DSK-Affäre
Französische Sozialisten tun sich schwer mit der einstigen Galionsfigur

Er war der Hoffnungsträger der französischen Linken, und die Umfragen sahen in ihm schon einen würdigen Nachfolger von François Mitterrand, dem letzten sozialistischen Staatschef Frankreichs von 1981 bis 1995.

Stefan Brändle, Paris
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Dominique Strauss-Kahn und seine Frau Anne Sinclair in New York auf dem Weg zum Gericht. key

Dominique Strauss-Kahn und seine Frau Anne Sinclair in New York auf dem Weg zum Gericht. key

Sprichwörtlich mit links schien Dominique Strauss-Kahn den bürgerlichen Rivalen Nicolas Sarkozy bei den Präsidentschaftswahlen von Mai 2012 aus dem Elysée zu vertreiben. Doch dann kam der 14. Mai – und die Verhaftung der sozialistischen Galionsfigur wegen einer hässlichen Sexaffäre.

«DSK» kam hinter Gitter, und für die Sozialisten begann der Albtraum. Nicht einmal seine internen Widersacher wie François Hollande, Martine Aubry oder Ségolène Royal profitierten: Die Franzosen interessierten sich nur noch für das Schicksal des Währungsfonds-Direktors, aber nicht für die Wahlprogramme Aubrys und Hollandes oder gar deren subtile Unterschiede.

Schickt er ein Grusswort?

Jetzt wird das Verfahren gegen Strauss-Kahn eingestellt, der bekennende Schürzenjäger ist reingewaschen. Doch für den Parti Socialiste geht der Albtraum weiter. Am Freitag beginnt in La Rochelle am Atlantik die traditionelle «Sommeruniversität» der Sozialisten, und Aubry wollte an dem mehrtägigen Treffen die Nach-DSK-Ära ausrufen: Auf dem Programm steht die Auswahl des Spitzenkandidaten – oder der Kandidatin – für den Kampf gegen Sarkozy.

Das Einzige, was die nach La Rochelle gepilgerten Parteimitglieder und Journalisten interessieren wird, bleibt aber – Strauss-Kahn. Wird er aus New York ein Grusswort schicken? Wird er gar zurückkehren? Niemand weiss es. «Seine Worte fehlen uns», meint der DSK-Anhänger Jean-Marie Le Guen. Und Jack Lang erklärte am Fernsehen voller Zärtlichkeit: «Dominique und Anne (Sinclair, Strauss-Kahns Gattin; die Red.) sollten sobald wie möglich wieder unter uns sein.» Er habe nie daran gezweifelt, dass alle Vorwürfe falsch seien, fügte der Ex-Kulturminister an.

Die wenigen Journalistenfragen nach der politischen Zukunft Strauss- Kahns übergeht Lang. Sie ist momentan tabu unter den Sozialisten. Aubry und Hollande gaben sich zwar «glücklich» über den Justizentscheid in New York, bleiben sonst aber wortkarg. In Wahrheit fürchten sie Strauss-Kahns Rückkehr. Obwohl sie wie die meisten französischen Medien denken, dass DSK als Präsidentschaftskandidat nicht mehr infrage kommt. Eine Hypothek für die Partei bleibt er allemal. Der «Macho» habe es zumindest mit der weiblichen Wählerschaft verspielt und könnte seiner Partei viele Stimmen kosten, schätzt zum Beispiel das Regionalblatt «L’Alsace».

In Paris ist weiterhin die Vergewaltigungsklage einer jungen Autorin namens Tristane Banon hängig. Ausserdem will ein französischer Anwalt der DSK-Klägerin Naffisatou Diallo Klage gegen einen sozialistischen Lokalpolitiker einreichen, der das Schweigen eines Belästigungsopfers von DSK vor der Justiz mit Geld erkaufen wollte.

Bürgerliche halten sich zurück

Die Rechte hält es gar nicht für nötig, Strauss-Kahn anzugreifen. Die bürgerliche Regierungspartei UMP ruft auf Weisung Sarkozys zur «Zurückhaltung» auf, um nicht des Kesseltreibens bezichtigt zu werden. Dessen ungeachtet meint die UMP-Abgeordnete François Hostalier, der 62-jährige Sozialist habe sein «wahres Gesicht» gezeigt und sei der Präsidentschaftsfunktion «unwürdig». Marie-George Buffet, die langjährige Kommunistenchefin und damit potenzielle Partnerin der Sozialisten, hält die Verfahrenseinstellung zugunsten von DSK sogar für eine «schlechte Neuigkeit für die Justiz und für die Frauen».

Die schärfste Kritik am Justizentscheid kommt durchwegs von Frauen. Aber DSK hat auch eine wichtige Verbündete: Die ehemalige Topjournalistin Anne Sinclair soll bereits E-Mails versenden, in denen sie ankündigt, sie werde alles daran setzen, damit ihr Mann «in seiner Ehre rehabilitiert» werde.