Todesfall
Frankreichs grösster Europäer: Ex-Präsident Valéry Giscard d'Estaing ist am Coronavirus gestorben

Der Altpräsident ist im Alter von 94 Jahren an Covid-19 gestorben. Bis ins hohe Alter war er der konsequenteste Europäer seines Landes. Dass er seine Wiederwahl ins Elysée 1981 verpasst hatte, verwand er allerdings nie.

Stefan Brändle aus Paris
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Erhielt in Europa mehr Anerkennung als im eigenen Land: Ex-Präsident Valéry Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren verstorben.

Erhielt in Europa mehr Anerkennung als im eigenen Land: Ex-Präsident Valéry Giscard d'Estaing ist im Alter von 94 Jahren verstorben.

Markus Schreiber / AP

Es war im Herbst 2019, der Brexit stand an und das Schicksal Europas auf der Kippe. Da konnte Valéry Giscard d'Estaing nicht länger schweigen. Mit 93 Jahren empfing er nochmals ein paar europäische Journalisten. Seine Botschaft: Die EU solle den Briten einen einjährigen Brexit-Aufschub vermitteln, um das Schlimmste zu verhüten.

Nach Verlassen seines Büros am Boulevard Saint-Germain waren sich alle Besucher einig: Dieser Mann mit dem gebeugtem Gang und dem vifen Blick, der entgegen seinem Ruf sehr bescheiden auftrat, war ein Staatsmann und Visionär. Und statt eigene Standpunkte aufzudrängen, erkundigte er sich lieber - und mit ehrlichem Interesse -, was sich in den europäischen Ländern seiner Gesprächspartner gerade tat.

Die Marseillaise und ein leerer Stuhl

Am 19. Mai 1981 war das noch anders gewesen. Der gerade abgewählte Staatschef trat vor die Fernsehkameras, um sich von seinen Landsleuten zu verabschieden und ihnen «Glück und Grösse» zu wünschen. Nach seiner kurzen Ansprache blieb die Kamera aber irrtümlicherweise offen. Dadurch verwirrt, brachte Giscard nur noch ein «Au-revoir» zustande; dann erhob er sich, kehrte dem TV-Publikum den Rücken zu und verliess das Studio vor der versammelten Fernsehnation. Zum Bild eines leeren Stuhls erklang nun die Marseillaise, als wollte sie den peinlich leeren Moment überspielen.

Die Franzosen wussten, wie so oft bei Giscard, nicht so recht, ob sie nun lachen oder weinen sollten. Der pathetische Abgang passte zu ihrem Präsidenten, der etwas von einem Don Quichotte hatte, und von einem Aristokraten, der er eigentlich gar nicht war. Valéry René Marie Georges Giscard d'Estaing entstammte einer gutbürgerlichen Familie, die sich das Adelsprädikat unter Valérys Vater zugelegt hatte. Der Filius absolvierte eine Blitzkarriere als Finanzinspektor und -minister und wurde 1974 mit bloss 48 Jahren Staatschef. An seiner Bürowand hingen noch bis zu seinem Tod Schwarzweissbilder von ihm, einmal neben Charles de Gaulle, dann wieder neben John F. Kennedy.

Die französischen Präsidenten seit 1959:

Charles de Gaulle, Amtszeit: 8. Januar 1959 – 28. April 1969
8 Bilder
Georges Pompidou, Mitte, Amtszeit: 20. Juni 1969 – 2. April 1974
Valery Giscard D'Estaing, Amtszeit: 27. Mai 1974 – 21. Mai 1981
Francois Mitterrand, Amtszeit: 21. Mai 1981 – 17. Mai 1995
Jacques Chirac, Amtszeit: 17. Mai 1995 – 16. Mai 2007
Nicolas Sarkozy, Amtszeit: 16. Mai 2007 – 15. Mai 2012
François Hollande, Amtszeit: 15. Mai 2012 – 14. Mai 2017
Emmanuel Macron, seit 14. Mai 2017 amtierend

Charles de Gaulle, Amtszeit: 8. Januar 1959 – 28. April 1969

Keystone

Gesellschaftspolitische Erfolge und die schmerzhafte Wahlniederlage

Giscards siebenjährige Amtszeit von 1974 bis 1981 war wirtschaftlich erfolgreich und bescherte Frankreich einen Modernisierungsschub. Wahlalter 18, Schwangerschaftsabbruch, Scheidungsrecht, Frauenbehörde: «VGE», wie ihn viele Medien nannten, gab zahlreiche gesellschaftspolitische Anstösse und schuf ein «Ministerium der Lebensqualität»; auch stand er dem heute viel besuchten Impressionisten-Museum Orsay Pate.

Zugleich schmunzelten die Franzosen über Giscards ständige Fettnäpfchen. So setzte er sich persönlich in ein «Schnüffel-Flugzeug», das ihm Betrüger zum angeblichen Aufspüren unterirdischer Ölvorkommen andrehen wollten. Fatal wurden ihm die so genannten Bokassa-Diamanten. Der leidenschaftliche Jäger, den ein Satiremagazin als «Elefantentöter» apostrophierte, hatte auf seinen privaten Safaris vom megalomanen Kaiser der Zentralafrikanischen Republik kompromittierende Geschenke erhalten. Die - nicht einmal sehr wertvollen - Schmuckstücke trugen zu Giscards Wahlniederlage von 1981 gegen den Sozialisten François Mitterrand bei.

Die Hauptschuld daran hatte allerdings ein Mann aus dem eigenen, bürgerlichen Lager - Jacques Chirac. Der Gaullist war im ersten Wahlgang als Drittplatzierter ausgeschieden und gab für die Stichwahl nur ein Lippenbekenntnis für Giscard ab; hinter den Kulissen trat er gar für Mitterrand ein.

Diesen politischen Verrat verzieh Giscard seinem Nebenbuhler nie. Noch dreissig Jahre später erklärte er, Chirac und das gaullistische RPR hätten sich von afrikanischen Diktatoren «schmieren» lassen. Giscards – vermutlich wahre - Worte troffen von der bitteren Ranküne, die er seit 1981 mit sich herumschleppte.

Politisch einflussreich auch nach der Abwahl

Dabei hätte er wirklich nicht mit seinem Schicksal zu hadern brauchen. Nach seiner Abwahl 1981 stand VGE achtzehn Jahre lang dem Regionalrat der Auvergne vor. Dank einer eigenen Partei, der christdemokratischen und liberalen «Union für die französische Demokratie» (UDF) verfügte er über viel politischen Einfluss. Zudem sass er im französischen Verfassungsgericht und der altehrwürdigen Académie Française - beides auf Lebenszeit.

Ausserhalb Frankreichs genoss der leidenschaftliche Europäer hohes Ansehen. Der 1926 im französisch besetzten Koblenz geborene Funktionärssohn setzte die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle lancierte «deutsch-französische Freundschaft» in die Tat um. Zusammen mit Kanzler Helmut Schmidt schuf er 1979 das Europäische Währungssystem (EWS). Mehr noch: Dank Giscards Impulsen nahm die EG wirklich Form an.

Giscard war für Deutschland der «sicherste» Proeuropäer unter den französischen Spitzenpolitikern. All seine Nachfolger, auch Mitterrand, der 1989 vor der deutschen Wiedervereinigung warnte, verhielten sich gegenüber Brüssel zumindest berechnender. Das gilt auch für Emmanuel Macron, der mit Giscard das junge Präsidentenalter und den liberalen, bisweilen technokratischen Ansatz gemein hat, innerhalb der EU gerne auf Solotouren setzt.

Persönlicher Rückschlag: Ablehnung der europäischen Verfassung

Giscard arbeitete bis ins 21. Jahrhundert weiter an «seinem» Europa. 2001 leitete er die EU-Konvention, welche eine europäische Verfassung ausarbeiten sollte. Dass die Franzosen das Projekt der Verfassung an der Urne 2005 ablehnten, empfand er als persönlichen Rückschlag. Aber auch das folgende Abkommen von Lissabon trägt bis in die Details seine Handschrift. Dazu gehört auch das Recht der Mitgliedstaaten, die EU zu verlassen, wofür ihm paradoxerweise die Brexit-Befürworter dankbar sein müssen.

Seine europäischen Überzeugungen hinderten VGE nicht daran, vor einer zu raschen Erweiterung der EU zu warnen. Wären seine Appelle gehört worden, stünde die Union heute zweifellos solider, auch kompakter da.

Der europäische Nachruhm genügte Giscard indes nie: Der Altpräsident suchte in erster Linie - und stets vergeblich - die Anerkennung der Franzosen, die ihn 1981 an den Wahlurnen verschmäht hatten. Selbst Macron, der ihm politisch nahestand, sich aber in historischen Belangen lieber an Charles de Gaulle spiegelt, ehrte ihn am Donnerstag eher nüchtern als «grosser Europäer».