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Genua sehnt sich nach dem Sturz der Morandi-Brücke nach Ruhe

Nach den schrecklichen Ereignissen vor acht Monaten reissen die Skandale im Pfusch um die Morandi-Brücke nicht ab. Fragen zur Tragödie will kaum mehr jemand beantworten. Auch die Bewohner des betroffenen Quartiers nicht.
Brigitte Schmid-Gugler, Genua
Einzelne Teile der Brücke schweben noch immer bedrohlich über den Hausdächern. (Bild: Antonio Calanni/AP (9. Februar 2019))

Einzelne Teile der Brücke schweben noch immer bedrohlich über den Hausdächern. (Bild: Antonio Calanni/AP (9. Februar 2019))

In den Vororten von Genua herrscht schon beinahe Ferienstimmung. Da und dort werden die «Bagni» aufgerüstet. Die Bergamotten entlang der Strasse am Quai leuchten wie vergessene Weihnachtskugeln hinüber zur Promenade, die voller Menschen ist. Aus einem Lautsprecher plärrt ein amerikanischer Popsong, das Kinder-Karussell dreht sich dazu, Eltern schauen auf das Display ihres Handys. Die Welt von Cogoleto scheint kaum berührt von dem nur wenig entfernten Moloch Genua mit den Hafenkränen, den Schiffscontainern, der dreckigen Luft, den zahllosen Auto- und Eisenbahnbrücken. Und den immer noch bedrohlich über den Hausdächern schwebenden Teilen der Ponte Morandi.

Hier, in diesem kleinen Küstenstädtchen, weiss man nur zu gut, dass der menschliche Drang nach Erforschen, Erbauen und Erobern zu jeder Zeit auch seine Tribute forderte: Der Seefahrer Cristoforo Colombo, und darauf sind sie stolz in Cogoleto, ist einer der ihren. Kolumbus’ Büste steht prominent am Hafen; sein Geburtshaus in der Hauptgasse schräg gegenüber der Metzgerei. Die polierten Fleischerbeile scheinen direkt aus der Truhe des Weltentdeckers zu stammen. Der Metzger, nach seiner Haltung zu den Schlagzeilen um die gefälschten Expertisen in Genua befragt, wetzt gemächlich seine Messer. Dann schüttelt er den Kopf und sagt «cretini, tutti cretini!» (Scheisskerle), und setzt sich eines der Messer symbolisch an den Hals. Dann schneidet er still und konzentriert die bestellten Kalbskoteletten.

Wie eine Strasse, die in den Himmel führt

In Genua, keine zehn Kilometer von Cogoleto entfernt, hat man den Flughafen nach Kolumbus benannt. Er befindet sich direkt unten am Hafen, ganz in der Nähe der Roten Zone – das Gebiet um die eingestürzte Brücke ist immer noch weitläufig abgesperrt. Der Morandi-Viadukt ist vom Meer nach Norden blickend der hinterste von drei Überquerungen des Flusses Polcevera. Von Monat zu Monat werden die Abstände zwischen den noch stehenden Pfeilern grösser. Mittlerweile sehen sie aus wie das faulige Gebiss eines Monsters. Beste Aussicht auf den eingestürzten Viadukt hat man vom riesigen Parkplatz des Ikea-Geschäfts. Hier stehen Mustermöbel für Sonnenterrassen; dort werden lange Abwrackarme ausgefahren. Auf beiden Seiten des Flusses gibt es mehrere Fahrspuren, deren Fahrtrichtungen infolge des Einsturzes da und dort unterbrochen und umgeleitet wurden.

Auf der gegenüber liegenden Flussseite stehen nahe des Viadukts viele Fabriken und Handwerksbetriebe. Als am 9. März einer der Pylonen gesprengt wurde, mussten die Betriebe schliessen; die Leute waren von den Behörden aufgefordert worden, das Gebiet nicht zu betreten. Nach dem Einsturz im letzten August war die Zone zwei Monate gesperrt. Noch stehe in den Sternen, sagen der Besitzer und die Angestellten eines Eisenwarenhandels, wer für die entstandenen Kosten und die Lohnausfälle aufkommen werde. Sie haben einen Anwalt eingeschaltet. «Wir waren stolz auf sie, damals in den 1960er- Jahren», sagt ein Mann, der in einem unmittelbar an die Rote Zone grenzenden Haus wohnt. Er war ein Kind, als die Brücke gebaut wurde. «Wir sahen zu ihr hinauf wie auf eine Strasse, die direkt in den Himmel führt. Für uns war die Morandi ein Zeichen von Weltoffenheit und Moderne», sagt er halb lachend, halb weinend.

Nicht gesprächig sind die Lehrer der nahen Primarschule. Ja, man habe mit den Kindern im Unterricht über das Unglück gesprochen, sagt Lehrerin Giulia. Die Kinder hätten gezeichnet und gemalt. Nein, die Blätter könne man nicht einfach so einsehen, da müsste sie erst den Schulvorsteher fragen. Dieser meldet sich nicht zurück. Man habe die Fragerei satt, sagt eine junge Frau wie stellvertretend für ihn in der Via Fillak. Die Heerscharen von Neugierigen aus aller Welt und die teilweise aggressiven Journalisten und Kameraleute seien endlich weg. Man habe sich kaum noch auf die Strasse getraut. Manche hätten gar geklingelt, um sich einen guten Platz am Fenster mit Aussicht auf die eingestürzte Brücke zu ergattern. Die Via Fillak endet bei den hohen Grenzgittern zur Roten Zone, wo sich unter dem Viadukt die verlassenen Häuser befinden. Walter Fillak, dem die Genueser diese Strasse gewidmet haben, war 1945 im Alter von 25 Jahren von den Faschisten ermordet worden.

Schäbiges Quartier, geisterhafte Atmosphäre

Geschäfte für Hundebedarf, Haushaltgeräte; eine Motorradwerkstatt, zwei geschlossene Bars und dazwischen zahlreiche auf Stofftücher gesprayte Manifeste – «Gebt uns unsere Häuser zurück!» – säumen die Fillak. Die Pizzeria um die Ecke, die schon im März wieder öffnen wollte, ist ebenfalls noch geschlossen. Mehrfach sind Schilder mit «Vendesi» (zu verkaufen) an Fassaden angebracht worden. Bewaffnete Soldaten der Alpini, der italienischen Gebirgsjäger – man erkennt sie am Hut mit der Feder – bewachen den geisterhaft anmutenden Strassenabschnitt unter dem Viadukt. Die Häuser sollen abgerissen werden. Das Quartier wirkt heruntergekommen und dürfte es schon vor dem Einsturz der Brücke gewesen sein.

Vermutlich fühlten sich hier nicht alle nahe der «Himmelspforte». Die Morandi-Brücke mit dem konstanten Lärmpegel und das Wissen darum, dass Tag und Nacht Autos und Lastwagen millionenfach durch die Träume der darunter schlafenden Menschen brummten, scheint im Nachhinein eher wie die Ahnung einer Pforte zur Hölle. Immerhin, sie sind, wenn auch nur knapp, mit dem Leben davongekommen. Der einheimische «Stararchitekt», als solcher gilt Renzo Piano, heute 81, wird die neue Brücke bauen. Tausend Jahre werde sie halten, prophezeite er. Auch er will hoch hinaus.

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