FRANKREICH: Präsidentschaftswahlen: Vom Rebellen zum Favoriten

Der französische Sozialist Benoît Hamon nimmt Rache am Premierminister, der ihn aus der Regierung geworfen hat. Bei der parteiinternen Primärwahl schiebt er sich vor den bisherigen Favoriten Manuel Valls.

Stefan Brändle/Paris
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Der linke Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon (49). (Bild: François Mori/AP (Paris, 18. Januar 2017))

Der linke Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon (49). (Bild: François Mori/AP (Paris, 18. Januar 2017))

Er hat etwas von einem Hobbit: Mit grossen Ohren und kleiner Statur, einem sanften, aber unbeugsamen Wesen wirkt Benoît Hamon stets etwas fehl am Platz im Scheinwerferlicht. TV-Auftritte mit perfekt sitzender Krawatte sind nicht seine Sache.

Am Sonntagabend, als der 49-jährige Bretone überraschend den ersten Durchgang der so­zialistischen Primärwahlen gewonnen hatte, musste er sich zwischen Türrahmen und Leibwächtern durchzwängen, um überhaupt auf das Rednerpodest zu gelangen. Dort sichtete er mit nervösen Fingern seinen Zettelsalat, um lehrerhaft seine sozialen wie ökologischen Prioritäten aufzuzählen: ein Grundeinkommen für alle und eine Energiewende mit Abkehr vom französischen Atomkurs.

Im Wahlkampf hatte Hamon klargemacht, dass er die «neue Linke» in Frankreich verkörpern will – wie Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in England oder Podemos in Spanien. Der ehemalige Bildungsminister ist ein Frondeur (Rebell) vom linken Flügel des Parti Socialiste. Erbittert bekämpfte er das liberalisierte Arbeitsrecht, das die Regierung von Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls über die Köpfe der Parlamentarier hinweg in Kraft gesetzt hatte.

«Wir müssen neue Wege gehen»

Valls warf Hamon 2014 zusammen mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg aus der Regierung: Zu unloyal, zu aufsässig erschienen ihm die beiden Widerspenstigen vom linken Partei­flügel. Jetzt treffen sich der Entlassene und der ehemalige Boss zum direkten Duell: Hamon hat sich am Sonntag mit 36 Prozent der Stimmen für das Finale der parteiinternen Primärwahl qualifiziert, Valls mit 31 Prozent der Stimmen.

Und der unscheinbare Frondeur ist plötzlich der Favorit, während sich der medienversierte Politprofi Valls zum Heraus­forderer degradiert sieht.

Der Ex-Premier ist noch am Wochenende zum Angriff über­gegangen: Das von Hamon ge­forderte Grundeinkommen sei schlicht «unrealisier- und un­finanzierbar», meinte er, um sich als Vertreter der «republikanischen Ordnung und der Autorität des Staates» gegen die Terror­drohung zu präsentieren. Hamon reagierte unaufgeregt wie immer. «Wir müssen von den alten ­Rezepten und Methoden wegkommen, wir müssen neue Wege gehen», konterte er vor seinen ­euphorischen Fans.

Ausgang des Rennens ist alles andere als klar

Ganz anders war die Stimmung in Valls’ Hauptquartier: Obwohl er den Einzug ins Primärwahl­finale geschafft hat, machen seine Anhänger lange Gesichter. Da der Drittplatzierte Montebourg (18 Prozent) zur Wahl Hamons aufruft, wird Valls die grösste Mühe haben, die sicher geglaubte Investitur seiner Partei für die Präsidentenwahlen noch zu erhalten. Rein rechnerisch kommt Hamon allein schon mit den Stimmen Montebourgs auf 54 Prozent der Stimmen.

Aber so klar ist das Rennen nicht. In ersten Wahlgängen stimmen französische Sozialisten meist mit dem «Herzen», in der Endrunde aber wieder mit der «Vernunft». Die tiefe Wahlbeteiligung im ersten Wahlgang – wohl nur 1,5 Millionen Abstimmende bemühten sich in die Wahllokale – lässt Analysten annehmen, dass viele Sozialisten des pragmatischen Flügels am Sonntag zu Hause blieben.