GEWALT: Neujahrsnacht: Drei Kilometer Autowracks in Frankreich

In Frankreich sind in der Neujahrsnacht 650 Fahrzeuge in Brand gesteckt worden. Die Regierung erklärt, sie habe das Phänomen «im Griff». Kritiker werfen ihr vor, die Statistik zu schönen.

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Symbolbild: Verbrannte Autos in Paris. (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Christophe Ena)

Symbolbild: Verbrannte Autos in Paris. (Bild: KEYSTONE/AP Photo/Christophe Ena)

Es ist ein Feuerwerk der besonderen Art, das Frankreich bei jedem Jahreswechsel erlebt: Mehrere hundert Autos, dazu auch ein paar Motorräder, gehen jeweils in der Silvesternacht in Flammen auf. Diesmal seien 650 Fahrzeuge in Brand gesteckt worden, teilte die französische Regierung gestern mit. Innenminister Bruno Le Roux meinte dessen ungeachtet, insgesamt sei die Neujahrsnacht «ohne grösseren Zwischenfall verlaufen». Damit meinte der Minister auch das Ausbleiben von Terroranschlägen, wofür er sich bei den zuständigen Polizeikräften bedankte.

Über den Silvesterbrauch des Autoabfackelns spricht er weniger gern. Die Regierung vermag der Bevölkerung nur mit Mühe zu erklären, wie es erneut zu 650 Brandstiftungen kommen konnte, obschon im Rahmen des geltenden Ausnahmerechts in ganz Frankreich mehr als 100'000 Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute im Dienst waren.

Auch Versicherungsbetrug ist ein Abfackelmotiv

Ausserdem hat das «Banlieue-Ritual» eine soziale Komponente. Entstanden ist es Ende des 20. Jahrhunderts in den Vorstädten der Elsässermetropole Strassburg; seither hat es vor allem auf Städte wie Paris und Marseille übergegriffen. Betroffen sind aber heute auch kleinere Orte auf dem Land. In Oyonnax, westlich von Genf, wurde am Sonntag ein Feuerwehrmann mit Steinwürfen verletzt, als er einen Autobrand löschen wollte.
Über die Motive der Brandstifter gehen die Meinungen auseinander. Politische Bekenntnisse werden damit nicht verbunden. Nach Unruhen im nahöstlichen Gaza-Streifen hatte die Polizei 2008 zwar vorübergehend eine Zunahme der ausgebrannten Autos festgestellt. Ein ermittelnder Staatsanwalt meinte aber, das Silvester-Zündeln der Vorstadtkids sei eher «spielerisch» als sozialpolitisch. Im Internet konnte man schon von einem «Feuerwerk der Armen» lesen. Erwiesen ist ferner, dass neuerdings auch Autobesitzer ihr eigenes Gefährt in Brand stecken, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Einer wurde in flagranti erwischt, als er gerade ein Streichholz in den Kofferraum seines Wagens warf.

Wie auch immer: Für ein Land, das sich im polizeirechtlichen Ausnahmezustand befindet, sind 650 angezündete Fahrzeuge natürlich kein Ruhmesblatt für eine Regierung. Im Vorjahr hatte die Zahl der in Brand gesteckten Autos noch bei 602 gelegen. Le Roux meint, man habe das Phänomen «im Griff». Innert der letzten fünf Jahre sei nämlich ein Rückgang um 20 Prozent festzustellen.

Die Zeitung «Le Monde» wirft dem Minister allerdings vor, er verfälsche die Statistik. In der Tat zählt Le Roux 2017 erstmals nur noch die «Brandstiftungen» («mises à feux»), nicht die Gesamtheit der ausgebrannten Autos. Da das Feuer aber ab und zu auf andere Fahrzeuge übergreift, liegt die effektive Zahl der Autowracks höher – das liberale Blatt extrapoliert sie auf 954. Diese Zahl liegt in etwa im Schnitt vergangener Silvesternächte.

Le Roux ist nicht der erste Regierungsvertreter, der das Phänomen herunterzuspielen versucht. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy hatte die polizeiliche Neujahrsstatistik sogar 2010 vorübergehend ausgesetzt, um Nachahmertaten zu verhindern, wie er sagte. Der sozialistische Innenminister Manuel Valls gab die Zahl der ausgebrannten Autos ab 2013 wieder bekannt. Ein Versicherungsexperte rechnete aus, dass die verkohlten Wracks einer Neujahrsnacht aneinandergereiht eine Kolonne von drei Kilometern Länge ergäben.

Stefan Brändle/Paris