Analyse

Frieden zwischen Israel und arabischen Staaten: Die Palästinenser sind von der politischen Agenda verschwunden

Der Friedensschluss zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten könnte die Region stabilisieren. Für den palästinensischen Traum vom eigenen Staat aber bedeuten die neuen Verträge das fast sichere Aus.

Pierre Heumann aus Tel Aviv
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Palästinenserinnen und Palästinenser protestieren in Gaza Stadt gegen den israelisch-arabischen Schulterschluss.

Palästinenserinnen und Palästinenser protestieren in Gaza Stadt gegen den israelisch-arabischen Schulterschluss.

Keystone

Den Friedensvertrag, den die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain gestern im Weissen Haus mit Israel unterschrieben haben, sorgt bei den Palästinensern für Wut. Ihr Präsident Mahmoud Abbas spricht von einem «vergifteten Dolch», den ihm die beiden arabischen Golf-Staaten in den Rücken gestossen hätten.

Von den arabischen Brüdern fühlen sich die Palästinenser verraten: Die Arabische Liga hat an ihrer jüngsten Sitzung darauf verzichtet, die Normalisierung der Beziehungen zu Israel zu verurteilen. Schlimmer noch: Sogar die beiden mächtigsten arabischen Länder, Saudi Arabien und Ägypten, loben das Normalisierungsabkommen mit Israel.

Israel-Korrespondent Pierre Heumann.

Israel-Korrespondent Pierre Heumann.

Jetzt befürchten die Palästinensern, dass bald schon Staaten wie Oman, Marokko und am Ende sogar Saudi Arabien Botschafter nach Israel schicken und sie damit auch noch ihre letzen Verbündeten verlieren werden.

«Die arabische Unterstützung für unseren Freiheitskampf ist verkümmert», sagt der palästinensische Politologe Mkhaimar Abu Sada.

Eine gestern publizierte Umfrage eines palästinensischen Meinungsforschers zeigt indes, dass eine Mehrheit der Palästinenser die Schuld für ihre Isolation bei sich selber sieht. Die Palästinenser seien untereinander so zerstritten, dass man ihnen die Opferrolle nicht mehr abnehme.

Dass die Palästinenser von Arabern im Stich gelassen werden, ist auf die jüngsten Umwälzungen in der Region zurückzuführen. Der Arabische Frühling, der syrische Bürgerkrieg, die Wirren in Libyen und das Horror-Regime islamischer Dschihadisten im Irak und in Syrien haben den arabischen Raum erschüttert und das palästinensische Problem relativiert.

Am meisten Sorgen bereiten ihnen aber die iranischen Atompläne. Deshalb ist das Thema «Palästina» im arabischen Raum nur noch ein emotionales Thema – aber nicht mehr Teil der politischen Agenda.

Denn die Staaten am Persischen Golf haben andere Prioritäten. Sie suchen die Nähe zu Israel in der Hoffnung, dadurch besser vor den iranischen Machtaspirationen geschützt zu sein. Auch erhoffen sich die Emirate und Bahrain blühende bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zu Tel Aviv.

«Die Palästinenser,» heisst es in Abu Dhabi, «sollen uns ihre Agenda nicht mehr diktieren. Während Jahren haben wir auf lukrative Beziehungen zu Israel verzichtet, weil es die Palästinenser von uns verlangten. Damit ist jetzt Schluss», twitterte gestern zum Beispiel Hassan Sajwani, ein Geschäftsmann aus Dubai.

Abbas, der Präsident der Palästinenser, mag seine Gründe haben, den Lauf der Dinge scharf zu verurteilen. Aber gegenüber den führenden Staaten in der Region eine Trotzposition einzunehmen, wird ihm nicht helfen. Und die Allianz mit Islamisten, die er in diesen Tagen sucht, ist riskant.

Es sei denn, ihm gefallen die beiden einzigen Staaten, auf die sich die Palästinenser noch verlassen können: Der Iran und die Türkei.