Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Geplanter US-Abzug aus Syrien weckt Ambitionen bei anderen Akteuren

Durch den Rückzugsentscheid der USA entsteht ein Gerangel um die Kontrolle über ein Viertel des syrischen Staatsgebietes. Zu den Verlierern werden wohl die Kurden zählen.
Thomas Seibert, Istanbul
Amerikanische Soldaten in der Nähe der nordsyrischen Stadt Manbij. (Bild: Susannah George/AP (7. Februar 2018)).

Amerikanische Soldaten in der Nähe der nordsyrischen Stadt Manbij. (Bild: Susannah George/AP (7. Februar 2018)).

Der geplante Abzug der USA aus Syrien weckt bei anderen Teilnehmern an dem Konflikt im Bürgerkriegsland neue Ambitionen. Es geht um die Kontrolle über rund ein Viertel des syrischen Staatsgebietes mit wichtigen Ölfeldern und fruchtbarem Ackerland – und um möglichst gute Ausgangspositionen für Verhandlungen über die Zukunft ganz Syriens. Wichtige Vorentscheidungen könnten bei einem russisch-türkischen Gipfeltreffen am Mittwoch in Moskau fallen. Hier ein Überblick über die wichtigsten Akteure und ihre Motive:

Russland ist als tonangebende militärische und politische Macht in Syrien der wichtigste Faktor im syrischen Schachspiel. Präsident Wladimir Putin will den fast achtjährigen Krieg beenden, die Position seines Landes als neue Nahost-Macht zementieren und eine möglichst gefestigte syrische Zentralregierung unter russischem Einfluss installieren. Gleichzeitig nutzt Putin die Zusammenarbeit mit dem syrischen Nachbarn Türkei, um die Westbindung Ankaras zu lockern. Beim ersten Gipfel des neuen Jahres will Putin sein Bündnis mit Recep Tayyip Erdogan stärken, zugleich aber türkische Ambitionen in Syrien bremsen.

Der Kreml plädiert dafür, die von den Amerikanern aufgegebenen Gebiete im Osten Syriens unter die Kontrolle der syrischen Regierung zu stellen. Ein militärischer Grosseinsatz der Türkei gegen die Kurden im Norden Syriens, etwa zur Schaffung einer türkisch beherrschten Pufferzone, sei nicht im Moskauer Interesse, sagte der Russland-Experte Kerim Has unserer Zeitung.

Die syrische Regierung sieht sich nach fast acht Jahren Krieg beinahe am Ziel. Präsident Baschar al-Assad will mit Hilfe seines russischen Verbündeten alle Gebiete wieder unter seine Kontrolle bringen, die er im Laufe des Krieges verloren hatte – dazu zählt auch die bisher von den USA beherrschte Region. Assad will zudem eine neue türkische Militärintervention verhindern. Gespräche der Regierung mit der im Nordosten des Landes starken Kurdenmiliz YPG laufen bereits. Für das Regime wäre eine Entsendung seiner Armee nach Ost-Syrien und eine Eingliederung der gut ausgerüsteten Kurdentruppen in die regulären syrischen Streitkräfte die ideale Lösung. Assad kann seine Vorhaben jedoch nur so weit umsetzen, wie die russischen Prioritäten das erlauben. Zudem kann in Gebieten unter Assads Kontrolle von Frieden keine Rede sein: Am Sonntag explodierte im Süden der Hauptstadt Damaskus eine Bombe in der Nähe einer Einrichtung des Militärgeheimdienstes.

Amerika hat sich mit dem von Präsident Donald Trump verkündeten Truppenabzug als Akteur in Syrien selbst geschwächt. Zwar betont Washington, die Hauptziele der amerikanischen Syrien-Politik – der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) und gegen die Rolle Irans – würden auch nach dem Abzug der rund 2000 US-Soldaten weiter verfolgt. Doch ohne Truppenpräsenz am Boden stellt sich die Frage, wie das gehen soll. Widersprüchliche Signale aus Washington vergrössern die Verwirrung über den Kurs der Supermacht. Gleichzeitig droht Ärger mit dem Nato-Partner Türkei. Ankara betrachtet die Kurdenmiliz YPG, den wichtigsten Partner Washingtons im Kampf gegen den IS, als Terrorgruppe und will militärisch gegen sie vorgehen.

Die Türkei fühlt sich durch die Rückzugsankündigung der Amerikaner gestärkt. Erdogan will bis zu 80000 Soldaten über die Grenze nach Nord-Syrien schicken, um in einem Teil des bisher von den USA und den Kurden beherrschten Gebietes seinen lang gehegten Plan für eine türkisch kontrollierte Pufferzone gegen die YPG umzusetzen. Erdogan schwebt dabei die Besetzung eines rund 30 Kilometer breiten Gebietsstreifens entlang der türkischen Südgrenze vor. Allerdings will die Türkei dabei eine direkte Konfrontation mit den USA vermeiden; wenn die USA ihren Rückzug hinauszögern, wird vorerst nichts aus dem Plan. Zusätzlich eingeengt wird der türkische Spielraum durch die jüngste Entwicklung in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens. Erdogan hatte mit Putin eine Abmachung getroffen, die einen Grossangriff der syrischen Armee auf die Provinz und damit eine neue Fluchtwelle in die Türkei bisher verhindert hat. Doch nun hat die Al-Kaida-nahe Miliz HTS ihre Stellung in Idlib gestärkt.

Beim Gipfel in Moskau dürfte Putin den Druck auf Erdogan erhöhen, in Idlib entschiedener gegen die HTS-Kämpfer vorzugehen. Auch die Lage in den bereits von der Türkei besetzten Landstrichen in Syrien ist nicht so stabil, wie sich Ankara das wünscht. Im nord-syrischen Afrin starben am Sonntag drei Zivilisten bei einem Anschlag.

Die syrischen Kurden sehen sich durch den amerikanischen Rückzugsentscheid ihres wichtigsten Beschützers beraubt. Im Gegenzug für den Einsatz der YPG im Kampf gegen den IS erhielten die Kurden unter dem Schirm der US-Präsenz in den letzten Jahren die Möglichkeit, eine Selbstverwaltung im Nordosten Syriens aufzubauen. Diese ist nun durch die türkische Drohung mit einer Militärintervention in Gefahr. Deshalb bemühen sich die Kurden seit einiger Zeit um Nähe zur syrischen Regierung. Ein grosses Mass an Selbstverwaltung können sie von ihr allerdings nicht erwarten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.