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GEDENKEN: Die Mutter aller Niederlagen

Vor 200 Jahren tobte in Waterloo eine Schlacht der Extreme, die Europa bis heute prägt. Das grandiose Scheitern des französischen Kaisers Napoleon zieht die Menschen auch dieser Tage noch in seinen Bann: Am Montag jährt sich der Beginn der Gefechte.
Fabian Fellmann, Waterloo
Darsteller proben die grosse Schlachtdarstellung für das 200-Jahr-Jubiläum der Schlacht bei Waterloo. (Bild: PD)

Darsteller proben die grosse Schlachtdarstellung für das 200-Jahr-Jubiläum der Schlacht bei Waterloo. (Bild: PD)

Fabian Fellmann, Waterloo

Warum läuft ihr ohne Befehl davon?» In barschem Ton ruft Franky Simon vier Männern hinterher, die in imposanten Uniformen über das grüne Feld davonstapfen. Doch seine Untergebenen drehen sich nicht um. Simon gibt auf, wendet sich wieder der Fernsehkamera zu. Der Mann mit dem imposanten Backenbart ist in diesen Tagen in Belgien viel gefragt. Der Bibliothekar der königlichen Bibliothek in Brüssel verwandelt sich plötzlich in einen kaiserlichen französischen Marschall, wenn er vor der Kamera den imposanten Hut mit dem grossen weissen Federschweif aufsetzt. Dann wird er zu Michel Ney, Anführer der Kavallerie in der Schlacht von Waterloo, dem kleinen Dörfchen südlich von Brüssel, in dem Kaiser Napoleon in sein Verderben ritt.

Riesige Schlacht-Nachstellung

Vor 200 Jahren stand Ney auf der Seite der Verlierer. Sein heutiger Darsteller Franky Simon wird nun aber zu den Gewinnern gehören: Er organisiert zum Jahrestag am 18. Juni eine riesige Nachstellung der Schlacht. 5000 Darsteller werden mit 300 Pferden und Hunderten von historischen Gewehren und Kanonen aufeinander losgehen, die 100 000 Eintrittskarten waren innert Kürze ausverkauft. Das riesige Interesse zeigt, dass die Schlacht auch heute noch bewegt. Das liegt nicht nur daran, dass ihr der heutige Staat Belgien seine Existenz verdankt: Im Nachgang erklärte sich Belgien 1830 von den Niederlanden unabhängig (siehe Box). Waterloo hat aber in die europäischen Sprachen Eingang gefunden als Metapher für eine totale Niederlage, wegen des Manns, der dort alles auf eine Karte setzte – und alles verlor.

Napoleons offensive Arroganz

Napoleon schien nach seiner Machtübernahme 1799 nichts aufhalten zu können. Unter dem Banner der Aufklärung zog der französische Kaiser gegen die anderen europäischen Monarchien in den Krieg. Bald hielt er weite Teile Europas besetzt – bis er 1814 in der Schlacht an der Beresina in Russland geschlagen wurde. Die Siegermächte verbannten Napoleon nach Elba. Doch der dachte nicht daran, seine Grossmachtambitionen aufzugeben: Schon 1815 kehrte er nach Paris zurück, gewann die Armee für sich und übernahm wieder die Macht. Umgehend führte er seine Truppen in das heutige Belgien, um die dort versammelten Heere der Briten, Preussen, Belgier und Niederländer zu vernichten.

Der kühne Plan misslang. Napoleon gelang es am 15. Juni 1815 noch, die Preussen in einer ersten Schlacht bei Li­gny in die Flucht zu treiben. Und er war siegesgewiss, als er am 17. Juni mit 72 000 Mann bei Waterloo auf die britische Armee traf; deren Anführer, der Duke of Wellington, hatte nur knapp 68 000 Männer unter seinem Kommando. Napoleon sollte in seiner offensiven Arroganz die defensive Zurückhaltung des Briten unterschätzen. Wellington hatte seine Truppen im hügeligen Ackerland geschickt positioniert. Nach ausgiebigem Regen war der Boden sumpfig, was Napoleons Angriffe bremste. Am frühen Nachmittag schien er trotz hoher Verluste Wellingtons Reihen durchbrechen zu können. Doch dann erreichte das 40 000 Mann starke preussische Heer, das sich neu formiert hatte, das Schlachtfeld. Innert weniger Stunden wurde Napoleons Armee aufgerieben. Der Kaiser musste so überstürzt fliehen, dass er seine wertvolle geliebte Kutsche zurückliess und auf einem Pferd Richtung Paris ritt. Die Niederlage kostete ihn das Amt: Am 22. Juni musste er abdanken, die Alliierten verbannten ihn auf die Insel St. Helena im Südatlantik, wo Napoleon 1821 starb. Die Erinnerung an die Schlacht beherrscht Napoleon aber trotz seiner Niederlage. In den Souvenirshops bei der Gedenkstätte unweit des Örtchens Waterloo ziert er hoch zu Ross und mit gestrengem Blick Bücher, Mützen, ­T-Shirts und Bierflaschen. Sein Bezwinger, der Duke of Wellington, ist hingegen kaum zu sehen. Das ist der Ambivalenz Napoleons zu verdanken.

Grundlage des modernen Europa

Er war der Wegbereiter der Aufklärung in Europa: In den besetzten Gebieten entmachtete er die Adligen und die Kirche, er setzte ein modernes Rechtssystem durch und baute Staatsverwaltungen auf. Der geniale Stratege zerschlug das deutsche Kaiserreich und zwang seine Gegner zu europäischer Solidarität, was die Grundlage für das heutige moderne Europa schuf. Der selbstgekrönte französische Kaiser war aber auch ein brutaler Diktator, der eine Spur der Verwüstung durch Europa zog. Seine Feldzüge hinterliessen über 3 Millionen Tote und noch mehr Verletzte, fast 60 000 allein in Waterloo.

Bis heute weckt die Erinnerung an den französischen Empéreur Emotionen. Als Belgien Anfang Jahr eine 2-Euro-Gedenkmünze prägte, legte Frankreich bei den Euroländern ein Veto ein. Es sei der falsche Moment, um sich an Zeiten der Spaltung in Europa zu erinnern. Die Belgier reagierten mit dem ihnen eigenen Pragmatismus: Sie verkaufen stattdessen eine 2,50-Euro-Münze, die nur in Belgien gültig ist, was Frankreich nicht verhindern kann.

Solche grossen Geschichten kümmern Franky Simon alias Maréchal Ney indes kaum. Er sei kein Historiker. Vielmehr interessiere er sich für die praktischen Aspekte der Geschichte, sagt Simon: Die Darsteller wollen ihren Tabak so anzünden, wie es Napoleons Soldaten machten, sie wollen die derben Uniformstoffe von damals zwicken spüren und nachts im Zeltlager vom Stroh gestochen werden. Waterloo ist für Menschen auf der Suche nach solcher Authentizität ein Paradies – wie keine Schlacht zuvor wurde sie in Augenzeugenberichten genau beschrieben, von kaum einer anderen Schlacht gibt es so viele Fundstücke. Skizzen eines Arztes zeigen Verletzungen von Kanonen- und Gewehrkugeln, Amputationen auf offenem Feld, entstellte Gesichter. Noch heute graben Bauern beim Pflügen ihrer Äcker immer wieder Knochen und Waffenteile aus, obwohl Anwohner das Schlachtfeld und die Opfer schon kurz nach Ende des Kampfes hemmungslos geplündert hatten.

Museum mit 3-D-Animation

Rasch entwickelte sich Waterloo zu einem viel besuchten Gedenkort, und 1826 liess der niederländische König Wilhelm I. ein Denkmal errichten: eine 41 Meter hohe Erdpyramide, auf deren Spitze ein Löwe als Symbol für die siegreichen Alliierten thront, den offenen Mund gegen das besiegte Frankreich gerichtet. Heute sind rund um das Schlachtfeld Museen in den Hauptquartieren Napoleons und Wellingtons zu besichtigen, ebenso die umkämpften Bauernhöfe.

Der brutalen Realität der damaligen Kriege kommt der Besucher dabei heute so nah wie noch nie zuvor: Soeben hat die belgische Region Wallonien ein neues Museum eröffnet, das in einer 3-D-Animation mitten ins blutige Schlachtgetümmel führt. Und mit der Nachstellung von Napoleons finaler Niederlage zum 200. Jahrestag wird sogar wieder richtiger Pulverrauch über die Kornfelder wabern. Denn Franky Simon alias Maréchal Ney legt grössten Wert auf Echtheit. Dieses eine Mal nur lässt er wegen der Fernsehkameras seine Soldaten ungeschoren davonkommen, obwohl sie ohne Befehl wegliefen. «Wenn man die Uniform trägt, ist man Soldat», knurrt er wütend.

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