FRANKREICH: Von der Front Richtung Mitte

Der Front National soll in Zukunft «Nationale Sammlungsbewegung» heissen. Zumindest wenn es nach Marine Le Pen geht. Am Parteitag erhielt die Vorsitzende unerwartet Sukkurs von amerikanischer Seite.
Stefan Brändle, Lille
Marine Le Pen während ihrer Rede am Parteikongress des Front National. (Bild: Sylvain Lefevre/Getty (Lille, 11. März 2018))

Marine Le Pen während ihrer Rede am Parteikongress des Front National. (Bild: Sylvain Lefevre/Getty (Lille, 11. März 2018))

Stefan Brändle, Lille

Ein ganzes Wochenende lang hält Marine Le Pen den neuen Parteinamen zurück. Im Grand Palais von Lille sind die Meinungen dazu geteilt. «Ein neuer Parteiname auf meine alten Tage – bitte nicht!», seufzt eine Dame in Türkisblau. «Doch, wir müssen Marine helfen, ein neues Kapitel aufzuschlagen», entgegnet ihre Freundin in Zitronengelb.

Die Umfragen sind ungünstig: Nur noch 16 Prozent der Franzosen sind der Ansicht, Marine Le Pen gäbe eine gute Staatspräsidentin ab. Am Stand der FN-Jugend will ein junger Mann namens Kevin den Namen Front National ebenfalls aufgeben – der erinnere zu sehr an Jean-Marie Le Pen. Der 89-jährige Parteigründer verliert am Parteitag per Statutenänderung auch seinen Posten als Ehrenpräsident.

Bannon auf Europa–Tour

Die freundlichen Vertreter der FN-Jugendorganisation wollen über alles reden – ausser über ihren Vizevorsitzenden Davy Rodriguez. Der bezeichnete den Wachmann einer Bar in Lille am Samstagabend unmissverständlich als «Scheissneger», wie ein Handyvideo belegt. Davy wurde als FN-Mitglied «suspendiert». Zuvor hatte er wie alle Parteitagsbesucher der Rede von Steve Bannon gelauscht. Der ehemalige Trump-Berater bedeutete den französischen Frontisten: «Sollen Sie euch als Rassisten, Fremdenfeinde oder Islamophobe bezeichnen – wir tragen das wie ein Ehrenmal auf unserer Brust.»

Die Mitglieder des Front National müssten sich ihrer Haltung wegen nicht nur nicht schämen – sie sei sogar Teil einer «erfolgreichen Weltbewegung». Aus der Arbeiter- und Mittelklasse bestehend, sei sie weder rechts noch links, sondern gegen Banken, Google und das Establishment in Washington oder Brüssel, klärte der Amerikaner die Franzosen auf. Bei den jüngsten Wahlen in Italien hätten die Systemgegner gar 62 Prozent der Stimmen gemacht, hat Bannon ausgerechnet. «Die Geschichte ist auf unserer Seite», fügt der Ex-Chefstratege des US-Präsidenten an und erntet damit frenetischen Applaus. Marine Le Pen küsst ihn auf der Bühne, sichtlich froh über die amerikanische Schützenhilfe für ihre Partei, die seit den verlorenen Präsidentschaftswahlen von 2017 an sich selbst zweifelt. Dabei ist der Rabauke Bannon kaum der ideale Mann, Le Pens Bemühen um politische Mässigung zu unterstreichen.

Die Chefin vermag kaum zu begeistern

An der folgenden Pressekonferenz wollen die französischen Journalisten von Bannon wissen, warum denn Marine 2017 gegen Emmanuel Macron verloren habe, wenn doch die Nationalen weltweit im Vormarsch seien. Bannon weiss keine rechte Antwort; dafür singt er ein Loblied auf Marion Maréchal-Le Pen, die kürzlich in den USA aufgetretene, in Lille aber abwesende Hauptkonkurrentin ihrer Tante. Betreten lächelnd muss Marine Le Pen den Amerikaner vor laufenden Mikrofonen über den «Wettbewerb» zwischen den beiden Französinnen aufklären.

Etwas kleinlauter geworden, beeilt sich Bannon festzuhalten, er sei nach Europa gekommen, «um zu lernen». Nächstens besucht er Deutschland, Polen und Ungarn. Die «Weltbewegung» aus Populisten und Nationalisten will zuerst einmal organisiert sein. Marine Le Pen versucht ihrerseits, ihre Partei und sich selbst neu aufzustellen. «Ich schlage vor, den ‹Front National› in ‹Nationale Sammlungsbewegung› umzubenennen», lässt sie in ihrer Schlussrede endlich die Katze aus dem Sack. Ihre Partei sei von einer Protest- und Oppositionspartei zu einer Regierungspartei geworden und damit keine «Front» mehr, begründet sie ihren Vorstoss, der noch von den FN-Mitgliedern abgesegnet werden muss. «Rassemblement National», also der Zusammenschluss aller nationalen Kräfte, solle auch Wahlallianzen mit anderen Parteien ermöglichen.

Vor dem Parteitag selbst hatten nur 52 Prozent der Mitglieder des Front National für die Notwendigkeit eines Namenswechsels gestimmt, wie Le Pen in ihrer Rede zugeben muss. Sie selbst ist allerdings mangels Gegenkandidaten einstimmig als Parteivorsitzende wiedergewählt worden. Doch ihre fast andert­halbstündige Parteitagsrede vermag die 3000 Delegierten nicht aus den Sesseln zu reissen. Dafür spricht die FN-Chefin zu verhalten, zu unpolemisch. Damit will sie für breite Kreise «wählbar» erscheinen. Bei der eigenen Basis gewinnt sie aber damit keine Punkte.

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