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Gaza-Unruhen - «Dieser Wahnsinn muss ein Ende haben»

60 Beerdigungen am Nakba-Tag führen bei Experten auf beiden Konfliktseiten zu Kopfschütteln.
Susanne Knaul, Jerusalem

Im Schock über die hohe Zahl von Toten und Verletzten am Montag, als 60 Demonstranten im Grenzgebiet von Gaza erschossen wurden, flauten die Unruhen am gestrigen Nakba-Tag deutlich ab. Am 15. Mai erinnern die Palästinenser an den Beginn der Flüchtlingskatastrophe, der Nakba, die sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt. Anstatt mit brennenden Reifen und Steinschleudern in die Schlacht gegen die Soldaten im Grenzraum zu ziehen, begruben die Trauernden in Gaza ihre Toten. Die Hamas rief eine Trauerzeit von drei Tagen aus. Ägypten signalisierte derweil Bereitschaft, den Grenzübergang zu öffnen, um den Transport von Verletzten zu ermöglichen, für die in den überfüllten Krankenhäusern im Gazastreifen kein Platz mehr ist.

Der palästinensische Polito­loge Mhkaimar Abusada verbietet seinen Söhnen, an den Protesten an der Grenze teilzunehmen. In Gaza leben rund zwei Millionen Menschen. Selbst bei «optimistischer Rechnung waren es am Montag nicht mehr als 50 000 Demonstranten». Begrenzte Solidarität im Westjordanland Die Hamas rufe zwar dazu auf, am «Grossen Marsch der Rückkehr» teilzunehmen, letztendlich entscheide aber jeder selbst. Die hohe Risikobereitschaft der Männer, die sich bis dicht an den Grenzzaun heranwagen, wohl wissend, dass auf der anderen Seite die israelischen Scharfschützen auf sie zielen, erklärt der Polito­loge mit der hoffnungslosen Lage in Gaza. «Vor allem Jugendliche denken, dass sie nichts zu verlieren haben. Sie empfinden das ­Leben im Gazastreifen wie einen langsamen Tod.» Dem erbärmlichen Leben zögen deshalb viele besonders religiöse Männer den Freitod vor. «Die Muslime gehen davon aus, als Märtyrer direkt ins Paradies zu kommen, wenn sie sich für ihr Heimatland opfern.» Nichtsdestotrotz sei Israel «an diesem Wahnsinn» schuld, der umgehend gestoppt werden müsse. Abusada fordert eine inter­nationale unabhängige Unter­suchung, «ob es den USA gefällt oder nicht». Vorläufig bleibt die Solidarität der Palästinenser im Westjordanland erstaunlich begrenzt.

"Jenseits aller Logik"

Die Demonstrationen in Ostjerusalem und in Ramallah, an denen nur einige hundert Palästinenser teilnahmen, hatten nicht das Ende der Belagerung Gazas zum Ziel, sondern sie galten Jerusalem und dem Protest gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, mit der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem umzuziehen, was umgekehrt der Hamas zusätzlichen Zündstoff für die Gazaunruhen brachte. ­Jihia al-Sinwar, Chef des Hamas-Politbüros, sprach im Vorfeld des Blutvergiessens von der emotionalen Bindung seines Volkes zu Jerusalem. Keinesfalls dürfe man die Symbolik unterschätzen, warnt der Terrorexperte Barak Ben-Zur vom Internationalen Anti-Terror-Institut im israelischen Herzlia. Zwar ginge es «nur um ein neues Schild», das die Amerikaner an das frühere Konsulatsgebäude geschraubt hätten. Doch «welches Sprengpotenzial Gefühle im politischen Kontext haben können, wissen wir, seit (der frühere Oppositionsführer Ariel) Scharon im September 2000 den Tempelberg besuchte» und damit die Zweite Intifada in Gang brachte.

Aktuell mangle es den Palästinensern an muslimischer Unterstützung. «Sogar Marokko und Jordanien haben nicht grossartig gegen Trump protestiert», fällt Ben-Zur auf. Einzig der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rief auch den Botschafter aus ­Washington zu Beratungen in die Heimat ab. «Jenseits aller Logik» Ob Israel die hohe Zahl von Todesschüssen am Gazastreifen hätte verhindern können, müssen «Untersuchungen der israelischen Verteidigungsarmee zeigen», meint Ben-Zur. Von Beginn an sei klar gewesen, dass die Hamas darauf abzielt, Tausende Menschen nach Israel eindringen zu lassen. «Wie soll man das stoppen?», fragt der Terrorexperte selbst. «Vielleicht müssen wir für 50 000 Demonstranten 50 000 Soldaten rekrutieren und sie mit Knüppeln bewaffnen.» 60 Tote an einem Tag, räumt Ben-Zur indes ein, «ist jenseits aller Logik».

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