Syrien: Letzte Offensive des Assad-Regimes und seinen Verbündeten gegen die «Wiege des Terrorismus» 

Trotz Warnungen von US-Präsident Trump hat die russische Luftwaffe heute die Offensive auf die syrische Rebellenhochburg Idlib eingeleitet.

Michael Wrase, Limassol
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Zivilisten beim Brandlöschen nach einem Raketeneinschlag in der Nähe von Idlib. (Bild: Zein Al Rifai/AFP; 4. September 2018)

Zivilisten beim Brandlöschen nach einem Raketeneinschlag in der Nähe von Idlib. (Bild: Zein Al Rifai/AFP; 4. September 2018)

Die per Twitter geschickten Warnungen des amerikanischen Präsidenten kamen entweder zu spät oder wurden bewusst ignoriert. Russen und Iraner würden «einen schwerwiegenden humanitären Fehler machen», wenn sie «bei dieser möglichen menschlichen Tragödie (in der syrischen Provinz Idlib) mitmachen», hatte Donald Trump in der Nacht auf heute getextet. «Hunderttausende könnten getötet werden», schrieb Trump: «Lasst das nicht zu.»

Doch russische Kampfflugzeuge hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine erste Angriffswelle auf Gebiete im Westen der Rebellenprovinz Idlib sowie gegen «Terroristenstellungen» in der angrenzenden Provinz Latakia geflogen. Mindestens 40-mal seien Moskaus Bombengeschwader zu Angriffen gegen die «Wiege des Terrorismus» gestartet, meldeten syrische Menschenrechtsbeobachter aus England. Neun Zivilisten, darunter fünf Kinder einer einzigen Familie, seien bei den russischen Angriffen bis zum Nachmittag getötet worden, berichtet die den Rebellen nahestehende Zivilschutzorganisation «Die Weissen Helme».

Bombardements sind laut Russland notwendig

Die massiven Bombardements seien notwendig, weil Al-Kaida die russischen Militärbasen bei Latakia bedrohe, versuchte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die ersten Militäreinsätze seines Landes in Syrien seit mehr als drei Wochen zu rechtfertigen. Bereits am vergangenen Freitag hatte Aussenminister Sergei Lawrow die Rebellenprovinz Idlib als eine «Eiterbeule» bezeichnet, die entfernt werden müsse.

Wie dies bewerkstelligt werden soll, ohne eine von der ganzen Welt befürchtete, neue humanitäre Katastrophe in dem mit fast drei Millionen Zivilisten bewohnten Idlib zu verursachen, liessen die Russen offen. Da sich ihre Luftangriffe bisher auf Randgebiete beschränkten und auch die Assad-Armee ihre angedrohte Landoffensive noch nicht begonnen habe, bleibe noch Raum für Verhandlungen mit dem Kaida-Ableger Haiat Tahrir al-Scham, glauben Beobachter im Libanon. Die über 10000 Kämpfer der Dschihadisten-Organisation beherrschen seit mehr als drei Jahren weite Teile der Provinz Idlib. Eine von Moskau, Teheran und Damaskus geforderte Kapitulation haben sie bislang abgelehnt. Wie vor zwei Jahren in Aleppo verschanzen sich die Extremisten hinter Zivilisten, die nun erneut zwischen die Fronten geraten werden.

Al-Kaida fühlt sich von Türkei verraten

Selbst die Türkei, die eine erneute Massenflucht von syrischen Zivilisten mit allen Mitteln verhindern möchte, hat Russland offenbar das grüne Licht für eine Offensive gegen den Kaida-Ableger gegeben. Allerdings müssten dann die Dschihad-Kämpfer von den Zivilisten getrennt und die Terroristen unschädlich gemacht werden, verlangte der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu, ohne freilich zu erklären, wie eine solche Trennung vonstatten gehen soll.

Wie die sich abzeichnende humanitäre Katastrophe im letzten Rückzugsgebiet der Rebellen doch noch abzuwenden ist, wollen die Staatspräsidenten der Türkei, Russlands und des Iran am Freitag in Teheran diskutieren. Konkrete Vorschläge zur Krisenbewältigung sind bisher nicht bekannt. Noch bis vor zwei Jahren hatte die Türkei die in Nordsyrien kämpfenden Extremistenorganisationen mit Waffen und Munition unterstützt, diese Hilfe nach der verlorenen Schlacht um Aleppo aber weitgehend eingestellt. Vor allem die Dschihadisten um Al-Kaida fühlen sich seither von der Türkei verraten. Eventuelle Zusicherungen aus Ankara dürften bei ihnen auf taube Ohren stossen.