GESCHICHTE: «Holocaust war ein offenes Geheimnis»

Vor 70 Jahren begann der organisierte Völkermord an den Juden. Wie kam es dazu? Hatten die Täter keine Skrupel? Was wusste das Volk? Und: Kann sich das wiederholen?

Christoph Reichmuth
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Aram Mattioli, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste Zeit am Historischen Seminar der Universität Luzern. (Bild: Archiv Neue LZ)

Aram Mattioli, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste Zeit am Historischen Seminar der Universität Luzern. (Bild: Archiv Neue LZ)

Interview Christoph Reichmuth

Aram Mattioli, eine am letzten Mittwoch veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass heute in Deutschland rund 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch eingestellt sind. 70 Jahre nach Beginn des Völkermords an den Juden – wie ist so etwas möglich?

Aram Mattioli*: Der Antisemitismus ist seit der Antike tief in der europäischen Geschichte verwurzelt. Er funktioniert nach Art einer Sündenbock-Theorie, die gesellschaftliche Problemlagen vereinfacht darstellt und Schuldige dafür benennt. Und: Der Antisemitismus ist ein ausgesprochen anpassungsfähiges Phänomen. Heute tritt der Antisemitismus oft in Form eines militanten Anti-Zionismus auf, der sich gegen das Existenzrecht des Staates Israel wendet. Im NS-Regime trat er in einer radikal rassistischen Variante auf, in der die Juden ganz entmenschlicht wurden.

Im Januar 1942, vor exakt 70 Jahren, wurde in einer Villa am Wannsee bei Berlin der systematisch-industrielle Völkermord an den Juden besiegelt. Was weiss man heute über diese Konferenz?

Mattioli: Es handelte sich um ein Treffen auf Ebene der Staatssekretäre. Reinhard Heydrich (Anmerkung: Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, RSHA) war Wochen zuvor von Hermann Göring mit der «Endlösung der Judenfrage» beauftragt worden. Anders als man lange nach dem Krieg annahm, wurde auf der Wannseekonferenz nicht die Ermordung der Juden beschlossen. Vielmehr ging es darum, den bereits laufenden Judenmord im besetzten Osteuropa zu koordinieren, um einen möglichst effizienten Weg zu finden, alle 11 Millionen europäische Juden umzubringen, darunter übrigens auch die rund 18 000 in der Schweiz lebenden Juden. Auf der Konferenz herrschte eine kalte und fast bürokratische Atmosphäre. Doch die alleroberste Führungsebene war an ihr gar nicht vertreten.

Ein «Führer-Befehl» zur Endlösung fehlt: Könnte man sagen, die anwesenden Staatssekretäre und SS-Führer haben den organisierten Judenmord quasi in einer Form von fatalem, vorauseilendem Gehorsam vorangetrieben?

Mattioli: Nein, denn Hitler hat zuvor schon öffentlich vom Massenmord am europäischen Judentum gesprochen, nämlich am 30. Januar 1939, als er in einer Reichstagsrede die «Vernichtung der jüdischen Rasse» in einem kommenden Krieg ankündigte. Auch wenn ein schriftlicher Führerbefehl nicht vorliegt, der Holocaust hätte ohne Hitlers Anordnung und Zustimmung nicht durchgeführt werden können. Seine Rolle im Geschehen ist absolut zentral.

Die Vernichtung stand aber von Anfang an fest?

Mattioli: Nein, die Entscheidung zum Massenmord fiel 1941, vermutlich in den Wochen und Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Davor betrieb das Regime eine rassistisch motivierte Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik. Noch im Frühsommer 1940 wurde in Berlin erwogen, Millionen von europäischen Juden auf die Insel Madagaskar im Indischen Ozean zu verfrachten.

Wie kann es sein, dass die Wannsee-konferenz-Teilnehmer ihr Vorgehen nie in Frage stellten?

Mattioli: Empathie und selbstständiges Denken haben bei diesen Leuten keine Rolle gespielt, schon gar nicht in der Führungsgarde. Das belegt eine Vielzahl von Studien, die dieser Frage nachgegangen sind. Bei diesen Männern handelte es sich nicht um Psychopathen, es waren Technokraten und Weltanschauungstäter, die die unmenschliche Ideologie eines «judenfreien Europa» möglichst effizient umsetzen wollten.

Grausam war die Situation vor allem in den Todesfabriken in Polen, unfassbare Massenmorde per Erschiessungen gab es aber auch in den besetzten Ostgebieten. Familienväter, studierte Leute, der nette Nachbar von nebenan – sie scheuten nicht davor zurück, kleine Kinder, Frauen und Männer niederzustrecken. Wie konnte es nur so weit kommen?

Mattioli: Heute wissen wir, dass manche Täter, die unmittelbar an der Ermordung der Juden mitwirkten, zuweilen Skrupel hatten. Doch wegen der Anordnung von oben, der Ausnahmesituation des Krieges, der jahrelangen Indoktrinierung und des Gruppendrucks führten sie ihre Mordarbeit trotzdem aus. Denken Sie an Babi Jar in der Ukraine, wo Ende September 1941 über 33 700 Juden erschossen worden sind. Die NS-Führung war sich bewusst, dass Erschiessungen für die Täter – das ist das Zynische, man dachte nur an die Täter – belastend sind. Deshalb suchte man nach anderen Tötungsformen. Zuerst kam die Idee mit den Gaswagen auf, wenig später wurden die Gaskammern in den sechs grossen Vernichtungslagern im besetzten Polen in Betrieb genommen. Mit dieser industriellen Tötungsform konnten die Täter «geschont» werden.

Hätte man sich den Befehlen nicht verweigern können?

Mattioli: Ja, man hat nach dem Philosophen Jean-Paul Sartre immer die Freiheit, sich zu verweigern. Das musste auch im «Dritten Reich» nicht automatisch einem Todesurteil gleichkommen. In seinem Buch «Ganz normale Männer» hat Christopher Browning etwa gezeigt, dass es der Kommandant des Reserve-Polizeibataillons 101 seinen Untergebenen freistellte, ob sie mitschiessen oder nicht. Jenen Soldaten, die auf eine Teilnahme an einer Massenexekution verzichteten, ist in diesem gut dokumentierten Fall nichts geschehen.

Was hat die Bevölkerung von diesen Ermordungen mitbekommen?

Mattioli: Zwei neue Untersuchungen kommen zum Schluss, dass die deutsche Bevölkerung seit Ende 1942 relativ gut im Bilde war. Der Holocaust war ein offenes Geheimnis. Fronturlauber berichteten von den Erschiessungen und den Morden in den Konzentrationslagern, zudem haben die Deutschen die Deportationen jüdischer Nachbarn miterlebt. In Städten wie Hamburg gab es Trödelmärkte, auf denen Kleider, Wertgegenstände und Hausrat der deportierten Juden verkauft worden sind. Man hat vom Holocaust wissen können, und viele wussten auch tatsächlich darüber Bescheid, auch wenn das nach dem Krieg häufig anders erzählt worden ist.

Mit Zivilcourage und Widerstand wäre diese tödliche Lawine aufzuhalten gewesen?

Mattioli: Das ist eine hypothetische Frage. Fakt ist, dass es dem Regime durch Indoktrinierung der Bevölkerung gelungen ist, traditionelle Tötungsbarrieren ausser Kraft zu setzen. Ausserdem waren antisemitische Ressentiments in der Gesellschaft weit verbreitet. Der antifaschistische Widerstand in Deutschland war schwach.

Auch Schweizer waren in der SS und in der Wehrmacht aktiv. Was weiss man von Schweizer Holocaust-Tätern?

Mattioli: Man geht heute von bis zu 2000 Schweizern aus, die sich freiwillig zur Wehrmacht oder in die SS gemeldet haben. Ein bekanntes Beispiel ist der Luzerner Arzt Franz Riedweg, der es in der SS bis zum Obersturmbannführer mit Verbindungen zu SS-Chef Heinrich Himmler brachte. Major Johannes Eugen Corrodi aus Biel brachte es sogar zum SS-Oberführer, was einem Generalsrang entspricht. Riedweg war Schreibtischtäter, der im Auftrag Himmlers die Germanische Leitstelle in Stuttgart führte, die nach europäischen Freiwilligen für die Waffen-SS suchte. Riedweg betonte bis zu seinem Tode, er sei der SS nur beigetreten, um Europa vor dem Bolschewismus zu retten. Doch er hat die Regimeziele weitgehend geteilt und fast sicher vom Holocaust gewusst. Seine nachträglichen Darstellungen sind nicht sehr glaubwürdig, wie eine 2010 erschienene Studie des Historikers Marco Wyss zeigt.

Wurde der Holocaust von den Tätern ausreichend aufgearbeitet?

Mattioli: In Deutschland ist seit den Achtzigerjahren sehr viel getan worden, 90 Prozent der Deutschen können den Begriff Auschwitz heute in den richtigen Kontext stellen. Doch in anderen Ländern wurden die Verbrechen mangelhaft aufgearbeitet. Denn am Holocaust waren auch Balten, Ukrainer und Ungaren beteiligt; Österreich stellte überdurchschnittlich viele hohe NS-Führer, an erster Stelle Adolf Hitler selbst, der bekanntlich aus Braunau am Inn stammt. In Osteuropa und Österreich gibt es gegen die These einer Verstrickung in den Holocaust eine starke Abwehrhaltung. Das ist und war auch in Italien und Frankreich der Fall.

Was sich in Europa vor 70 Jahren zugetragen hat, übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen. Trotzdem: Kann sich die Geschichte mitten in Europa wiederholen?

Mattioli: Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi schrieb einmal: «Es ist geschehen und kann wieder geschehen.» Der Firnis der Zivilisation ist in der Tat äusserst dünn. In Srebrenica ist es 1995 zu einem Völkermord gekommen, wenn auch von der Dimension mit dem Holocaust nicht vergleichbar. Klar: Die rechtlichen Barrieren und moralischen Sensibilitäten sind heute ausgeprägter als im Europa der 1940er-Jahre. Doch kann man niemals ausschliessen, dass eine gesellschaftliche Entwicklung wieder eine genozidale Eigendynamik erhält.

Wie erwähnt, noch heute gibt es latenten Antisemitismus, zudem eine steigende Form der Islamophobie. Sind wir denn heute wieder an einem gefährlichen Punkt angelangt?

Mattioli: Wir müssen sicher wachsam bleiben und alle Formen des Rassismus aktiv bekämpfen. Die Gefahren sind jedoch von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. In Ungarn ist der Rassismus zurzeit sicher virulenter und ein grösseres Problem als in der Schweiz. Und in Darfur im Sudan stellen sich die Dinge anders dar als in Europa. Sicher dürfen wir aber niemals sein.

Im Holocaust wurden normale Menschen zu Massenmördern. Steckt in jedem von uns das Böse, das uns zum Mörder machen kann?

Mattioli: Menschen sind weder gut noch böse; beide Fähigkeiten stecken in ihnen. Je nach historischen Umständen aber ist es möglich, dass das Böse überhandnimmt. Wenn Tötungsbarrieren von Regierungen und Offiziellen heruntergesetzt werden, wenn Rassismus andere entmenschlicht, wenn Gruppenzwang herrscht und Furcht vor Strafen, und wenn das Ausland wegsieht, dann glaube ich, würden auch heute viele Menschen wieder so handeln wie damals vor 70 Jahren. Der Mensch trägt das Potenzial zum Massenmörder leider in sich.

HINWEIS

* Dr. Aram Mattioli (51) ist Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste Zeit am Historischen Seminar der Universität Luzern.

Auschwitz, Wannsee, Eichmann

Fakten hag/sda. Der 27. Januar gilt seit 2005 als internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Datum wurde deshalb ausgewählt, weil Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 die Überlebenden des Konzentrations¬lagers Auschwitz-Birkenau befreiten.

Auschwitz-Birkenau war das grösste Vernichtungslager der Nazis. Der Name Auschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust. 1,1 Millionen Menschen, darunter 1 Million Juden, sind hier umgebracht worden, viele von ihnen in Gaskammern. Zunächst als Arbeitslager für Kriegsgefangene gedacht, wurde Auschwitz ab Frühjahr 1942 zu einer eigentlichen Tötungsfabrik.

Das war auch eine Folge der Wannseekonferenz, die vor 70 Jahren, am 20. Januar 1942, stattgefunden hat. In einer Villa am Berliner Wannsee trafen sich Staatssekretäre, hohe SS-Offiziere und Ministerialbeamte des Hitler-Regimes, um den staatlich organisierten Völkermord vorzubereiten. Zwar hatte das nationalsozialistische Regime bereits vor der Wannseekonferenz damit begonnen, massenhaft Juden zu töten. Das Treffen gilt jedoch als Startpunkt der industriell organisierten Vernichtung.

Von dem zweistündigen Treffen am Wannsee existiert nur ein 15-seitiges Protokoll von Adolf Eichmann, dem damaligen Juden-Dezernenten in der Reichszentrale der Polizei. Das Schreiben wurde 1947 in den Akten des Auswärtigen Amtes gefunden. Eichmanns Zeilen gelten heute als Schlüsseldokument zur Geschichte des Völkermordes an den europäischen Juden. Im Protokoll selbst wird nicht offen von Mord an den Juden gesprochen. Stattdessen ist das Papier in einer bewusst verschleiernden, bürokratisch verklausulierten Sprache verfasst, die häufig zynisch klingt.

Josef Eichmann tauchte nach dem Weltkrieg in Argentinien unter, wurde aber 1960 von israelischen Agenten entführt und nach Israel gebracht, wo er von einem Gericht zum Tode verurteilt wurde. Eichmann erklärte während des Prozesses, dass seine schriftliche Zusammenfassung der Wannseekonferenz nicht dem genauen Wortlaut der auf der Konferenz abgegebenen Erklärungen entspreche. Vielmehr habe er das Protokoll auf Drängen von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der das Treffen leitete, mehrfach umschreiben müssen. Tatsächlich hätten sich die Konferenzteilnehmer einer weit drastischeren Sprache bedient und offen über verschiedene Techniken des Massenmordes gesprochen.