Gewalt in Englands Gassen

Der schockierende Anstieg der mit Messer begangenen Straftaten hat Grossbritannien aufgewühlt. Die Ursachen sind vielfältig. Nun kommt die Sozial- und Sicherheitspolitik der Regierung May verstärkt in die Kritik.

Sebastian Borger, London
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Forensiker untersuchen in London den Tatort nach einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen. (Bild: Dominic Lipinski/AP; 23. Februar 2019)

Forensiker untersuchen in London den Tatort nach einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen. (Bild: Dominic Lipinski/AP; 23. Februar 2019)

Nach harscher Kritik von Opposition und Polizei hat Grossbritanniens Premierministerin Theresa May die Bekämpfung der Epidemie von Gewaltverbrechen mit Messern zur Chefsache erklärt. Sie werde binnen weniger Tage ein Krisentreffen mit Ministern und zuständigen Behördenleitern einberufen, sagte die Regierungschefin gestern im Unterhaus: «Wir müssen den Ursachen auf den Grund gehen.»

Die Öffentlichkeit wird seit Monaten durch immer neue Schlagzeilen über Messermorde aufgeschreckt. Im vergangenen Jahr wurden in England und Wales (Schottland und Nordirland erheben je eigene Statistiken) 285 Menschen erstochen, so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Zwei Straftaten von vergangenem Wochenende haben das Land aufgewühlt.

Ministerstreit über Budgeterhöhung

Yousef Makki wurde am frühen Samstagabend nahe seines Elternhauses bei Altrincham (Kreis Manchester) von zwei 17-Jährigen angegriffen; beide mutmasslichen Täter sind in Haft. Wenig später am gleichen Abend starb Jodie Chesney in einem Park von Romford bei London. Sie hatte mit Freunden Musik gehört, als zwei junge Männer – offenbar ohne vorherigen Anlass – sich der Gruppe näherten und der Täter der 17-Jährigen von hinten einen Stich ins Herz versetzte. Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zwei Jahren um 53 Prozent erhöht. Das nationale Gesundheitssystem NHS verzeichnete binnen fünf Jahren eine Verdoppelung von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren, die wegen Stichwunden behandelt werden mussten.

Seit May als Innenministerin der konservativ-liberalen Koalition 2010 das Ruder übernahm, stehen den Polizeibehörden von England und Wales real 19 Prozent weniger Mittel zur Verfügung. Mehr als 20000 Stellen wurden eingespart. Mittlerweile hat die konservative Minderheitsregierung das Steuer herumgerissen und den Verbrechensbekämpfern bis zu 970 Millionen Pfund (1,1 Milliarden Euro/1,3 Milliarden Franken) mehr Geld zur Verfügung gestellt. Damit lassen sich 3000 zusätzliche Streifenbeamte finanzieren. In der Kabinettsitzung am Dienstag verlangte Innenminister Sajid Javid zusätzliche Mittel von Finanzminister Philip Hammond, was dieser unter dem Protest anderer Ressortkollegen ablehnte.

Der Zusammenhang zwischen der Zahl von Polizeibeamten insgesamt und Gewaltverbrechen sei keineswegs eindeutig, beteuerte May in einem ungeschickten Fernsehinterview zu Wochenbeginn. Das brachte der Regierungschefin verbale Prügel von vielen Seiten ein. Zu Wort meldeten sich die beiden höchsten Polizeibeamtinnen des Landes. «Natürlich» gebe es den Zusammenhang, teilte Londons Polizeipräsidentin Cressida Dick mit. Und die Koordinatorin der Polizeipräsidenten des Landes, Sara Thornton, forderte mehr Geld und betonte: «Wir brauchen viel klarere Führung durch die Regierung.»

Hohe Armut, geringe Aufstiegschancen

Javid scharte gestern die Polizeipräsidenten der grössten Städte um sich. Binnen drei Tagen wolle er genaue Zahlen darüber haben, welche zusätzlichen Mittel die Verantwortlichen zur besseren Bekämpfung der Gewaltkriminalität für notwendig halten, sagte der Minister. Daneben müsse man aber auch über andere Ursachen sprechen.

Dazu zählt peinlicherweise ein anderes Erbe aus Mays Amtszeit: 2014 hatte die Konservative die Polizeibehörden angewiesen, weniger häufig schwarze Jugendliche auf der Strasse anzuhalten und zu kontrollieren. Diese Praxis, das sogenannte stop & search, sehen Praktiker als wichtiges Instrument der Prävention; bei vielen Angehörigen ethnischer Minderheiten gilt es als verhasstes Symbol einer Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft. Allerdings sprechen die Zahlen dafür, dass unter Opfern wie Tätern Menschen mit brauner oder schwarzer Hautfarbe überproportional stark vertreten sind.

Soziologen machen dafür die vergleichbar höhere Armut und geringere soziale Aufstiegschancen verantwortlich. Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn wies im Unterhaus darauf hin, dass die Kommunalverwaltungen in den zurückliegenden Jahren wegen Budgetkürzungen 3500 Jugendarbeiter entlassen und mehr als 600 Jugendzentren schliessen mussten.

Lord John Stevens war zu Beginn des Jahrhunderts Londons Polizeipräsident und damals Teil eines Krisenstabs unter Labour-Premier Tony Blair. Mit Entschlossenheit und der ausreichenden Zahl von Polizisten könne man die Situation binnen sechs bis zwölf Monaten unter Kontrolle bringen, lautet die Prognose des mittlerweile 76-Jährigen. Allerdings habe er gewisse Bedenken bezüglich der Premierministerin: «Sie hört nicht zu.»