Libyen
Gaddafi am Ende: «Ein Zeichen für die verbliebenen Diktatoren»

Noch toben heftige Kämpfe um die Hauptstadt Tripolis, doch für die libysche Gesellschaft hat die neue Zeitrechnung bereits begonnen. Historiker und Nahostexperte Roland Popp zur Lage im nordafrikanischen Staat.

Sven Zaugg
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Dieser Panzer gehörte einst Gaddafi und ist jetzt im Besitz der Rebellen
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Das Volk feiert in Bengasi
Die Rebellen sind ins Zentrum von Tripolis vorgerückt
Die Söhne Saif al-Islam Gaddafi und Al-Saadi Gaddafi wurden verhaftet
Der libysche Premier al-Baghdadi Ali al Mahmoudi,
Feuerwerk am libyschen Nachthimmel
Eine Gaddafi-Karikatur in Benghasi

Dieser Panzer gehörte einst Gaddafi und ist jetzt im Besitz der Rebellen

Keystone

Für Libyen ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Nun ist der Übergangsrat unter Leitung von Mustafa Abd al-Dschalil politisch gefordert. Roland Popp: Wie könnte die Zeit nach Gaddafi aussehen?

Roland Popp: Der nationale Übergangsrat in Bengasi hatte bereits im März einen Plan für die Umwandlung Libyens in eine pluralistische Demokratie vorgestellt. Er sieht die Garantie persönlicher

Roland Popp Der Historiker und Nahostexperte Roland Popp ist Senior Researcher an der ETH Zürich und erforscht u. a die Geschichte des Jemens im Kalten Krieg.

Roland Popp Der Historiker und Nahostexperte Roland Popp ist Senior Researcher an der ETH Zürich und erforscht u. a die Geschichte des Jemens im Kalten Krieg.

Zur Verfügung gestellt

Problematisch scheint indessen, dass der Übergangsrat keineswegs homogen ist und es interne Differenzen gibt.

Ja, er kann aber auch nicht homogen sein. Er setzts sich zusammen aus früheren Überläufern des Gaddafi-Regimes und langjährigen Oppositionellen. Die Ermordung des Militärchefs vor einigen Wochen durch eigene Leute ist ein Beispiel für die vielen Spannungen innerhalb des Rates.

42 Jahre Diktatur hinterlässt ihre Spuren. Die libysche Bevölkerung wurde systematisch entpolitisiert. Was braucht es, damit in Libyen eine moderne Zivilgesellschaft entstehen kann?

Wichtige Stämme Libyens

In Libyen gibt es rund 140 Stämme und einflussreiche Grossfamilien, von denen nach Einschätzung des libyschen Historikers Faraj A. Najm aber nur 30 tatsächlich über politischen Einfluss verfügen.

Gaddafis Stamm Guededfa ist mit rund 17 000 Angehörigen einer der kleineren Stämme in Libyen. Die Guededfa wurden von Gaddafi privilegiert, besetzten zahlreiche Führungspositionen in Libyen und profitieren erheblich vom Saharahandel, insbesondere mit Niger.

Der Warfalla-Stamm gehört zu den einflussreichsten im Westen des Landes. Er soll etwa eine Million Angehörige zählen. Am Umsturzversuch 1993 waren zahlreiche Offiziere des Warfalla-Stammes beteiligt. Sie fühlten sich angeblich gegenüber Gaddafis Stamm benachteiligt. Nach dessen Scheitern wurden viele Stammesangehörige festgenommen, gefoltert und hingerichtet. Der Warfalla-Stamm hat seit Beginn der Aufstände auf die Seite der Rebellen geschlagen.

Im Osten Libyens spielt der Misurata-Clan eine wichtige Rolle, der Gaddafi zu Anfang der libyschen Revolution von der Fahne ging. Das hat damit zu tun, dass die Stämme im Osten, obwohl mit dem Zugriff auf die größten und wichtigsten Pipelines und Öl-Verladehäfen, seit jeher von den Fleischtöpfen der Macht in Tripolis ferngehalten wurden. (sza)

Verschiedene Stämme und einflussreiche Familien haben in Libyen eine zentrale soziale und politische Rolle inne. Was muss der Übergangsrat unternehmen, um diese «Zentralen der Macht» in Einklang zu bringen?

Der Übergangsrat muss darauf bedacht sein, sämtliche Regionen und Fraktionen zu berücksichtigen. Er ist in vielerlei Hinsicht vom Ostteil Libyens dominiert, eine Folge der frühen Befreiung dieser Region. Aufgrund von Gaddafis Herrschaftsstils sind die Stämme immer noch wichtig - allerdings gilt dies kaum für die grossen Städte. Es wird ein schwierieger Balanceakt.

Welche Exponenten spielen dabei eine wichtige Rolle?

Es gibt nicht viele landesweit bekannte Oppositionelle - dafür war das Unterdrückunsgregime zu effektiv und weitreichend. Entscheidend ist, dass kein Landesteil oder wichtige Interessengruppen das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Daher muss man auch versuchen, diejenigen Gruppen miteinzubinden, die die Diktatur bislang unterstützt haben.

Was kann die westliche Gemeinschaft tun, damit Libyen wieder auf die Beine kommt?

Im Gespräch sind zur Zeit die Entsendung einer UNO-Truppe, die helfen soll, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. UNO wie EU und einzelne Staaten können zudem Unterstützung beim Aufbau der neuen Institutionen leisten und auch Personal und Polizeikräfte ausbilden. Zudem gilt es, die vielen gesperrten Milliarden an libyschem Volskvermögen im Ausland zurückzuführen. Was die wirklich diffizilen politischen Fragen des Übergangs angeht, ist die Rolle des Auslands allerdings sehr begrenzt.

Wo sich Gaddafi derzeit aufhält ist unklar. Ist es vorstellbar, dass er sich in ein anderes Land absetzt.

Es gab Spekulationen, dass er nach Südafrika oder Simbabwe ins Exil gehen könnte. Mögliche Kandidaten sind auch Venezuela oder Kuba.

Was bedeutet der endgültige Sturz von Gaddafi für die Region?

Er ist ein Zeichen für die anderen verbliebenen Diktatoren in der Region. Die Situation im Jemen ähnelt in vielerlei Hinsicht derjenigen in Libyen und man könnte sich ein Beispiel nehmen. Auch Assad in Syrien wird unter noch stärkeren Druck geraten. In Algerien und Marokko wird der Druck zugunsten ernsthafter Reformen weiter zunehmen.

* Das Interview wurde schriftlich geführt.