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Geflüchtet, gestellt, getötet: Der Anführer des IS ist nicht mehr

Sein Tod erinnert an das Ende des Drahtziehers von 9/11, Osama bin Laden. Donald Trump schlachtet den Erfolg aus und nennt Details der letzten Minuten des selbst ernannten Kalifen des Islamischen Staats, Abu Bakr Al-Baghdadi. Ist das nun das Ende der Terrormiliz?
Martin Gehlen
Abu Bakr al-Baghdadi – Anführer des Islamischen Staats – hat sich in die Luft gesprengt. (Bild: Al Furqan media/AP)

Abu Bakr al-Baghdadi – Anführer des Islamischen Staats – hat sich in die Luft gesprengt. (Bild: Al Furqan media/AP)

Im nahegelegenen Flüchtlingscamp brach Panik aus, als in der Nacht zum Sonntag plötzlich Kampfhubschrauber im Tiefflug über die Köpfe hinwegrasten. Wenig später waren Feuergefechte und Explosionen zu hören aus dem Dorf Barisha, das fünf Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt liegt.

Die zweistündige Kommandoaktion der amerikanischen Spezialkräfte galt dem IS-Terrorchef Abu Bakr Al-Baghdadi, der sich mit seiner Familie in diesem hintersten Winkel der nordsyrischen Rebellenprovinz Idlib versteckt hielt. Am Sonntag bestätigte US-Präsident Donald Trump in einer Rede an die Nation den Tod Baghdadis und erklärte, die USA hätten dem «Terroristen Nummer eins der Welt» seine gerechte Strafe gebracht.

25 Millionen Dollar Kopfgeld hatten die Vereinigten Staaten auf Baghdadi ausgesetzt, dessen «Islamisches Kalifat» auf dem Höhepunkt seiner Macht ein Territorium fast so gross wie England mit neun Millionen Menschen beherrschte.

Die morgendlichen Videos vom Angriffsort zeigten das Trümmerfeld des völlig zerstörten, von Olivenhainen umgebenen Gehöftes, lediglich die Reste vom Eingangstor der Umfassungsmauer standen noch. Wie die «Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte» mitteilte, starben neun Menschen, darunter die beiden Frauen Baghdadis.

Gemäss Trump flüchtete der Terrorchef in einen Tunnel unter dem Grundstück, «wimmernd, heulend und schreiend», bevor er sich in die Luft sprengte, um der Gefangennahme zu entgehen. Ein Schäfer aus der Nachbarschaft berichtete, die amerikanischen Soldaten hätten ihm drei Kinder übergeben mit dem Hinweis, deren Vater sei bei dem Angriff getötet worden. Trump selbst sprach von drei Kindern, die ebenfalls mit in den Tod gerissen wurden, als Baghdadi die Sprengstoffweste zündete.

Gab die Türkei den entscheidenden Hinweis?

Nach dem Fall der letzten IS-Bastion im ostsyrischen Baghouz im März hatten Experten den selbst ernannten Kalifen Baghdadi eigentlich im unwegsamen syrisch-irakischen Grenzgebiet vermutet. Eine im April vom IS verbreitete Videobotschaft zeigte Baghdadi wohlgenährt und mit rotgefärbtem Bart, der auf Kissen in einem Zelt sass, neben sich eine Kalaschnikow.

In seiner letzten Audio-Botschaft im September rief er seine Anhänger auf, sich neu zu organisieren und die IS-Gefangenen aus den Lagern der kurdischen-syrischen Streitkräfte zu befreien. Warum sich Baghdadi zuletzt in der Provinz Idlib versteckte, ist unklar. Das Rebellengebiet wird beherrscht von der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die Al-Kaida nahesteht und mit dem IS verfeindet ist.

Ähnlich wie bei dem 2011 getöteten Al-Kaida-Chef Osama bin Laden, der sich unter den Augen des pakistanischen Geheimdienstes in der Stadt Abbottabad versteckt hielt, war auch die Türkei über das Versteck des Terrorchefs offenbar im Bilde. Ankara unterhält in der Provinz Idlib zwölf Militärposten sowie enge Kontakte zu den diversen Rebellengruppen.

Es habe vor der US-Operation «Austausch von Informationen zwischen den Militärführungen beider Länder» gegeben, twitterte das türkische Verteidigungsministerium. Ankara will jedoch erst 48 Stunden vor dem US-Angriff von der Anwesenheit Baghdadis in Barisha erfahren haben. Dagegen erklärte Donald Trump, der Spezialeinsatz sei seit zwei Wochen in Planung gewesen.

Zum gleichen Zeitpunkt hatte der US-Präsident dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan grünes Licht für dessen Offensive im kurdischen Nordsyrien gegeben. Nach irakischen Angaben hielt sich der Gesuchte möglicherweise bereits seit zwei Monaten in dem Anwesen direkt an der türkischen Grenze auf, was nach Satellitenaufnahmen erst im Frühjahr 2018 erbaut worden war.

Das Ende Baghdadis ist ein schwerer Schlag für die Moral seiner Anhänger, dürfte aber die strategische Gefahr durch das Terrornetzwerk nicht auf Dauer verringern, wie die Erfahrung mit Al-Kaida nach dem Tod von Osama bin Laden zeigte.

Schwächung des IS bedeutet nicht Schwächung des Dschihads

Al-Kaida ist heute stärker denn je, deren Krieger vor allem die Rebellenprovinz Idlib in Syrien kontrollieren. Hayat Tahrir al-Sham, die Al-Kaida ideologisch nahesteht, hat dort etwa 15 000 Kämpfer unter Waffen. Auch in Jemen, Ägypten, Libyen, Tunesien und Algerien sind die Fanatiker weiter aktiv, oft in Konkurrenz zum «Islamischen Staat», der nach Schätzungen des Pentagons allein in Syrien und Irak immer noch 18 000 Dschihadisten kommandiert, darunter 3000 Ausländer.

12 000 IS-Anhänger sitzen in Gefängnissen der syrischen Kurden, wo wegen des Einmarsches der türkischen Armee die Gefahr eines Massenausbruchs wächst. Etwa 100 Terroristen konnten nach Angaben des Pentagons in dem Kriegschaos bereits entkommen.

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