Machismo
Frauenrechtlerin: «Spanien ist ein patriarchales Land»

Zwei Gewaltverbrechen an jungen Frauen schockieren das Land. Der Umgang mit den Fällen offenbart tieferliegende Missstände in der spanischen Gesellschaft.

Deborah Gonzalez
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Pilar Estevez, Frauenrechtlerin

Pilar Estevez, Frauenrechtlerin

HO

«Ich laufe gerade nach Hause. Ein Typ ruft mir dauernd Dinge zu. Es ist dunkel und ich habe Angst.» Das waren die letzten Worte, die die 18-jährige Diana Quer in ihr Handy tippte, bevor sie ermordet wurde.

Vergangenen Silvester, über ein Jahr später, wurde ihre Leiche gefunden. Der Täter, genannt «El Chicle» (auf Deutsch «Der Kaugummi») hat gestanden: Er habe die junge Frau getötet, weil sie sich gewehrt hatte. Eigentlich wollte er sie «nur» vergewaltigen. José Enrique Albuín, der seinen Spitznamen noch aus seiner Zeit als Drogenkurier hat, war schon seit geraumer Zeit Hauptverdächtiger. Zugegriffen wurde allerdings erst, als er erneut versuchte, ein Mädchen zu vergewaltigen.

Das ist nicht der einzige Fall, der in Spanien gerade für Aufsehen sorgt: Derzeit warten fünf Männer, die sich selbst «das Rudel» nennen, auf ihr Urteil. Es geht um die Vergewaltigung einer 18-Jährigen. Die junge Frau war zusammen mit einem Freund von Madrid nach Pamplona gereist, um «Sanfermines» (Das Fest der Stiere) zu feiern. Ihr Freund verliess die Feier vorzeitig, sie hingegen blieb und freundete sich mit dem «Rudel» an.

Auf dem Weg zu ihrem Auto drängten die fünf Männer sie in einen Wohnungseingang und vergewaltigten sie alle nacheinander. Whatsapp-Nachrichten zeigen, dass die Gruppe schon länger plante, gemeinsam eine Frau zu vergewaltigen. Diverse Fotos und Videos belasten die Männer, die trotzdem ihre Unschuld beteuern: der Sex sei einvernehmlich gewesen.

Um das zu beweisen, hat die Verteidigung Privatdetektive beauftragt, welche das Mädchen beschatten. Sie sollen zeigen, dass die 18-Jährige ein normales Leben führt – und demzufolge nicht vergewaltigt worden sein konnte.

Opfern wird nicht geglaubt

Ein Vergewaltigungsopfer, das ein Jahr nach der Tat von Detektiven verfolgt wird? Die spanische Journalistin und Dozentin Ana Bernal-Triviño ist empört: «In Spanien wird von Opfern verlangt, kein normales Leben zu führen. Dass deren Trauma sie bricht und sie heulend in die Gerichtssäle kommen. Nur dann sind die Opfer auch echte Opfer.»

Ein Bild, das auch viele Medien übernehmen. Zum Hauptthema in dem Fall wurde nicht die Vergewaltigung oder das Verschwinden der jungen Frau, sondern alles andere: ihre vermeintlich zu kurze Kleidung, ihre Beziehungen, ihre Aktivitäten in sozialen Netzwerken.

Während die spanische Zeitung «esdiario» fragte: «Waren die Partys ihrer Mutter schuld?», kritisierte «el Español» das «normale Leben nach der Vergewaltigung: Universität, Freunde und Reisen». Andere Zeitungen schlugen sich nahezu auf die Seite des Täters: «Der Fehler des Mörders war, das Handy vor der Entführung nicht verschwinden zu lassen», schreibt «La Razon».

Selbst die spanische Polizei Guardia Civil kritisiert inzwischen den Umgang mit den zwei Fällen: «Für die Zeitungen sind es nur Titel, die heute wichtig sind, für die Familien sind es aber Schäden, die für immer bleiben.»

Der allgegenwärtige «machismo»

Zwar werden in vielen europäischen Ländern wesentlich mehr Fälle von Gewalt an Frauen registriert als in Spanien. In Skandinavien etwa doppelt so viele. Dennoch ist die jüngste Entwicklung in Spanien beunruhigend: Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres gingen rund 17 000 Anzeigen mehr ein als in derselben Zeitspanne 2016 – ein Anstieg um 16 Prozent.

Neu sei dieses Problem nicht, bemängelt Pilar Estevez, Frauenrechtlerin und Mitglied der Feministischen Plattform Galiziens («Plataforma feminista gallega»). Zwar habe es Fortschritte bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt gegeben. Das Grundproblem, sagt Estevez, werde in Spanien aber noch immer viel zu lasch angepackt: Das nicht mehr zeitgemässe Rollenbild von Mann und Frau («machismo»). «Frauen werden hierzulande nach wie vor unterdrückt», sagt auch Journalistin Bernal-Triviño. «Spanien ist noch immer ein patriarchales Land.»

Diese Beobachtung zieht sich durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche – und es muss noch nicht einmal ein Mann sein, der die Rolle übernimmt. Bernal-Triviños verweist auf den Fall der Richterin Carmen Molina. Sie fragte ein Vergewaltigungsopfer, ob es denn die Beine richtig geschlossen habe, um die Vergewaltigung zu vermeiden. «Beschämend, nicht?», fragt Bernal-Triviños rhetorisch.

«Es sind die Medien, die Richter, aber auch die Gesellschaft, die den ‹machismo› am Leben erhalten», sagt Frauenrechtlerin Pilar Estevez. Es liege auf der Hand, dass Gewalt gegenüber Frauen gefördert werde, weil das Thema nicht ernst genommen werde.