Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Gefährliche Gedanken

Ansichten
Giuseppe Gracia
Giuseppe Gracia (Bild: claudiobaeggli.com)

Giuseppe Gracia (Bild: claudiobaeggli.com)

Das Verteilen von Gratisexemplaren des Korans durch die Aktion «Lies!» ist in Deutschland verboten. Nun will das die SVP auch für die Schweiz. Persönlich habe ich nichts übrig für Islam-Machos, die ihren Traum vom Harem mit Gott verwechseln. Aber ich halte auch nichts von Bücherverboten. Der zunehmende Ruf nach Verboten ist mir unheimlich. Ich will keinen Staat als Weltanschauungspolizei. Ich will vor Kriminellen geschützt werden, aber nicht vor gefährlichen Gedanken, uner­wünsch­ten Überzeugungen oder Äusserungen im Internet, ob man das nun als falsche Re­ligion, als Populismus, Fake News oder Hate Speech betrachtet.

Gewisse Universitäten bieten ihren Zöglingen sogar eine «Comfort Zone», in der es verboten ist, überhaupt etwas zu äussern, das irgendwie jemanden beleidigen oder verletzen könnte. Selbst ein Gespräch übers Wetter kann da schnell heiss werden, wenn jemand über Klimawandel oder globale Erwärmung die falsche Ansicht äussert. Dieses Phänomen passt gut zur allgemeinen Herrschaft der politischen Korrektheit, die dafür sorgt, dass kaum noch jemand ehrlich sagt, was er denkt, erst recht nicht bei öffentlichen Debatten. Wer vertritt noch klare, angreifbare Positionen? Wer will auch den Andersdenkenden verstehen und verteidigt sein Recht auf eine ganz andere Sicht der Dinge? Wer liefert sich einem wirklichen Wettbewerb der Ideen und Alternativen aus? Lieber setzt man auf risikofreie Schwafeleien und, wenn es ernst wird, auf das Schlechtmachen der Gegenseite: Sexist, Rassist, Volksfeind, Klimaleugner, Abtreibungshasser.

Natürlich muss eine liberale Gesellschaft Grenzen setzen. «Keine Toleranz für Intolerante» ist ein guter Spruch. Doch die grundsätzliche Frage stellt sich: Wer entscheidet im konkreten Fall, was intolerant ist und zensiert werden darf? Der bekannte US-Intellektuelle Noam Chomsky geht da sehr weit. Er hält die Meinungsfreiheit für so zentral, dass er sie öffentlich sogar für Holocaustleugner hochhält.

Ich finde Holocaustleugner unerträglich. Doch ich stehe zur Grundhaltung des Westens: «Wir schützen die individuelle Freiheit des Bürgers und schreiben niemandem das rechte Leben oder die richtige Meinung vor. Wir verzichten auf staatliche Programme der Erziehung und Volksgesinnung.» Das war immer ein Bollwerk gegen religiöse oder atheistische Diktaturen, die eine ganz andere Leitlinie haben: «Wir kennen das richtige Leben für alle. Wir wissen, mit welchen Ansichten unsere Bürger am glücklichsten werden. Unsere Gesinnungsprogramme dienen einem gesunden Volkskörper.»

Inzwischen habe ich das Gefühl, dass zumindest Europa seine liberale Grundhaltung nicht mehr verteidigt. Und dass am Ende auch für uns gelten wird, was Tolstoi bereits 1902 in seinem Tagebuch festhielt: «Die Menschen wollen Freiheit, doch um sie zu erreichen, begeben sie sich in die Sklaverei der Institutionen, der sie nie wieder entrinnen.»

Giuseppe Gracia

Schriftsteller und Medien- beauftragter des Bistums Chur

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.