Analyse
Gekommen, um zu bleiben

Eine Analyse zur geopolitischen Bedeutung Syriens für Russland von Ausland-Ressortleiterin Dagmar Heuberger: «Russland lässt Assad fallen, aber es lässt Syrien nicht fallen.»

Dagmar Heuberger
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Russlands Wladimir Putin und Syriens Baschar al-Assad bei einem Treffen in Moskau

Russlands Wladimir Putin und Syriens Baschar al-Assad bei einem Treffen in Moskau

/AP POOL RIA NOVOSTI KREMLIN/ALEXEI DRUZHININ

Die Oasenstadt Palmyra ist wieder in der Hand syrischer Regierungstruppen. Die Assad-Armee bereitet eine Offensive zur Rückeroberung von Rakka vor, der «Hauptstadt» des «Islamischen Staats», und die irakische Armee nimmt Mossul ins Visier.

Die militärischen Gewichte in der Region haben sich zweifellos verschoben: Die Islamisten sind auf dem Rückzug, der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat wieder Oberwasser – allerdings nur dank der Unterstützung durch die russische Luftwaffe.

Assad und Russland sind damit bei den Friedensgesprächen in Genf, die in der kommenden Woche wieder aufgenommen werden sollen, zu einem gewichtigen Faktor geworden.

Doch der Syrer sollte sich nicht allzu sehr auf seinen russischen Verbündeten Wladimir Putin verlassen. Denn dem Kreml geht es nicht um die Person des Präsidenten, sondern in erster Linie um den Einfluss in Syrien.

«Ziel erreicht», verkündete Putin Mitte März. Russland werde einen Teil seines Militärs aus Syrien abziehen, die Voraussetzungen für den Friedensprozess seien geschaffen. Das heisst freilich keineswegs, dass Moskau sein Engagement im Mittleren Osten beendet. Die russischen Streitkräfte betreiben in der syrischen Provinz Latakia seit mehr als 40 Jahren einen Marinestützpunkt und zudem seit dem vergangenen Jahr eine Luftwaffenbasis. Diese Militäreinrichtungen wird Moskau nie und nimmer aufgeben. Zu lange hat man sich darum bemüht, zu gross ist ihre geopolitische Bedeutung für Russland.

Das Mittelmeer – eine Konstante in der russischen Aussenpolitik

Der Zugang zum Mittelmeer – und damit zu einem warmen Meer – ist seit dem 19. Jahrhundert ein konstantes Ziel russischer Aussenpolitik. Der direkteste Weg führt über das Schwarze Meer mit der Halbinsel Krim und weiter durch das Marmara-Meer und die türkischen Meerengen Bosporus und Dardanellen. Der Versuch, die Kontrolle über die beiden Meerengen zu erlangen, war denn auch eine der Ursachen für den Krimkrieg (1853-1856). Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg erneuerte Moskau seinen Anspruch auf Bosporus und Dardanellen. Hinzu kam im Zweiten Weltkrieg das Bestreben, in der Ägäis oder in Syrien sowjetische Militärstützpunkte zu errichten. Erfolgreich waren diese Bemühungen erst im Kalten Krieg.

In den frühen 1950er Jahren begann die Sowjetunion, sich aktiv in die Nahost-Politik einzumischen.

Um einen Gegenpol zur Dominanz Israels und dem Einfluss der USA zu setzen, unterstützte Moskau nicht nur Syrien, sondern zunächst vor allem Ägypten militärisch und wirtschaftlich.

Zeitweise verfügte die sowjetische Flotte sogar über Nutzungsrechte für drei ägyptische Marinestützpunkte. Nach dem Bruch der sowjetisch-ägyptischen Beziehungen zu Beginn der 1970er Jahre wuchs die Bedeutung Syriens. Die Sowjetunion begann, Syrien aufzurüsten – und durfte im Gegenzug seit 1971 die Marinebasis Tartus benützen.

Es geht auch um die Gaspipeline von Katar in Richtung Europa

Diese Politik setzte Moskau auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 fort. Und nun kam ein Faktor hinzu, der Syrien für Russland noch wichtiger machte: Die Gasfelder im Persischen Golf, die Katar und Iran 1989 auszubeuten begannen.

Um seine Absatzmöglichkeiten auf dem europäischen Markt zu verbessern, wollte Katar eine Pipeline durch Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien und die Türkei bauen.

Doch Syriens Präsident Assad weigerte sich, dem Plan zuzustimmen – auf Druck Russlands, das die Konkurrenz für seinen eigenen Gasexport nach Europa fürchtete.

Für den Kreml geht es somit in Syrien nicht allein um den Kampf gegen den Terrorismus, sondern auch um vitale geopolitische Interessen. Und genau deshalb wird das russische Militär in Syrien bleiben.

Es gibt sogar Hinweise, dass Russland seine militärische Infrastruktur ausbaut und Assads Armee aufrüstet. Das bedeutet freilich nicht, dass Putin auch den syrischen Machthaber bis in alle Ewigkeit bedingungslos unterstützt.

Zur Sicherung seiner Interessen will der Kreml-Chef vor allem einen geordneten Übergang und Stabilität in Syrien – und kein Chaos wie nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak und Gaddafis in Libyen. Assad ist zwar auf dem Schlachtfeld gestärkt.

Torpediert er aber die Genfer Friedensgespräche weiterhin, gerät er auf Konfrontationskurs mit Putin. Denn Russland ist nach Syrien gekommen, um zu bleiben. Es wird Assad fallen lassen, aber nicht Syrien.