GESCHICHTE: Wer die wirklich Starken sind – Die Populisten unserer Zeit

Populisten spalten und hetzen – und befriedigen ein tiefsitzendes Bedürfnis. Doch als die grossen Anführer werden dereinst andere in die Geschichtsbücher eingehen. Warum, erklärt ein englischer Historiker.

Rolf App
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (oben links), Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin (oben rechts), der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (unten links) und US-Präsident Donald Trump (unten rechts). (Bilder: Getty/AP)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (oben links), Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin (oben rechts), der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (unten links) und US-Präsident Donald Trump (unten rechts). (Bilder: Getty/AP)

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Sie legen sich gern mit der Welt an. Donald Trump wettert gegen China und Mexiko, Wladimir ­Putin besetzt die Krim, Viktor ­Orbán macht Ungarns Grenzen dicht, und Recep Tayyip Erdogan führt Krieg gegen die Kurden. Im Innern sind sie die grossen Spalter – und wollen doch alle grosse, starke Führer sein. Und viele Menschen sehnen sich auch nach einem «starken Führer», was die Wahlerfolge dieser vier eindrucksvoll belegen, selbst wenn man da und dort an dem Zu­standekommen zweifeln mag.

Der «starke Führer» ist also ein Kennzeichen unserer Zeit. Doch wer nur gerade diesen in den Blick nimmt, greift zu kurz. Der englische Politologe und Historiker Archie Brown schaut zurück und fragt in seinem Buch nach den starken Führern des 20. und 21. Jahrhunderts. Seine gerade auf Deutsch erschienene Analyse «Der Mythos vom starken Führer» ist gründlich und anschaulich, immer wieder greift er einzelne Figuren heraus. Den Inder Mahatma Gandhi etwa, der, ohne je ein Amt versehen zu haben, zum Anführer im Unabhängigkeitskampf wird. Nelson Mandela, der, obwohl Jahrzehnte ­eingekerkert, als Südafrikas Staatspräsident zum grossen Versöhner wird. Oder Winston Churchill, im Zweiten Weltkrieg auf Seiten Englands ein ebenso starker Aussenpolitiker, wie er es im Innern versteht, die Opposition einzubinden. Oder der Franzose Charles de Gaulle, der Frankreich aus seinem Kolonialabenteuer in Algerien befreit und befriedet.

Russland und die USA im Vergleich

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, worauf es ankommt, damit ein Politiker tiefe und bleibende Spuren in der Geschichte hinterlässt: Er muss in einer bestimmten, krisenhaften Situation an die Macht kommen, wie Michail Gorbatschow in der Mitte der Achtzigerjahre in der Sowjetunion. Er muss über eine unbe­irrbare Persönlichkeit verfügen. Und er muss es schaffen, seine Nation zu einen.

Natürlich sind die bisher erwähnten Politiker gewissermassen die Grossen unter den Grossen. Auch wenn wir gerne dramatisieren: In einer derart tiefen Krise steckt unsere Zeit nicht, dass sie solche Führer bräuchte.

Aber gerade der Rückschritt von Gorbatschow zu Putin oder die Beispiele Orbán und Erdogan zeigen noch etwas anderes: Ob ein starker Führer sich nicht nur zum Wohle seiner Anhänger, sondern zum Wohle der Demokratie auswirkt, das hängt wesentlich von der gewachsenen politischen Kultur eines Landes ab. «Die Gesellschaft eines Landes kann bereit sein, einem Führer uneingeschränkte Macht zuzugestehen, während eine andere Gesellschaft darauf achtet, die Macht der politischen Führer zu beschränken», fasst Brown zusammen. «Russland ist historisch ein Beispiel für die erste Grundhaltung, während die USA zu den Vertretern der zweiten zählt.»

Das ist nun für die Einschätzung des Falles Trump von einigem Belang. Er ist, als Präsident der USA, ausgestattet mit enormen Befugnissen – und wird doch vom regelmässig dem Urteil der Wähler unterworfenen Kongress und in einer unabhängigen Gerichtsbarkeit erheblich eingeschränkt. Will dieser Präsident wirklich punkten, so muss er über besondere Fähigkeiten verfügen. Archie Brown erläutert es an jenen zwei, denen er für das 20. Jahrhundert besondere Führerqualitäten zugesteht: Indem er gezielt die Öffentlichkeit gewann, vermochte Franklin Delano Roosevelt die Vorbehalte gegen ein Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg abzubauen. Zwanzig Jahre später nutzte Lyndon B. Johnson seine guten Beziehungen zum Kongress, um vieles von dem durchzubringen, an dem sein Vorgänger John F. Kennedy noch gescheitert war – die Bürgerrechtsgesetzgebung etwa.

So unterschiedlich Roosevelt und Johnson gewesen sind: Eines wird man über sie niemals sagen können – dass sie Spalter gewesen wären wie der gegenwärtige Präsident.

Hinweis

Archie Brown: Der Mythos vom starken Führer, Propyläen, 473 S., Fr. 38.90.