Frankreichs Vorstädte haben genug von der Ausgangssperre: Es gärt in der Banlieue

Die berüchtigten Pariser Banlieues stehen in der Ausgangssperre unter Hochspannung. Seit Ostern mehren sich Zusammenstösse mit der Polizei.

Stefan Brändle aus Paris
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Die Polizei muss derzeit vermehrt in die Pariser Vororte ausrücken.

Die Polizei muss derzeit vermehrt in die Pariser Vororte ausrücken.

Amaury Blin / www.imago-images.de

Nur keinen Flächenbrand wie bei den Krawallen von 2005 verursachen: Nach diesem Motto versuchen die Behörden derzeit die Lage in den Banlieue-Zonen um Paris zu beruhigen. Sie ist ganz offensichtlich brenzlig, wenn nicht explosiv. Seit dem Osterwochenende mehren sich die Ausschreitungen Jugendlicher und die Zusammenstösse mit der Polizei.

Auslöser war ein Beinbruch. Am Ostersamstag wollte eine Polizeipatrouille im Pariser Vorort Villeneuve-la-Garenne einen 30-jährigen Mann anhalten, der ohne Helm in verbotener Fahrtrichtung unterwegs war. Er versuchte zu entkommen, prallte aber in eine sich öffnende Tür des Polizeiwagens. Ein Ordnungshüter gab zu Protokoll, er habe aussteigen wollen, um den Fehlbaren anzuhalten. In den sozialen Medien zirkulierte aber sofort die Version, der Polizist habe den Motorradfahrer genau im Moment des Vorbeifahrens mit dem Aufreissen der Tür zu Fall bringen wollen.

Der Fahrer prallte in einen Strassenpfosten und verletzte sich schwer. Das Video mit dem verkrümmten Bein und dem vor Schmerzen schreienden Mann machte im Internet sofort die Runde, gefolgt von – falschen – Todesmeldungen.

Der Vorfall genügte, um den Funken zu entzünden. Seit Ostersonntag kommt es in der Vorstadt im Norden von Paris allabendlich zu Ausschreitungen. Die Polizei wird mit Steinen empfangen, wenn sie die Wohnsiedlung La Caravalle zu betreten versucht, und mit Leuchtraketen und Feuerwerksmaterial beschossen. Autos und Müllcontainer gehen in Flammen auf, die Polizei kontert mit Tränengas und mobilen Kommandos. Bis nach Strassburg weiten sich die Randale inzwischen aus.

Motorradfahrer ruft zur Mässigung auf

Innenminister Christophe Castaner hüllt sich bisher in Schweigen. Dafür publizierte der fehlbare Motorradfahrer von seinem Spitalbett aus ein Video, in dem er zur Ruhe aufruft. Die Polizeigewerkschaft Synergie-Officiers unterstellt den Behörden, sie habe diese «Komödie inszeniert». Der Verletzte sei ein 14-facher Wiederholungstäter, der wegen Drogendelikten und schwerer Gewalt schon mehrfach in Haft gewesen sei.

Banlieue-Polizisten verweisen auch auf den Umstand, dass es in einzelnen Vorstädten seit Wochen rumore, teils auch schon zu Krawallen gekommen sei. Der heftigste ereignete sich in Grigny, einer berüchtigten Vorstadt im Süden von Paris. Jugend-, wohl auch Drogenbanden hatten die Feuerwehr und die zu ihrer Sicherheit aufgebotene Polizei mit Brandstiftungen in einen Hinterhalt gelockt. Einen Polizeihubschrauber vertrieben sie mit Leuchtraketen.

Jugendliche sind seit Wochen zu sechst in 50 Quadratmeter grossen Wohnungen eingeschlossen

Castaner hat laut Polizeigewerkschaftern trotzdem Anweisung gegeben, in einzelnen Vierteln «keinen Übereifer» anzuwenden. Vor allem nicht bei der Missachtung der virusbedingten Ausgangssperre. Der Grund ist nicht nur sicherheitspolitischer, sondern auch sozialer Natur. Der ehemalige Ombudsmann von Villeneuve-la-Garenne, Zouhair Ech-Chetouani, berichtet von unhaltbaren Zuständen in den betroffenen Trabantenstädten: «Jugendliche sind seit Wochen zu sechst in 50 Quadratmeter grossen Wohnungen eingeschlossen.» Die Lage könne beim geringsten Problem mit der Polizei sofort ausufern.

Erschwerend kommt laut Ech-Chetouani dazu, dass die Eltern dieser Kids häufig die Entlöhnung für Gelegenheits- und Schwarzarbeit verloren haben. Das verschärfe die Spannungen und treibe die Kinder ebenfalls vor die Haustüre.