FRANKREICH: Politikwissenschaftler Romain Lachat: «Le Pen will linke Wähler überzeugen»

Wahlforschung Wähler entscheiden sich zwischen den beiden Wahlgängen kaum noch um, sagt Romain Lachat. Im Wahlkampfendspurt sieht der Politikwissenschaftler eine Möglichkeit, Nichtwähler zu mobilisieren.

Isabelle Daniel
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Der Pariser Politikwissenschaftler Romain Lachat. (Bild: PD)

Der Pariser Politikwissenschaftler Romain Lachat. (Bild: PD)

Romain Lachat, zwei Wochen liegen zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen. Wie volatil sind die französischen Wähler?

Die Volatilität in dem Sinne, dass viele Wähler ihre Wahlpräferenz ändern würden – also etwa von Macron zu Le Pen wechseln oder umgekehrt –, schätze ich als sehr gering ein. Die grosse Mehrheit der Wähler, die im ersten Wahlgang für Macron oder Le Pen gestimmt haben, dürfte im zweiten Wahlgang für denselben Kandidaten stimmen. Die Frage ist viel eher, wie diejenigen, die weder Macron noch Le Pen gewählt haben, sich jetzt entscheiden.

Sind also die Stimmen, die Marine Le Pen im ersten Wahlgang erhalten hat, kein blosser Ausdruck von Protest?

Nein, ich denke nicht, dass es sich dabei um Proteststimmen handelt. Zwar haben sich viele aus Unzufriedenheit mit der politischen und ökonomischen Situation und aus Protest gegen die Eliten entschieden, keinen Kandidaten aus den etablierten Parteien zu unterstützen. Ich würde die Stimmen für Le Pen aber trotzdem nicht als Protestwahl bezeichnen, die keine Substanz hat. Im Gegenteil: Es gibt unter den Le-Pen-Unter­stützern sehr viele Wähler, die davon überzeugt sind, dass Immigration und Globalisierung die wichtigsten Ursachen für die aktuelle Situation in Frankreich seien. Die Unterstützung durch ihre Wähler spiegelt sich also durchaus in Le Pens Wahlkampfprogramm wider.

In Bezug auf die Europapolitik haben sowohl Macron als auch Le Pen vor der Stichwahl am Sonntag ihre Rhetorik leicht verändert. Kann das noch eine Rolle spielen?

Beide versuchen jetzt, eine breitere Basis zu gewinnen. Für Le Pen ist die Strategie relativ klar: Sie versucht, das linke Lager von sich zu überzeugen, also Wähler, die im ersten Wahlgang für Jean-Luc Mélenchon oder andere Linkskandidaten gestimmt haben. Le Pen versucht, ihnen zu zeigen, dass ihr Programm bestimmte Ähnlichkeiten mit denjenigen dieser linken Kandidaten hat. Ihre Rhetorik ist neu, bedeutet aber keine grundlegende Kursänderung. Sie ist immer noch extrem EU-kritisch. Sie wirft jetzt lediglich die Frage auf, wie schnell der EU-Austritt geschehen sollte.

Sind Sprünge zwischen dem linken und dem rechten Lager traditionell verbreitet bei Wahlen in Frankreich?

Nein, das ist nicht üblich. Aber die ganze Situation dieses Jahr ist unüblich. Wenn es einen traditionellen zweiten Wahlgang gegeben hätte – mit einem Kandidaten aus dem sozialistischen und einem Kandidaten aus dem moderat rechten Lager –, dann hätte es kaum eine Wählerwanderung zwischen links und rechts gegeben.

Das verändert sich durch die neue Situation?

Neu ist, dass die Hauptparteien nicht mehr vertreten sind. Und es gibt schon gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Programmen der extrem Linken und dem Front National, vor allem in Bezug auf die Kritik an der EU. Dieses Thema betont Le Pen jetzt, um die Wähler der Linken zu mobilisieren. Insgesamt ist die Volatilität in Frankreich aber eher ein langfristiger Prozess. Die traditionell sozialistische Wählerklasse wählt heute verstärkt den Front National. Das hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Ein Teil davon hat jetzt vielleicht für Jean-Luc Mélenchon gestimmt und könnte sich im zweiten Wahlgang wieder für Le Pen entscheiden.

Geben diese Personen in Meinungsumfragen zu, dass sie den Front National wählen?

Ja, davon gehe ich aus, auch wenn es in der Meinungsforschung demgegenüber eine gewisse Unsicherheit vor dem ersten Wahlgang gab. Diese Sorge bestand vor allem gegenüber Wählern von Marine Le Pen, aber teils auch von François Fillon. Die Angst, dass manche Wähler nicht zugeben könnten, wen sie unterstützen, hat sich nicht bestätigt.

Wenn wir uns die noch unentschlossenen Wähler ansehen: Wovon hängt es ab, für welchen Kandidaten sich diese Wähler am Sonntag entscheiden?

Ich glaube nicht, dass einzelne Ereignisse oder Stellungnahmen im Wahlkampf wirklich entscheidend sind. Eine Rolle spielen könnten Äusserungen, die beispielsweise in der TV-Debatte am Mittwochabend gefallen sind, für Personen, die noch nicht wissen, ob sie am Sonntag überhaupt zur Wahl gehen. Für die anderen sind die schon vorhandenen Präferenzen für einen bestimmten Kandidaten ausschlaggebender als das, was in den letzten zwei Wochen passiert ist. Der Wahlkampf dient weniger dazu, Wähler zu überzeugen, denn als Mobilisierungsmittel.

Zeichnet sich für Sonntag eine niedrigere Wahlbeteiligung ab?

Das hat man auch vor dem ersten Wahlgang vermutet, allerdings war die Wahlbeteiligung dann doch nicht ganz so niedrig wie erwartet. Prognosen für die Wahlbeteiligung abzugeben, ist allerdings noch schwieriger als für die Wahlabsichten. Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl niedriger sein wird als im ersten Wahlgang. Jean-Luc Mélenchon war in seiner Wahlempfehlung sehr zurückhaltend. Viele seiner Wähler werden am Sonntag sicher nicht abstimmen. Aber auch im katholisch-konservativen Milieu, das im ersten Wahlgang François Fillon gewählt hat, gibt es einen sehr zögerlichen Teil an Wählern, der vielleicht gar nicht am zweiten Wahlgang teilnehmen wird.

Mélenchon hat als einziger im ersten Wahlgang gutplatzierter Kandidat keine direkte Wahlempfehlung für Emmanuel Macron ausgesprochen. Können Wahlempfehlungen Kandidaten auch schaden – etwa wenn sich der unpopuläre amtierende Präsident François Hollande oder EU-Politiker sich auf Macrons Seite schlagen?

Ich denke nicht, dass das eine grosse Rolle spielt. Es könnte die Le-Pen-Unterstützer in ihrem Eindruck bestärken, dass – wie es von Le Pen oft gesagt wird – Macron einfach dasselbe Programm wie Hollande durchsetzen wird. Grundsätzlich ist es immer schwierig, den Effekt einzelner Ereignisse zu isolieren. Wahlempfehlungen sind nur ein kleines Element im Wahlkampf.

Interview: Isabelle Daniel