Sprachenstreit
Frankreich sagt Adieu zum Deutschunterricht – Germanisten protestieren

Eine Mittelschulreform sorgt in Frankreich für heftige Proteste von Deutschlehrern und Oppositionellen. Der Sprachenstreit wird sogar zum diplomatischen Zankapfel.

Stefan Brändle, Paris
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Deutsch lernen in knapp zweieinhalb Stunden pro Woche? (Symbolbild) Keystone

Deutsch lernen in knapp zweieinhalb Stunden pro Woche? (Symbolbild) Keystone

KEYSTONE

Johann Wolfgang von Goethe hätte grosse Augen gemacht: Am Pariser Ableger des Kulturinstitutes, das seinen Namen trägt, geht es an diesem lauen Mai-Abend nicht beschaulich deutsch zu und her, sondern sehr französisch – nämlich aufrührerisch. Germanisten, Deutschlehrer und Uniprofessoren springen von den Sitzen auf, klatschen mit den Händen, pfeifen und buhen, als probten sie im Untergeschoss des Goethe-Institutes unweit der Champs-Élysées die Revolution.

Der Aufstand richtet sich gegen die geplante Reform des «collège». Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem will die erste Stufe der Mittelschule von Grund auf modernisieren. Sie scheut nicht vor brisanten Vorschlägen zurück: Die Epoche der Aufklärung soll im Geschichtsunterricht nicht mehr obligatorisch sein, die Lehre des Islam hingegen aufgewertet werden.

Dagegen protestiert vor allem die konservative Rechtsopposition von Nicolas Sarkozy, aber auch ein Teil der Pariser Intellektuellen. Dazu gesellt sich nun der politisch gewichtige Protest der «Deutsch-Lobby». Gestützt auf das republikanische Gebot der «égalité» will Vallaud-Belkacem die deutsch-französischen Sonderklassen, die sogenannten «bilangues», abbauen.

Dabei hatten die französischen Regierung und Berlin im Élysée-Abkommen von 1963 gemeinsam beschlossen, die deutsche Sprache in Frankreich und die französische in Deutschland gezielt zu fördern. In Frankreich hat dies die – zuvor geschwundene – Zahl der Deutschschüler immerhin bei knapp einer halben Million pro Jahrgang stabilisiert. Das sind knapp 25 Prozent der französischen Mittelschüler.

Bei manchen Lehrern verpönt

Ein Grossteil der Schüler stammt allerdings aus den rheinnahen Regionen Elsass und Lothringen, die schon in der Primarschule «Frühdeutsch» haben. In den übrigen Landesteilen gilt Deutsch als Sprache der Eliten und ist bei einzelnen Pädagogen entsprechend verpönt. Auch Vallaud-Belkacem sagt ihnen aus diesem Grund den Kampf an.

Wahrscheinlich rechnete die junge Sozialistin selbst nicht mit den Widerständen, die sie damit auslöste. An vorderster Front mobilisieren die französischen Deutschlehrer, deren Zahl seit Jahren abnimmt, gegen Vallaud-Belkacem. An der Veranstaltung im Pariser Goethe-Institut rechnet die Germanistin Thérèse Clerc vor, dass der Deutschunterricht im Collège auf 2,3 Wochenstunden schrumpfen würde. «So lernt man keine Sprache, und schon gar nicht Deutsch!», fügt sie erbost an.

Ihr deutschstämmiger Kollege Jürgen Krameyer, der seit Jahren an einer Banlieue-Schule im «heissen» Nordosten von Paris Deutsch unterrichtet, räumt ein, Deutsch habe in Frankreich bisher implizit dazu gedient, die besseren Schüler herauszufiltern und sie für die Eliteschulen der Republik vorzubereiten. Dem sei aber heute nicht mehr so: In seiner Klasse wollten gerade Immigrantenkinder aus Nordafrika Deutsch lernen, um ihre Jobchancen zu erhöhen und, wer weiss, einmal in Deutschland Arbeit zu finden. «Das hat nichts mit Elitismus zu tun, sondern mit der Förderung von Arbeiterkindern!», ereifert sich Krameyer zu stürmischem Applaus.

Spanisch als Zweitsprache

Vallaud-Belkacem stellt in Abrede, dass sie den Deutschunterricht generell im Visier habe. Sie habe in der Mittelschule selber Deutsch gelernt – davon allerdings nur den Satz «isch liebe disch» behalten, meinte sie schmunzelnd. Am Goethe-Institut bewirkte das keine Heiterkeit, sondern geharnischte Bemerkungen, der Deutsch-Unterricht müsse offensichtlich verstärkt, nicht vermindert werden.

Die deutsche Botschafterin in Paris, Suanne Wasum-Rainer, erklärte in einem Interview mit der Zeitung «Le Figaro» ebenso aufgebracht, der Deutschunterricht dürfe «nicht auf die Lehre der Orchideen-Kultur reduziert» werden. Sie befürchtet, dass viele junge Franzosen wegen der Collège-Reform nicht mehr Deutsch, sondern Spanisch als zweite Fremdsprache wählen würden.

In Berlin meinte die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer, mit Verweis auf die bilateralen Staatsverträge noch kategorischer: «Wir brauchen mehr Deutsch in Frankreich, nicht weniger.» Der Sprachenstreit wird damit auch ein diplomatischer Zankapfel über den Rhein hinweg. Präsident François Hollande hat Vallaud-Belkacem diese Woche zwar Rückendeckung gegeben. Aber er weiss auch, dass die Frage nicht nur linguistischer Natur ist, sondern das Verhältnis der beiden EU-Kernnationen betrifft.

Und dass letztlich auch der Französisch-Unterricht in Deutschland leiden könnte. Abgesehen von grenznahen Bundesländern wie Baden-Württemberg oder Saarland halten viele deutsche Schulrektoren Französisch nur aus europapolitischen Rücksichten in den Lehrplänen; aus wirtschaftlichen Gründen würden sie andere Fremdsprachen wie Chinesisch oder Russisch vorziehen. In Deutschland lernen noch 33 Prozent der Schüler Französisch. Das ist etwas mehr als umgekehrt in Frankreich; die Zahl nimmt aber seit 2007 regelmässig ab.

Sollte die französische Regierung an ihrer eigenen Reform festhalten, würde sie letztlich auch dem Französisch-Unterricht in Deutschland einen schlechten Dienst leisten. Um ihre Mittelschulreform zu retten, dürfte Vallaud-Belkacem deshalb gezwungen sein, der «deutschen Fraktion» in Paris Zugeständnisse zu machen.