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FUNDAMENTALISMUS: Vermeintliche Religion des Friedens

Mehr als 620 000 Rohingya sind bereits vor Gewalt und Vertreibung aus ihrem Heimatland Myanmar geflohen. Den ideologischen Unterbau zur Verfolgung der muslimischen Minderheit liefern buddhistische Extremisten.
Ulrike Putz, Singapur
Proteste gegen den buddhistischen Extremismus in Myanmar in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. (Bild: A. Rudianto/Getty (15. September 2017))

Proteste gegen den buddhistischen Extremismus in Myanmar in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. (Bild: A. Rudianto/Getty (15. September 2017))

Ulrike Putz, Singapur

Das Muster ist immer gleich: Laster fahren auf dem Dorfplatz vor, Soldaten springen von den Ladeflächen, es folgt eine Orgie der Gewalt. Männer werden erschossen und erschlagen, Frauen vergewaltigt, Häuser und Ställe niedergebrannt. Zum Schluss fliehen die Dorfbewohner, zumindest jene, die noch dazu in der Lage sind. So geht es Dorf für Dorf. Die Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya aus ihrer Heimat Myanmar gilt bei der UNO als «Musterbeispiel für ethnische Säuberung». Experten erkennen Charakteristika eines Völkermords.

Weniger ins Auge fällt, wer hinter den andauernden Pogromen im Gliedstaat Rakhine in Westmyanmar steckt: Zwar mag die Armee das ausführende Organ sein. Die geistigen Urheber der Gewaltexzesse sind jedoch buddhistische Extremisten. Die Vertreibung von bereits 620 000 Muslimen sind die Früchte eines antimuslimischen Zorns, der von Myanmars Klöstern aus geschürt wird.

Hass auf Muslime als gemeinsamer Nenner

Dass Geistliche in Myanmar zu Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen, ist nicht neu. Seit Jahren treiben in orangefarbene Gewänder gehüllte Hassprediger ihr Unwesen in dem südostasiatischen Land. Sie zehren von der Un­sicherheit vieler Myanmarer angesichts der rasanten Modernisierung ihres Heimatlandes. Der Hass auf die Muslime sei ein Ventil, ein kleinster gemeinsamer Nenner im Vielvölkerstaat Myanmar, sagt Kyaw San Wai, Myanmar-Experte an der Nanyang-Universität in Singapur. Dass der im Westen als friedliebend wahrgenommene Buddhismus aus­gerechnet in Asien radikale Auswüchse hat, erklären Reli­gionswissenschafter mit einem Missverständnis. Buddha-Fans im Westen bezögen ihr Bild aus den heiligen Schriften. In Asien würden diese Texte jedoch für nicht so wichtig befunden. Stattdessen bestimmten prominente Mönche das Wesen der modernen Religion. Der bekannteste unter Myanmars Fundamentalisten ist Ashin Wirathu. Der 49-jährige Mönch hämmert vom Kloster Ma Soe Yein im Zentrum des Landes gelegenen Mandalay seinen Anhängern ein, dass Muslime nur ein Ziel haben: den Buddhismus aus Myanmar zu verdrängen und durch den Islam zu ersetzen.

Wirathu versteht es, den Volkszorn aufzupeitschen, bis dieser sich in Pogromen entlädt. 2012 zettelte er Unruhen an, bei denen über 200 Personen getötet und 140 000 Muslime aus ihren Dörfern vertrieben wurden.

Muslimische Minderheit ohne politische Macht

Auch für die jetzige Treibjagd auf die Rohingya hat der kahl geschorene Mann mit Mondgesicht, der bis 2010 wegen Anstiftung zu Hassverbrechen im Gefängnis sass, den Boden bereitet. Objektiv gesehen besteht kein Grund für die Ängste der myanmarischen Buddhisten. Fast 90 Prozent der 53 Millionen Einwohner sind Anhänger des Buddhismus. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich ihr Anteil verkleinert. Demgegenüber sind nur etwa 4 Prozent der Einwohner Myanmars Muslime. Diese sind weitgehend machtlos. Sie sind nicht im Parlament repräsentiert, viele Bürgerrechte bleiben ihnen verwehrt. Dennoch herrsche unter den Buddhisten in Myanmar eine «Belagerungsmentalität», sagt der Singapurer Politologe San Wai. Wirathu, seine «969» genannte Organisation und deren politischer Ableger Ma Ba Tha haben Millionen Unterstützer und sind längst zu einem entscheidenden Machtfaktor in Myanmar geworden.

Regierung macht Extremisten Zugeständnisse

Die Zivilregierung ist gezwungen, Zugeständnisse an die Extremisten zu machen. «Wenn die Regierung ihre Drohung wahr macht und die Ma Ba Tha für illegal erklärt, wird das schwerwiegende, vermutlich gewaltsame Folgen haben», schreibt Richard Horsey von der International Crisis Group in einem Bericht zum buddhistischen Nationalismus.

Die Mönche seien – wie ihre Anhänger – letztlich von Angst getrieben, schreibt Horsey. In Thailand habe die Bruderschaft der Geistlichen im Zuge der Verwestlichungen viele Privilegien verloren. Das gelte den myanmarischen Mönchen als Warnung und Aufforderung, ihre Macht auszubauen, solange sie können.

Dass die Vertreibung der Rohingya Myanmar weltweit in ein schlechtes Licht gerückt hat, sehen einige der Hassprediger als Gewinn. Viele Myanmarer glauben, dass die Berichte internationaler Medien über die Rohingya parteiisch sind, und fühlen sich verunglimpft. Die Verschwörungstheorien der Extremistenmönche haben deshalb Hochkonjunktur. Dazu passt, was Ottama, ein prominenter Mönch in Rangun, kürzlich der Nachrichtenagentur AFP sagte: «Unsere Ideen sind jetzt von der grossen Mehrheit der Bevölkerung angenommen worden.»

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