Myanmar
Gewalt gegen muslimische Minderheit: Der Schweizer Botschafter Paul Seger fordert Aufklärung

Paul Seger, Vertreter der Schweiz in Myanmar, spricht im Interview über die Gewalt gegen die Rohingya-Minderheit und verwüstete Dörfer in der Krisenprovinz Rakhine – und über die Rolle der Schweiz im Myanmar-Konflikt.

Lorenz Honegger
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Angehörige der muslimischen Rohingya-Minderheit nach ihrer Flucht nach Bangladesch. Im Hintergrund: Rauchschwaden von verwüsteten Dörfern. Reuters

Angehörige der muslimischen Rohingya-Minderheit nach ihrer Flucht nach Bangladesch. Im Hintergrund: Rauchschwaden von verwüsteten Dörfern. Reuters

REUTERS

Im buddhistischen Myanmar sind seit diesem Sommer Hunderttausende Muslime auf der Flucht vor der Armee: Die Soldaten gehen nach Terroranschlägen durch muslimische Extremisten gewaltsam gegen die Rohingya-Minderheit vor. Die UNO spricht von ethnischen Säuberungen. Der Schweizer Botschafter Paul Seger hat am Montag mit anderen Diplomaten den betroffenen Gliedstaat Rakhine besucht.

Herr Seger, was haben Sie in der Krisenprovinz gesehen?

Paul Seger: Die Exkursion erfolgte auf Einladung von Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Sie wollte damit unterstreichen, dass nicht alle Angehörigen der muslimischen Rohingya-Minderheit geflohen sind: Eine halbe Million ist geblieben. Im ersten Anlauf klappte die Reise aufgrund des schlechten Wetters nicht. Am Montag sind wir dann mit Helikoptern in neun verschiedene Ortschaften transportiert worden. Wir haben teilgenommen, um unseren guten Willen zu bekunden.

Auf Ihrem Twitter-Account veröffentlichten Sie ein Video von verwüsteten Dörfern. Wie schlimm ist die Lage?

Paul Seger... ... vertritt seit dem Herbst 2015 die diplomatischen Interessen der Schweiz in Myanmar. Davor war er während fünf Jahren Botschafter am UNO-Hauptsitz in New York.

Paul Seger... ... vertritt seit dem Herbst 2015 die diplomatischen Interessen der Schweiz in Myanmar. Davor war er während fünf Jahren Botschafter am UNO-Hauptsitz in New York.

SAJV

Unser Bild war zwangsläufig sehr beschränkt, da die Reise von der Regierung organisiert war. Wir haben mehrere niedergebrannte Ortschaften gesehen. In einem Fall war sogar noch Rauch zu erkennen. Wir haben rein muslimische, aber auch gemischte Dörfer gesehen.

Gab es Anzeichen von Gräueltaten der Armee?

Von Gewaltakten betroffene Rohingya haben wir keine gesehen. Wir haben Hindus getroffen, die nach Angaben der Regierung von muslimischen Terroristen angegriffen worden sind. Sie hatten Stich- und Schlagverletzungen.

Was ist die Haltung der Schweiz zum gewaltsamen Vorgehen des Militärs gegenüber der muslimischen Minderheit?

Wir haben schon bei der ersten Flüchtlingswelle im Oktober 2016 gesagt: Es braucht jetzt eine vollständige objektive Aufarbeitung durch den UNO-Menschenrechtsrat. Die Eidgenossenschaft erwartet von der Regierung in Myanmar, dass sie mit der Kommission zusammenarbeitet.

Warum verurteilen Sie die Gewaltakte nicht?

Das wäre verfrüht. Die myanmarische Regierung weigert sich, an der Untersuchung teilzunehmen, weil sie sich durch die UNO vorverurteilt sieht. Tatsächlich stellt sich die Frage: Wie soll man objektive Urteile erwarten, wenn das Urteil schon vorliegt? Die Aufarbeitung muss sauber und unabhängig erfolgen.

Buddhisten haben im Westen ein äusserst friedliches, fast schon sanftes Image. Die aktuelle Eskalation in Myanmar zeichnet ein anders Bild.

Die Spannungen zwischen dem muslimisch geprägten Gliedstaat Rakhine und der buddhistischen Zentralregierung bestehen seit der Kolonialisierung durch die Briten. Im Ausland ist man sich zu wenig bewusst, wie sehr der Buddhismus in Myanmar Teil der nationalen Identität ist.

Die Regierung in Rangun rechtfertigt ihr Vorgehen gegen die Rohingya-Minderheit mit den Anschlägen, die durch muslimische Extremisten verübt worden seien.

Es hat Anschläge mit terroristischem Hintergrund gegeben, welche die Schweiz auch verurteilt hat. Es scheint in der Gemeinschaft der Muslime in der Provinz Rakhine zu einer Radikalisierung zu kommen. Diese Entwicklung hängt auch mit der jahrzehntelangen Ausgrenzung der Rohingya zusammen.

Wie äussert sich die Diskriminierung konkret?

Die Mehrheit der betroffenen Muslime ist staatenlos. Sie hat keine Bewegungsfreiheit und kann sich nicht einmal von einem Dorf zum nächsten bewegen. Auch ihr Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wie dem Gesundheits- oder Bildungswesen ist extrem eingeschränkt. Wobei man bemerken muss, dass Rakhine ohnehin ein extrem armer Gliedstaat ist. Wenn die Provinz besser entwickelt wäre, wäre das Risiko der Gewalt kleiner.

Was macht die Schweiz vor Ort, um den Menschen zu helfen?

Wir leisten humanitäre Soforthilfe in den Bereichen Wasserversorgung, Nahrungsmittelhilfe und Hygiene, besonders auch für verwundbare Bevölkerungsgruppen wie Frauen und Kinder. Wir setzen uns für den Dialog zwischen den moderaten Kräften der verschiedenen Religionen ein: Diesen Sommer haben wir zwei gemischte Gruppen von Muslimen und Buddhisten in die Schweiz gebracht, damit sie sehen, wie das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen funktionieren kann. Wir unterstützen auch die Kommission des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, der sich im Auftrag von Aung San Suu Kyi um eine längerfristige Lösung des Konflikts bemüht. Und wir versuchen bei der Regierung und der Armee ein stärkeres Bewusstsein für das humanitäre Völkerrecht zu entwickeln, damit sich solch tragische Vorfälle nicht mehr wiederholen.

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist in den vergangenen Wochen international in die Kritik geraten, weil sie die Übergriffe auf die muslimische Minderheit nicht deutlich genug verurteilt habe. Was sagen Sie dazu?

Ich finde: Aung San Suu Kyi reagiert nicht mit Worten, sondern mit Taten. Sie hat sich bereits vor den ersten Gewaltausbrüchen aus eigenem Antrieb dafür eingesetzt, eine Lösung in den Auseinandersetzungen zwischen den Rohingya und der buddhistischen Mehrheit zu finden. Die Kommission mit Kofi Annan geht auf ihre Initiative zurück. Ausserdem hat sie als Vertreterin der zivilen Regierung nur sehr beschränkten Einfluss auf die Armee und den Sicherheitsapparat.

Können Schweizer Touristen trotz der angespannten Situation weiter nach Myanmar reisen?

Massgebend sind die Reisehinweise des Eidgenössischen Aussendepartements. Die touristischen Destinationen sind problemlos bereisbar. Was man merkt, sind die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, die jedoch vergleichbar sind mit dem Dispositiv an europäischen oder amerikanischen Flughäfen.