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G20-GIPFEL: Aufräumen nach den Chaos-Tagen in Hamburg

«Ein Festival der Demokratie» sollten die Proteste rund um den G20-Gipfel werden. Doch ein gewalttätiger Mob marodiert durch das Schanzenviertel, über Stunden herrscht Anarchie. Zurück bleiben Erinnerungen an «bürgerkriegsähnliche Zustände».
Benjamin Haller (dpa)
Anwohner beim Saubermachen im Schanzenviertel. (Bild: Alexander Becher/EPA (Hamburg, 9. Juli 2017))

Anwohner beim Saubermachen im Schanzenviertel. (Bild: Alexander Becher/EPA (Hamburg, 9. Juli 2017))

Benjamin Haller (DPA)

Der Geruch der Hamburger Chaostage liegt am Sonntagmorgen noch immer in der Luft. In einem geplünderten Supermarkt ist ein Glutnest neu entflammt, verbrannte Barrikaden kokeln vor sich hin, überall kaputte Flaschen. Auf dem Weg zum Bäcker umkurven Anwohner auf ihren Rädern die Scherben. Andere sehen in der Strasse Schulterblatt mit einem Kaffee in der Hand zu, wie die Stadtreinigung die Spuren der Zerstörung wegkehrt.

Doch die schwersten Ausschreitungen in der Hansestadt seit Jahrzehnten haben mehr als nur zerstörte Strassenzüge hinterlassen. Zurück bleibt vor allem Wut. Und Fassungslosigkeit. «Das war Bürgerkrieg. Die Leute wurden im Stich gelassen», sagt Anwohner Jörg Müller, der mit seinem Sohn David im Schulterblatt gerade Brötchen gekauft hat. Und keiner übernehme dafür die Verantwortung. «Den Gipfel zu schützen, ist ein Ziel gewesen. Aber Anwohnern die bürgerkriegsähnlichen Zustände zu überlassen, geht gar nicht.»

Wie konnte das passieren?

Wie er denken viele nach den Gewaltexzessen, die sich über Tage vor ihrer Haustür abspielten. Die über allem thronende Frage: Wie konnte das passieren, wenn man weiss, dass es passiert? «Man hätte denken können, dass die Ausschreitungen so heftig werden», sagt Anwohner Konstantin. Vor ihrem Haus hätten die Chaoten Barrikaden errichtet: «Da kriegt man schon Angst.» Er habe sich gefragt: «Gibt es noch Tote? Werden Häuser angezündet?» Diese Eindrücke müssten die Leute erst einmal verarbeiten, ist er sicher: «Das bleibt in den Köpfen.»

In den Köpfen wird wohl auch bleiben, dass von Bürgermeister Olaf Scholz im Schanzenviertel lange nichts zu sehen war. Selbst nach der Orgie der Gewalt in der Nacht auf Samstag, als Vermummte Läden geplündert, Barrikaden angezündet sowie Polizisten attackiert und verletzt hatten, änderte der SPD-Politiker seine Pläne nicht. Er führte US-Präsidentengattin Melania Trump wie geplant durchs Rathaus, während fast zeitgleich der Chef der Drogeriekette Budnikowsky, Cord Wöhlke, den Tränen nahe das Trümmerfeld in der geplünderten Filiale im Schulterblatt anschaute. «Diese Bilder bleiben von G20 übrig (...) und verdrängen alles andere», sagte Wöhlke.

«Das war nicht das Bild vom Tor zur Welt»

Manche blicken am Sonntagvormittag nach vorn. Zwei Strassenmusiker stimmen schräg gegenüber vom linksautonomen Kulturzentrum Rote Flora Leonard Cohens Hymne «Hallelujah» an. Ein Handwerker entfernt vor dem Café Park die vor den Fenstern angebrachten Holzlatten. «Es muss wieder nach Leben riechen», sagt Café-Mitarbeiter Shahram. In den Nächten davor roch es anders, es stieg einem der Gestank von Zerstörung in die Nase. Vor allem am Freitagabend regierte der Mob auf der Schanze. Erst nach Stunden griff die Polizei mit Spezialeinheiten massiv durch und sorgte für Ordnung.

Während Merkel und ihre mächtigen G20-Gäste in der Elbphilharmonie Beethovens «Freude, schöner Götterfunken» lauschten, gingen draussen die Krawalle richtig los. Hässliche Szenen gingen um die Welt. «Das war nicht das Bild vom Tor zur Welt», sagt Kai Kistenmacher, als er gestern durch das Schulterblatt läuft. Und wieder die Frage: Wie kann es sein, dass etwa 1500 militante Gewalttäter eine ganze Strasse zum rechtsfreien Raum machten, wenn die Sicherheitsbehörden doch rund 8000 gewaltbereite Linksextremisten erwartet hatten? Scholz räumt ein, dass er sein Sicherheitsversprechen nicht eingehalten habe. «Das ist sehr bedrückend, dass uns das nicht gelungen ist», sagt er.

Erneute Gewalt in der Nacht auf gestern

Und es ist für viele auch unverständlich, warum es in der Nacht auf gestern erneut zu einem Ausbruch der Gewalt kommt – wenn auch nicht so exzessiv wie 24 Stunden zuvor. Als Donald Trump und die anderen Staatsgäste längst wieder auf dem Heimweg sind, fliegen erneut Flaschen und Steine. Stundenlang liefert sich die Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hunderten Krawallmachern. Wieder Barrikaden, wieder Wasserwerfer und Tränengas, wieder brennende Autos. Die vorherigen Bilder des grösstenteils friedlichen Protests bei zwei Grossdemos mit Zehntausenden Teilnehmern geraten in den Hintergrund.

Eine erste Bilanz der Exzesse am Sonntagmittag: 476 verletzte Polizisten, 186 festgenommene und 225 in Gewahrsam genommene Menschen, Dutzende zerstörte Autos, Schäden in Millionenhöhe. Selbst die Hamburger Autonomen rund um die Rote Flora versuchen, sich von der «völlig sinnentleerten Gewalt» am Freitagabend im eigenen Viertel zu distanzieren. Rote-Flora-Anwalt Andreas Beuth meint, viele der Gewalttäter seien aus dem Ausland gekommen. Die Polizei weist diese Distanzierung zurück und nennt die Rote-Flora-Vertreter «geistige Brandstifter».

Diplomatische Aufräumarbeiten

Dass die Hamburger Chaostage längst eine Staatsangelegenheit sind, zeigt sich auch daran, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern gemeinsam mit Scholz über die Lage informiert und Sicherheitskräfte und Bewohner trifft. «Das, was ich gesehen habe an Bildern, erschüttert mich und macht mich fassungslos», sagt Steinmeier. Und er lobt die Initiative «Hamburg räumt auf», mit der Bürger ihre Stadt wieder auf Vordermann bringen wollen. Klar ist: Die politischen Aufräumarbeiten werden länger dauern als jene in den Strassen. Scholz und sein Innensenator Andy Grote (SPD), der mit Blick auf die Proteste «ein Festival der Demokratie» angekündigt hatte, dürften wohl manche ihrer Prognosen bedauern. Noch kurz vor dem Gipfel hatte Scholz dem Berliner «Tagesspiegel» gesagt: «Seien Sie unbesorgt: Wir können die Sicherheit garantieren.» Damit lag er falsch. Die Hamburger sind sich weitgehend einig: Den Gipfel in ihre Stadt zu holen, war ein Fehler. «So denkt die ganze Bevölkerung», sagt Schanzen-Anwohner Horst.

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