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FRANKREICH: «Wir stimmen auch über die EU ab»

Arithmetisch hat Marine Le Pen wenig Chancen, Präsidentin Frankreichs zu werden. Doch im weiten Land sind die Nationalisten bereits mehrheitsfähig. Das zeigt ein Besuch in einer Hochburg des Front National.
Stefan Brändle, Villers-Cotterêts
Eine Statue von Alexandre Dumas steht im Zentrum von Villers-Cotterêts. (Bild: Stefan Brändle (Villers-Cotterêts, 30. April 2017))

Eine Statue von Alexandre Dumas steht im Zentrum von Villers-Cotterêts. (Bild: Stefan Brändle (Villers-Cotterêts, 30. April 2017))

Stefan Brändle, Villers-Cotterêts

Die Meinungsforscher sind sich einig: Marine Le Pen wird am kommenden Sonntag nur etwa 40 Prozent der Stimmen erhalten und damit klar gegen den Parteilosen Emmanuel Macron verlieren. Bloss, mit den Umfragen ist es so eine Sache. «Die einen sagen, sie wählen Le Pen, und legen dann für Macron ein, die anderen machen es umgekehrt», sagt vor dem Zeitungsladen in Villers-Cotterêts ein Passant und kreuzt, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, seine beiden Zeigefinger in Gegenrichtung.

Und wen wählt er selbst? Der grauhaarige Bürger lacht nur. Gut, weniger direkt gefragt: Was hält er vom lokalen Bürgermeister, Mitglied des Front National (FN)? Schulterzucken, dafür zischt sein Frau: «Besser als sein linker Vorgänger ist er allemal!»

Das Städtchen lebt von seiner Vergangenheit

So antworten manche der 11 000 Einwohner von Villers-Cotterêts, 70 Kilometer nordöstlich von Paris. Niemand würde zugeben, dass er den FN wählt, aber niemand hat etwas an ihm auszusetzen. Ausser vielleicht die Dame im Spielzeugladen, die beklagt, dass es auch unter dem neuen Bürgermeister «immer mehr Immigranten» habe.

Vor zehn Tagen hat Marine Le Pen in Villers-Cotterêts 34,3 Prozent der Stimmen geholt, 15 Prozent mehr als Macron. Bei den Gemeindewahlen 2014 erhielt der FN 41,5 Prozent – und regiert seither im Rathaus. Villers-Cotterêts ist einer jener «periurbanen» Orte am Rande des Pariser Grossraums, wo nicht mehr viel gedeiht ausser der Arbeitslosigkeit. Das Landstädtchen lebt von seiner Vergangenheit; im Tourismusbüro erzählt die Angestellte, wie König François I. im hiesigen Schloss Französisch 1539 zur Amtssprache bestimmte. Richtung Bahnhof stehe das Geburtshaus von Alexandre Dumas («Die drei Musketiere», «Der Graf von Monte Christo»). Und in beiden Weltkriegen sei Villers ein wichtiger Schauplatz gewesen.

Zur neuen französischen Revolution – der von rechts – darf die junge Frau auf Weisung des Rathauses nichts sagen. Dabei macht FN-Bürgermeister Franck Briffaut gar nicht den Eindruck eines Rechtsextremen. Der distinguierte, leutselige Gemeindevorsteher erzählt, wie er versucht, den lokalen Hauptarbeitgeber Volkswagen im Ort zu behalten; an diesem Tag sucht er ihn gerade mit einem lokalen Lederpolster-Hersteller zusammenzubringen. Die Deutschen haben in ­Villers bereits Teile ihrer Frankreich-Verteilzentrale abgebaut und in die Nähe des Pariser Flughafens Roissy verlegt – dort gibt es bessere Verkehrsverbindungen und besser ausgebildetes Personal. Dass VW einmal ganz abziehen könnte, mag sich Bürgermeister Briffaut gar nicht erst vorstellen: Das wäre eine soziale Katastrophe ohnegleichen für Villers-Cotterêts.

In Briffauts Büro prangt ein Porträt von Dumas, dem man ansieht, dass sein Vater der erste schwarze General Frankreichs unter Napoleon gewesen war. Mit Hautfarben hat der 59-jährige Ex-Militär kein Problem. «Als mir ein Mitbürger einmal zuraunte, er wähle den Front National, weil ihm ein Araber das Motorrad geklaut habe, stellten sich mir die Nackenhaare auf», meint der Bürgermeister.

Und er schüttelt nur den Kopf über den FN-Interimschef Jean-François Jalkh, der in Paris letzte Woche abtreten musste, weil er den Einsatz des Gases Zyklon B in den Vernichtungslagern der Nazis als «technisch unmöglich» bezeichnet hatte. Mit revisionistischen oder xenophoben Ansichten will Briffaut nichts zu tun haben. Auf Jean-Marie Le Pen, der die Gaskammern der Nazis als «Detail der Geschichte» bezeichnet, lässt er aber gleichwohl gar nichts kommen.

«Brüsseler Oligarchen» trieben ihn zum FN

Im Front National ist er aus einem anderen Grund – wegen der vermaledeiten EU. «Die französische Wirtschaft wird durch den starken Euro zerstört», meint Briffaut, der sich gegen die «ultraliberalen Brüsseler Oligarchen» immer mehr in Fahrt redet. Dass die Strukturschwächen Frankreichs oder auch des hiesigen Departementes Aisne für die Wirtschaftsmisere verantwortlich sein könnten, lässt der FN-Bürgermeister nicht gelten: «Die EU hindert den französischen Staat daran, eine ökonomische Strategie mit den nötigen Reformen in die Wege zu leiten.»

Doch könnte, wenn Präsidentin Le Pen ihre protektionistischen Ideen umsetzen würde, Volkswagen nicht ganz wegziehen? «Wir sind nicht gegen Europa an sich, wir wollen wie einst Charles de Gaulles ein ‹Europa der Vaterländer›, und das würde unsere Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland keineswegs schmälern», meint der Frontist, der vor dem Rathaus sieben blauweiss-rote Trikoloren hissen, die blaue EU-Fahne aber einziehen liess. Er weist auch ökonomische Berechnungen zurück, wonach der Euroausstieg Frankreich in eine schwere Rezession mit hoher Inflation stürzen und gerade die minderbemittelten Le-Pen-Wähler hart treffen würde.

Auch in den Strassen von Villers-Cotterêts findet sich niemand, der auf die EU gut zu sprechen wäre. «Seit der Abstimmung von 2005, als die Franzosen gegen die EU-Verfassung stimmten, diese aber trotzdem umgesetzt wurde, ist etwas zerbrochen», meint Liliane, eine ältere Dame, vor dem Blumenladen. Die Kirchgängerin will aus Prinzip nicht für Le Pen stimmen, aber auch nicht für Macron, der mehr Europa wünscht.

«Ich werde leer einlegen oder mich der Stimme enthalten», meint sie. Lilianes Unentschlossenheit gilt dabei auch der EU. Bei aller Kritik daran fürchtet eine Zweidrittelmehrheit der Franzosen laut Umfragen den Euroausstieg. Selber unentschlossen, sinniert Liliane: «Eigentlich stimmen wir am Sonntag auch über die EU ab.» Jetzt muss sie aber zur Messe.

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