GESELLSCHAFTSENTWICKLUNG: Die Heimatlosen: Türken in Deutschland

Mannheim gilt vielen im Land als Vorbild für gelungene Integration. Doch der Konflikt mit der Türkei treibt auch dort einen Keil durch die deutsch-türkische Gemeinschaft – und fordert das Selbstverständnis Mannheims als Metropole der Toleranz heraus.

Isabelle Daniel, Mannheim
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Marktplatz in Mannheim, den die Stadtbewohner «Klein-Istanbul» nennen. (Bild: Isabelle Daniel (Mannheim, 29. Juli 2017))

Marktplatz in Mannheim, den die Stadtbewohner «Klein-Istanbul» nennen. (Bild: Isabelle Daniel (Mannheim, 29. Juli 2017))

Isabelle Daniel, Mannheim

Der junge Mann heisst in Wahrheit nicht Hassan, und eigentlich will er auch gar nichts sagen, schon gar nicht gegenüber der Presse. «Man muss aufpassen heutzutage», sagt Hassan. Wovor, das kann der 27-Jährige nicht so recht sagen. Dieses Gefühl, dieses vage Misstrauen, empfinden hier jedenfalls viele, Hassans Begleiter etwa, der, während das Diktiergerät dort liegt, vorsichtshalber den Kaffeetisch verlässt, um dem befreundeten Wirt hallo zu sagen.

Wir befinden uns auf dem Mannheimer Marktplatz, den die «Monnemer» wegen der türkischen Restaurants rundherum «Klein-Istanbul» nennen. Hassan sagt «Meydan». Es ist das türkische Wort für «Platz» und steht auch als Schriftzug über dem Café-Eingang. Direkt nebenan ist das «Istanbul».

Bräuchte man ein Bild für eine deutsche Version des Melting Pot, jener amerikanischen Vision eines alle gesellschaftliche Vielfalt in sich vereinenden Schmelztiegels, es wäre dieser Ort. Zwischen barockem Rathaus, «Istanbul» und «Meydan» herrscht reges Treiben, an den Marktständen mit Obst aus der Region, schlesischer Wurst und türkischen Gözleme wird Deutsch, genauer: Kurpfälzisch, Türkisch, Polnisch und Russisch gesprochen, in den Kiosken liegen der «Mannheimer Morgen», FAZ und «Hürriyet» aus.

In der Mannheimer Innenstadt liegt der Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund bei knapp 70 Prozent, stadtweit sind es etwa 44. Die Türkeistämmigen machen den grössten Anteil unter ihnen aus. Mannheim, mit seinen gut 300 000 Einwohnern das Zentrum des Ballungsgebiets Rhein-Neckar, gilt landesweit als Vorbild für gelungene Integration, als stolze Arbeiterstadt, die eine grosse Universität und ein progressives Nationaltheater beherbergt, als aufstrebende Metropole, an deren Popakademie der musikalische Nachwuchs des Landes ausgebildet werden soll und die ja tatsächlich mit Xavier Naidoos Söhnen Mannheims eine der erfolgreichsten deutschen Musikbands hervorgebracht hat. Dass die rechtspopulistische AfD bei der baden-württembergischen Landtagswahl im vergangenen Jahr ausgerechnet hier eines von zwei Direktmandaten geholt hat, war für viele ein Schock.

«Assimilation geht gar nicht»

Hassan ist hier geboren, er hat die deutsche Staatsbürgerschaft, bezeichnet sich aber als Türke. So tut es einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2013 die Mehrheit der Deutschtürken. Ob er beim Verfassungsreferendum im April abgestimmt hätte, wäre er in Besitz eines türkischen Passes? Hassan zuckt mit den Schultern. «Meine Familie ist nicht politisch», sagt er. Ein «Erdogan-Fan» sei er nicht, mit manchem habe der türkische Präsident aber Recht, etwa wenn er Assimilation verurteile. «Das geht gar nicht», sagt Hassan. «Ich finde es wichtig, dass man seiner Kultur treu bleibt.» Kultur, das heisst für ihn: Islam, Familie, «dass man halt weiss, woher man kommt. Viele Deutsche verstehen nicht, welchen Stellenwert unsere Kultur für uns hat.» Überhaupt dieses Gefühl, nicht verstanden zu werden. Verbreitet ist es dort, wo die Innenstadt in den Jungbusch übergeht. Hier sieht es nicht mehr nach Schmelztiegel aus, hier ist mehr «Hürriyet» als FAZ. Ein türkisches Reisebüro folgt auf einen türkischen Herrencoiffeur auf eine Halal-Metzgerei. Im Eingang einer türkischen Konditorei steht eine junge Verkäuferin, stark geschminkt und mit pastellfarbenem Kopftuch. Sie findet Erdogan gut. «Ich trage mein Kopftuch, weil ich es will, aber viele Deutsche glauben mir das nicht.»

Nazan Kapan hält es nicht für überraschend, dass gerade in der sogenannten dritten Generation der Deutschtürken viele ihre Heimat weniger in Deutschland verorten als in der Türkei. Kapan, hauptberuflich Sozialpädagogin, sitzt für die SPD im Gemeinderat. Als Tochter eines türkischen Gastarbeiters kam sie 1964 nach Deutschland. Dass sie im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, ist unüberhörbar. Ein Satz aus ihrer Kindheit hat sich in Kapans Gedächtnis eingebrannt. «Nazan», habe die Mutter einer Freundin während Primarschulzeiten zu ihr gesagt, «als türkisches Mädchen musst du immer doppelt so gut sein wie alle anderen, um es zu etwas zu bringen.» Das grosse Integrationsversäumnis sei, sagt Kapan, dass sich dies für die dritte Generation nicht geändert habe. «Wie ihre Grosseltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und permanent auf gepackten Koffern sassen, erlebt die dritte Generation noch immer alltäglichen Rassismus», sagt Kapan. Deutschland habe es versäumt, jungen Deutschtürken eine Identität zu geben, die gewürdigt werde. «Die gibt ihnen Erdogan», sagt Kapan. Der Präsident appelliere an ein Gefühl der Ausgrenzung, das die türkischen Gastarbeiter noch aus ihrer Heimat kannten. «Das waren anatolische Bauern aus den sogenannten Gecekondu-Vierteln, auf die die anderen türkischen Gesellschaftsschichten herabblickten.» Diese Erfahrung, glaubt Kapan, habe sich über die Generationen festgesetzt und werde aktiviert, wenn sich die Ausgrenzungsmechanismen in Deutschland verschärften. «Das war vor allem nach den Anschlägen vom 11. September der Fall.» Heute fühlt sie sich an die Stimmung von damals erinnert. Seit dem Referendum im April werde sie ständig nach den Gründen gefragt,warum so viele Deutschtürken für die Verfassungsreform gestimmt hätten. «Dabei werden die Statistiken überhaupt nicht aufgeschlüsselt, die angebliche Zahl von 63 Prozent Pro-Erdogan-Türken in Deutschland wird nicht hinterfragt», kritisiert Kapan. Von den rund 3,2 Millionen Türken in Deutschland sind 1,4 Millionen in der Türkei wahlberechtigt, wiederum 46 Prozent von ihnen gingen im April zur Abstimmung. In absoluten Zahlen sind es also weniger als 400 000 der in Deutschland lebenden Türken, die Erdogan im April ihre Zustimmung gegeben haben. «Warum sprechen wir nicht über die Millionen anderen?», fragt Kapan.

Über Hassan zum Beispiel, den gebürtigen Deutschen, der sich als Türke fühlt. Wen er bei der Bundestagswahl im Herbst wählen wird, weiss er noch nicht. «SPD oder CDU», sagt Hassan. «Das macht für mich keinen Unterschied.»