Plädoyer für Obama
Für den Ausgleich braucht es einen Präsidenten wie Obama

Ein Plädoyer für weitere vier Jahre Barack Obama: Ein greifbarer, berechenbarer und konsequenter Präsident, der trotz der Blockade durch die Häuser vieles erreicht hat. Einer, wo man weiss, woran man ist - ganz im Gegenteil zu seinem Kontrahenten.

Christoph Bopp
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"Change" - Barack Obama bei einer Wahlveranstaltung im September 2008 (Archiv)

"Change" - Barack Obama bei einer Wahlveranstaltung im September 2008 (Archiv)

Keystone

Warum ich lieber noch einmal vier Jahre Obama hätte? Eines der schwächsten Argumente für etwas ist natürlich, dass man die Alternative nicht mag. Kandidaten im Wahlkampf erzählen alles Mögliche, leider entspricht nicht immer alles ganz der Wahrheit. Damit wird man offenbar leben müssen. Aber Mitt Romney hat, seit er sich für das Amt bewirbt, wirklich fast alles gesagt. Wobei nicht nur nicht alles wahr war, sondern noch schlimmer: Dass es meist miteinander nicht vereinbar war. So hat er im Verlauf des Wahlkampfs wahrscheinlich alle möglichen Positionen zu allen möglichen Fragen eingenommen. Je nach Zuhörerschaft. Bei Romney weiss man schlicht nicht, woran man ist. So viel Elastizität und Flexibilität sind des Guten eindeutig zu viel.

Obama ist die greibarere Wahl

Da scheint man mit Barack Obama eindeutig besser bedient. Auch wenn während seiner Präsidentschaft manche Ideale und viele hehre Grundsätze im politischen Alltag verloren gegangen sind, Obama ist greifbar, berechenbarer und – bei allem Opportunismus, ohne den es in der Zweiparteiendemokratie der USA nicht geht – konsequenter. Nichts erschüttert das Vertrauen in eine Person oder eine politische Institution mehr als Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit.

Natürlich: Wer auch immer Präsident ist oder wird, die USA bleiben die USA – und der Präsident der USA bleibt der Präsident der USA. Wie das Amt bei Obama einige Kanten abgeschliffen hat, dürfte auch ein Präsident Romney durchaus nicht konturlos sein. Er wird nicht ohne Linie regieren. Aber die alte Mär der Steuersenkungen für die Reichen, welche die Wirtschaft beflügeln würden, dürfte unverrückbar im Romney-Repertoire bleiben. Und das kann schon Sorgen bereiten.

Ein aussenpolitisches Raubein

Obama ist kein Friedensengel, – immerhin hat schliesslich auch ein aussenpolitisches Raubein wie Teddy Roosevelt (Präsident von 1901 bis 1909) einmal den Friedens-Nobelpreis bekommen –, aber sein Wille, auf die anderen zuzugehen, statt ihnen in der Gestalt des Terrors den Krieg zu erklären, ist noch da. Guantánamo ist noch nicht geschlossen, die Krankenversicherung noch nicht in trockenen Tüchern, besonders bei der Wall-Street-Regulierung hätte man sich etwas mehr gewünscht, andere Projekte sind stecken geblieben oder niemand redet mehr von ihnen, von der Klimaproblematik ganz zu schweigen – und nicht alles ist wahrscheinlich der Blockade durch die Häuser zuzuschreiben.

Ein Hort der Hoffnung

Aber was die Welt braucht, sind nicht die USA von gestern, wie sie offenbar die Tea Party vom Präsidenten zurück wünscht. Auch wenn der Kalte Krieg vorüber ist, die USA bleiben ein Hort der Hoffnung. Und das heisst politisch konkret: Reform. Es gibt immer noch allerlei Schiefes in der amerikanischen Gesellschaft. Und Obama glaubt man eher, dass er daran denkt, das Eine oder Andere zurechtzurücken, wenn er davon spricht, dass die USA ein grossartiges Land seien. Leider schlagen die meisten dieser Dinge sich nicht unmittelbar in der Job-Statistik nieder, aber auch für die Wirtschaft der Zukunft sind mehr Ausgleich und mehr Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft positive Faktoren. Und das bedeutet eben, dass sich die Bundesregierung darum kümmern muss. Alles sich selbst zu überlassen ausser der Rüstungsindustrie scheint kein gutes Rezept zu sein.

Falls Obama es nicht schafft, wäre das zwar nicht gut, aber kein Unglück. Dass er es überhaupt als erster Afroamerikaner ins Amt geschafft hat, das kann niemand mehr rückgängig machen. Auch ein Präsident Romney nicht, dem man vielleicht doch mehr Pragmatismus und Realismus zutrauen darf, wenn er im Weissen Haus angekommen ist.