Präsidentschaftswahl

Frankreichs Sozialisten driften nach links

Der Frondeur Benoît Hamon trifft in der Stichwahl auf den «Realo» Manuel Valls.

Stefan Brändle, Paris
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Benoît Hamon sieht sich als Verkörperung der «neuen Linken» in Frankreich.JEREMY LEMPIN/EPA/Keystone

Benoît Hamon sieht sich als Verkörperung der «neuen Linken» in Frankreich.JEREMY LEMPIN/EPA/Keystone

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Er hat etwas von einem Hobbit: Mit grossen Ohren und kleiner Statur, einem sanften, aber unbeugsamen Wesen wirkt Benoît Hamon stets etwas fehl am Platz im Scheinwerferlicht. TV-Auftritte mit perfekt sitzender Krawatte sind nicht seine Sache.

Am Sonntagabend, als der 49-jährige Bretone überraschend den ersten Durchgang der sozialistischen Primärwahlen gewonnen hatte, musste er sich zwischen Türrahmen und Leibwächtern durchzwängen, um überhaupt auf das Rednerpodest zu gelangen. Dort sichtete er mit nervösen Fingern seinen Zettelsalat, um lehrerhaft seine sozialen wie ökologischen Prioritäten aufzuzählen: ein Grundeinkommen für alle und eine Energiewende mit Abkehr vom französischen Atomkurs.

Im Wahlkampf hatte Hamon klargemacht, dass er die «neue Linke» in Frankreich verkörpern will – wie Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in England oder Podemos in Spanien. Der ehemalige Bildungsminister ist ein «Frondeur» (Rebell) vom linken Flügel des Parti Socialiste. Erbittert bekämpfte er das liberalisierte Arbeitsrecht, das die Regierung von Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls über die Köpfe der Parlamentarier hinweg in Kraft gesetzt hatte.

Zu unloyal, zu aufsässig

Valls warf Hamon 2014 zusammen mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg aus der Regierung: Zu unloyal, zu aufsässig erschienen ihm die beiden Widerspenstigen vom linken Parteiflügel. Jetzt treffen sich der Entlassene und der ehemalige Boss zum direkten Duell: Hamon hat sich am Sonntag mit 36 Prozent der Stimmen für das Finale der parteiinternen Primärwahl qualifiziert, Valls mit 31 Prozent. Und der unscheinbare Frondeur ist plötzlich der Favorit, während sich der medienversierte Politprofi Valls zum Herausforderer degradiert sieht.

Der Ex-Premier ging noch am Wochenende in den Angriff: Das von Hamon geforderte Grundeinkommen sei schlicht «unrealisier- und unfinanzierbar», meinte er, um sich als Vertreter der «republikanischen Ordnung und der Autorität des Staates» gegen die Terrordrohung zu präsentieren. Und während die radikale Linke – gemeint waren gerade Hamons Vorbilder Sanders oder Corbyn – den «Komfort der Opposition» vorzögen, wolle er die Präsidentenwahlen wirklich gewinnen und Regierungsverantwortung ausüben. Hamon reagierte unaufgeregt wie immer. «Wir müssen von den alten Rezepten und Methoden wegkommen, wir müssen neue Wege gehen», konterte er am Sonntagabend vor seinen euphorischen Fans in einer plötzlich viel zu engen Wahlkampfzentrale in Paris.

Lange Gesichter im Valls-Lager

Ganz anders war die Stimmung in Valls’ Hauptquartier: Obwohl der im Dezember zurückgetretene Regierungschef den Einzug ins Primärwahlfinale geschafft hat, machen seine Anhänger lange Gesichter. Da der Drittplatzierte Montebourg (18 Prozent) zur Wahl Hamons aufruft, wird Valls die grösste Mühe haben, die sicher geglaubte Investitur seiner Partei für die Präsidentenwahlen noch zu erhalten. Rein rechnerisch kommt Hamon allein schon mit den Stimmen Montebourgs auf 54 Prozent der Stimmen.

Aber so klar ist das Rennen nicht. In ersten Wahlgängen stimmen französische Sozialisten meist mit dem «Herz», in der Endrunde aber wieder mit der «Vernunft». Die tiefe Wahlbeteiligung im ersten Primärwahlgang – wohl nur 1,5 Millionen Abstimmende bemühten sich in die 7300 Wahllokale – lässt die Analysten annehmen, dass viele Sozialisten des pragmatischen Flügels am Sonntag zu Hause blieben.

Fillon und Le Pen im Final?

Die eigentlichen Präsidentenwahlen finden Ende April (erster Wahlgang) und Anfang Mai (zweiter Wahlgang) statt. Bereits jetzt stehen vier prominente Bewerber fest.
In einer Umfrage der Zeitung «Le Monde» von vergangener Woche erhielten Marine Le Pen (Front National) 25 Prozent, François Fillon (Republikaner) 24 Prozent, Emmanuel Macron (Mitte-Links) 20 Prozent und Jean-Luc Mélenchon (Die Linke) 15 Prozent. Der sozialistische Kandidat landete auf dem fünften Platz: Manuel Valls werden nur 10 Prozent gutgeschrieben, Benoît Hamon kommt auf 7 Prozent. Im Final würde Fillon Le Pen gemäss allen Szenarien schlagen. (brä.)