Hollande enden – ihr seid zwar in Sicherheit, aber ihr seid tot.»

Selbstinszenierung wie ein Monarch

Wie Hollande enden: Diese spontane und darum so wahre Bemerkung sagt sehr viel über das Verhältnis der beiden Politiker, die sich einst so nah gewesen waren. Macron verdankt Hollande seinen Aufstieg. 2012 hatte der Präsident den unbekannten Finanzinspektor auf eine Empfehlung hin zum Vizesekretär des Präsidialamtes ernannt. Der erfahrene Staatschef nahm den um 23 Jahre jüngeren Novizen unter seine Fittiche, und eine fast väterliche Beziehung entstand. Zwei Jahre später machte Hollande seinen Ziehsohn zu seinem Wirtschaftsminister.

Macron bedankte sich artig, aber was damals kaum jemand wusste: Innerlich hatte er mit Hollande bereits abgeschlossen. Denn als er 2013 seine Grossmutter verlor, die ihm wie eine Mutter gewesen war, reagierte der Präsident gegenüber dem sensiblen und tief trauernden Sekretär völlig gefühlskalt. Komplett am Boden, verwand es Macron nie, und gemäss seiner Biografin Anne Fulda sagte er: «Mit Hollande bin ich am Ende.»

Nun nahm er keine Rücksicht mehr auf die Wiederwahlabsicht des Präsidenten, während er seine eigenen Élysée-Pläne vorantrieb. Ende 2016 zwang er Hollande gar indirekt zum Verzicht. Die Rechte bezeichnet Macron gerne als «Hollandes Erbe». Politisch stehen sich die beiden Absolventen der Eliteschule ENA in der Tat sehr nahe, näher jedenfalls als menschlich: Sie verfolgen den gleichen sozialliberalen Wirtschaftskurs, sind für die gleich offene Gesellschaft. Und doch sucht Macron in diesen Tagen vor allem den Eindruck zu vermeiden, er trete in die Fussstapfen seines jovialen Vorgängers.

Nächtliche Motorrollereskapaden

Der angehende Staatschef weiss um ihre ähnlichen – ähnlich fragilen – Ausgangspositionen beim Einzug ins Élysée. Er selbst verdankt seine Wahl zu einem Gutteil dem Umstand, dass die Franzosen seine Gegnerin Marine Le Pen ablehnten. Hollande war 2012 wohl zuerst Präsident geworden, weil die Volksmehrheit die Wiederwahl von Nicolas Sarkozy verhindern wollten. Um sich von seinem «Luxus»-Vorgänger abzuheben, spielte Hollande den «président normal», womit er alles nur noch schlimmer machte: «Die Franzosen haben Sarkozy wie Hollande stets vorgeworfen, nicht genug Monarch zu sein», meint der belgische Chronist Eric Verhaeghe. «Sie haben es gerne, wenn ihr Präsident das Verlangen danach stillt.»

Macron stillte es gleich nach seiner Wahl. Inmitten der grandiosen Louvre-Kulisse schritt er am letzten Sonntag vier Minuten lang allein den «Cour Napoléon» ab, so wie François Mitterrand 1981 zum Panthéon hochgewandert war. Nach dieser Selbstinszenierung zu den Klängen von Beethovens «Ode an die Freude» rief der 39-jährige Politkomet vor der Louvre-Pyramide aus: «Was wir gemacht haben, ist ohne Beispiel. Alle sagten, es sei unmöglich. Aber sie kennen Frankreich nicht!» Die 20000 Anhänger hörten darin wohl das Bonmot von Napoleon, der mit 35 Jahren Kaiser geworden war: «Unmöglich ist nicht französisch.»

Macron weiss, dass das Regieren in Paris vor allem eine Sache des präsidialen Stils ist. Und er hütete sich, ein präziseres Versprechen zu machen als Bonaparte. Hollande hatte sich seine bodenlose Unpopularität – 2016 waren noch 4 Prozent der Franzosen mit ihm zufrieden – auch mit seinen hochfahrenden Wahlversprechen eingebrockt: Zu seinem Amtsbeginn hatte er 2012 erklärt, er werde die Hochfinanz einfrieden und die steigende «Kurve der Arbeitslosigkeit» umbiegen. 2013 wiederholte er das Kurven-Versprechen erneut, auch 2014 hielt er daran fest; allein, die Kurve kletterte weiter hoch. 585000 Arbeitslose zusätzlich gab es in Hollandes Amtszeit, während die Kurve in Deutschland und England nach unten zeigte. Frankreich ärgerte sich – lachte nur noch über die nächtlichen Motorrollereskapaden des Präsidenten ins Boudoir seiner Geliebten.

Handküsschen und Feiern im Edellokal

Macron hatte sich am Abend des ersten Wahlgangs auch dazu verleiten lassen, Handküsschen zu verteilen, als wäre er in einer US-Wahlkampfshow; dann feierte er seinen erst provisorischen Erfolg mit Freunden und Prominenten in der Pariser Brasserie La Rotonde. Die Pariser Medien fühlten sich an Sarkozy erinnert, der im Nobellokal Fouquet’s auf den Champs-Élysées gefeiert hatte und zum Amtsantritt mit seiner ganzen Patchworkfamilie im ­Élysée-Hof angetrabt war.

Aber Macron lernt schnell: Am Sonntag dürfte er die Amtsgeschäfte von Hollande allein auf den Treppen des Präsidentenpalastes entgegennehmen. Wie immer mit perfekten Manieren und einnehmendem Lächeln. Aber heillos froh, wenn Hollande den Palast endlich verlassen hat.

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