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G20: Wütend auf die Mächtigen

Hamburg ist während des Gipfels der grössten Wirtschaftsmächte gespalten: zwischen dem hermetisch abgeriegelten Tagungsort und der Innenstadt. Eine Kluft machen Kritiker aber auch zwischen den Gesellschaften und den Staatslenkern der Welt aus.
Christoph Reichmuth, Hamburg
Ein Polizist richtet einen Wasserwerfer gegen Demonstrierende am Rande des G20-Gipfels. Bei den Protesten ist es gestern zu heftigen Krawallen gekommen. (Bild: Michael Probst/Keystone (Hamburg, 6. Juli 2017))

Ein Polizist richtet einen Wasserwerfer gegen Demonstrierende am Rande des G20-Gipfels. Bei den Protesten ist es gestern zu heftigen Krawallen gekommen. (Bild: Michael Probst/Keystone (Hamburg, 6. Juli 2017))

Christoph Reichmuth, Hamburg

Gerd Nitzsche lehnt mit seinem Fahrrad an einer Strassenlaterne unweit der polizeilich abgeriegelten Sperrzone. Just dahinter erstreckt sich das Kongresszentrum, wo später die Mächtigen der Welt über Flucht, Klima, Handel und Migration debattieren sollten. Die Kaiser-Wilhelm-Strasse führt direkt an Nitzsches Haus vorbei. Der Protest von rund 100 linken Aktivisten droht jetzt, kurz vor halb zwölf Uhr mittags, zu eskalieren. Die Polizei fährt mit Wasserwerfern auf, Beamte in Vollmontur stürmen die Strasse. Das Schauspiel dauert keine drei ­Minuten, dann ist die Demo aufgelöst. «Die Polizei geht viel zu rabiat vor», sagt der 68-Jährige, «was soll dieses Vorgehen gegen ein paar Leute, die Plakate hochhalten?» Den G20-Gipfel hält Nitzsche für wichtig: «Besser, sie unterhalten sich, als wenn sie Kriege führen.»

Hamburg gleicht beim Auftakt zum Gipfel der 20 Top-Wirtschaftsmächte einer Festung. Die ganze Nacht hindurch heulen Sirenen, ist der Nachthimmel von Blaulichtern beleuchtet. Schon am Vorabend des Gipfels war es zu gewalt­samen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Aktivisten gekommen, es gab mehrere Verletzte. Am gestrigen Morgen war der Weg zum Kongresszentrum hermetisch abgeriegelt, Helikopter kreisten über jenem Ort, wo Putin, Trump, Merkel und Co. in den kommenden Tagen an Lösungen für die Konflikte der Gegenwart feilen sollen.

Wüste Szenen im gutbürgerlichen Altona

Gestern forderte die Hamburger Polizei wegen der hohen Gewaltbereitschaft militanter Gipfelgegner Verstärkung aus anderen Bundesländern an. Die Meinungen der Hamburger über den G20 und das Vorgehen der Polizei gehen weit auseinander. Im Zentrum der linksautonomen Hamburger Szene, in der seit Jahren besetzt gehaltenen Roten Flora im links-alternativen Schanzenviertel, tummeln sich am frühen Nachmittag Hunderte Gipfelgegner. Man gelangt erstaunlich leicht in das Gebäude, weit und breit ist keine Polizei zu sehen, die Hausbesetzer führen keine Kontrollen durch. Überall liegen Infobroschüren linker NGO. Von wem die Gewalt ausgeht, darüber ist man sich in der Roten Flora einig: Kapitalismus töte, und die Polizei lasse es durch ihr provokatives Auftreten absichtlich zur Eskalation bei Demonstrationen kommen. Die Medien sollen das Bild von Gewalt zeichnen, damit die breite Öffentlichkeit von den politischen Inhalten des Gipfels abgelenkt werde.

Im gutbürgerlichen Quartier Altona ist es am Morgen zu wüsten Szenen gekommen. Vandalen haben Autos von Anwohnern in Brand gesteckt und ein Ikea-Kaufhaus angegriffen. Der Boden ist übersät mit Scherben.

«Was ist das für eine politische Haltung?»

Vor zwei ausgebrannten Fahrzeugen stehen am Nachmittag einige Anwohner und schiessen Fotos. «Die G20 machen Deals, um ihren Wohlstand auf Kosten der Armen zu erweitern», sagt ein Student zu einem jungen Deutschtürken, der sich über das Vorgehen der Autonomen fürchterlich aufregt. «Mag schon sein, aber was haben die Autobesitzer damit zu tun? Was steckt da für eine politische Haltung dahinter?», fragt der zurück. Der Student zuckt mit den Schultern.

Auch Richard Träger hat die abgefackelten Autos begutachtet. «Ein blödes Pack», nennt der 75-Jährige die Übeltäter. «Diese Vermummten in der Roten Flora und ihre Sympathisanten, die sind ja gegen alles. Aber gleichzeitig machen sie die Hand beim Staat auf und kassieren Sozialhilfe, damit sie ihr Leben in Freiheit geniessen können.» Dabei wäre Träger dem Protest gegenüber den G20 durchaus zugetan. Er kritisiert das Agieren der «Mächtigen» in scharfen Worten, am schlimmsten findet er aber die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. «Merkel fehle das Weltwissen und der Weitblick. Sie handelt wie eine normale Hausfrau. Eine Hausfrau mit Physikstudium.»

Es ist mittlerweile 16.30 Uhr. Wladimir Putin und Donald Trump sind zu einem ersten persönlichen Gespräch zusammengekommen, es ist das Highlight des Tages. Die beiden Machthaber sollen am Ende über zwei Stunden miteinander gesprochen haben (siehe Kasten). Im Bauch des Stadions des FC St. Pauli am Millerntor haben linke Organisationen ein alternatives Pressezentrum eingerichtet. Hier kommen linke Aktivisten bei Pressekonferenzen zu Wort, hier debattieren Vertreter von NGO, hier sind auch Menschen aus jenen afrikanischen Staaten anwesend, die nicht auf der exklusiven Liste der G20 stehen.

«Alle anderen Staaten werden ausgegrenzt»

Werner Rätz, Mitbegründer von Attac Deutschland, schaut hier vorbei. Der 65-Jährige ist einer der markanten Figuren des Hamburger Protests, für heute hat er eine Grossdemonstration angekündigt. Dass die G20 ausgerechnet in der linken Hochburg Hamburg tagt, halten Rätz und viele Hamburger für eine bewusste Provokation der Behörden. Es sei wichtig, dass der Gipfel von lautstarkem Protest begleitet werde, sagt Rätz. Die Vereinbarungen zu Flucht, Migration, Klima, Handel und Krieg seien «Verabredungen im Sinne der G20. Alle anderen Staaten werden von den Entscheiden ausgegrenzt», sagt der Aktivist.

Um 19 Uhr hätte das Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der Elbphilharmonie beginnen sollen. Nicht zuletzt wegen Trumps langer Unterredung mit Putin beginnt Beethovens 9. Sinfonie mit einer halben Stunde Verspätung. Die Unterhändler haben eine Nachtschicht vor sich – darauf deutet die nüchterne Zwischenbilanz hin, die Angela Merkel vor dem Konzertbeginn zieht. Doch für das Abschlusspapier des ersten Verhandlungstages muss ein Kompromiss gefunden werden, mit dem sich der Gipfel als Erfolg verkaufen lässt.

Während die Politiker den klassischen Klängen lauschen, formiert sich vor der Roten Flora neuer Widerstand. Die Polizei spricht von mit Eisenstangen bewaffneten Autonomen. Im Schanzenviertel soll es Brände geben. Gegen 20.30 Uhr ist dort ein lauter Knall zu hören. Ein Polizist hat einen Warnschuss abgegeben, «in Nothilfe», wie es in einer Pressemitteilung der Polizei heisst. Hamburg steht eine weitere unruhige Nacht bevor.

Einigung auf Waffenruhe

Syrienkrieg — Russlands Staatschef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump haben sich auf einen Waffenstillstand für den Südwesten Syriens verständigt. Die Waffenruhe, an der auch Jordanien beteiligt sei, solle morgen beginnen, sagte US-Aussenminister Rex Tillerson nach dem gestrigen Treffen am Rande des G20-Gipfels in Hamburg.

Das erste persönliche Treffen zwischen Trump und Putin war mit Spannung erwartet worden – und dauerte mit rund 140 Minuten deutlich länger als erwartet. Nach Angaben von Tillerson stritt Putin jegliche Einmischung seines Landes in den US-Wahlkampf ab. Trump habe ihn mehrmals darauf angesprochen. Das Verhältnis zwischen den USA und Russland ist derzeit stark angespannt. Trump hatte im Wahlkampf angekündigt, sich um eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland bemühen zu wollen, zuletzt jedoch einen zunehmend scharfen Ton gegenüber Moskau angeschlagen. Bei seinem Treffen mit Polens Präsidenten Andrzej Duda am Donnerstag warf Trump Russland «destabilisierendes Verhalten» vor.

Vor dem Treffen mit Putin war Trump im Hamburger Hotel Atlantic auf Gastgeberin Angela Merkel getroffen. Ein deutscher Regierungssprecher erklärte, in dem Gespräch sei es um «aussenpolitische Brennpunkte» wie den Konflikt mit Nordkorea und den Krieg in der Ostukraine gegangen. Zudem hätten sich die deutsche Kanzlerin und der US-Präsident über die Themen der G20-Agenda ausgetauscht. Als zentrale Themen des Gipfels gelten der Klimawandel und der Freihandel, die wichtigsten Gesprächsrunden finden heute statt. Bei den ersten Gesprächen über die Handelspolitik zeichnete sich bereits gestern eine schwierige Kompromissfindung ab.

Mit Blick auf den derzeitigen Isolationskurs der US-Regierung sagte Merkel gestern: «Hier sind die Diskussionen sehr schwierig.» (sda/red)

Ereignisse rund um den G20-Gipfel (Bild: Quelle: DPA/ Grafik:mop)

Ereignisse rund um den G20-Gipfel (Bild: Quelle: DPA/ Grafik:mop)

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