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Gewaltige Explosion in Beirut: Über 4000 Verletzte, mindestens 78 Tote – Schweizer Botschafterin verletzt

Der Libanon ringt in diesen Wochen mit seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten. Inmitten der politischen Turbulenzen kommt es am Hafen von Beirut plötzlich zu einer heftigen Explosion. Auf den Strassen spielen sich dramatische Szenen ab.

Michael Wrase aus Limassol, dpa, kca, sku
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Der Hafen wurde bei der Explosion zerstört.
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Ein Grossteil der Gebäude wurde dem Erdboden gleichgemacht.
Der Morgen danach: Ein Bild der Zerstörung.
Eine Druckwelle fegte über die Stadt hinweg.
Blick auf den zerstörten Hafen.

Der Hafen wurde bei der Explosion zerstört.

Wael Hamzeh / EPA

Bemerkung der Redaktion: Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

Blutende Menschen irren durch den Schutt und Staub, nachdem Beirut von zwei riesigen Explosionen erschüttert wurde. Die Explosion stürzte die libanesische Hauptstadt, deren Bevölkerung derzeit schon unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise leidet, in noch tieferes Chaos. Beirut, in dessen Grossraum schätzungsweise bis zu 2,4 Millionen Menschen leben, wurde zur «Katastrophen-Stadt» erklärt.

Die Detonationen ereigneten sich in der Gegend des Hafens. Bei der Explosion hatte sich eine riesige Pilzwolke am Himmel gebildet. Eine Druckwelle breitete sich blitzschnell kreisförmig aus. Sie waren derart heftig, dass im Umkreis von zwei Kilometer die Fensterschreiben zu Bruch gingen. Im vor 20 Jahren sanierten Stadtzentrum von Beirut, das östlich des Hafens liegt, wurden durch herumfliegende Glas - und Metallsplitte zahlreiche Personenwagen schwer beschädigt.

Grosse Teile des Hafens wurden vollständig zerstört. Beschädigt wurden auch der Regierungspalast, die finnische Botschaft und die Residenz von Ex-Ministerpräsident Saad Hariri. Auch ein Schiff der UN-Friedenstruppen im Libanon (Unifil) wurde beschädigt. Es seien Blauhelm-Marinesoldaten verletzt worden, teilte die Mission mit.

Schweizer Botschaft beschädigt, Botschafterin verletzt

Auf Videofilmen sieht man Passanten, die mit blutendem Gesicht und Kopfwunden am Strassenrand hocken. Die Zahl der Verletzten wird mit mindestens 4000 angegeben. Beiruter Fernsehsender und das Gesundheitsministerium meldeten nach Sonnenuntergang mindestens 78 Tote. Mit weiteren Opfern, hiess es, müsse gerechnet werden. Über der Stadt stieg eine dichte Rauchwolke auf.

Die Druckwelle der Explosion beschädigte auch die Schweizer Botschaft und die Residenz der Schweizer Botschafterin Monika Schmutz. Sie verletzte sich dabei leicht und musste sich ins Spital begeben, wie das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mitteilt. Das übrige Botschaftspersonal sei wohlauf, eine Mitarbeiterin habe man aber bislang nicht erreichen können.

SRF-Korrespondentin Susanne Brunner schreibt, dass sie keine Fensterscheiben mehr sehe. Zahlreiche Gebäude seien zerstört worden.

Auch der SRF-Nahost-Korrespondent Pascal Weber spürte die Explosion an seinem Wohnort, fünf Kilometer weg vom Hafen. Sie seien sicher, aber geschockt:

Suche nach Ursache

Die Hintergründe der Explosionen blieben zunächst unklar, nun beginnt im Libanon aber die Suche nach möglichen Ursachen. Ausgelöst haben könnte die schwere Explosion eine sehr grosse Menge Ammoniumnitrat: Schätzungsweise 2750 Tonnen der gefährlichen Substanz seien jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen von Beirut gelagert worden, sagte Ministerpräsident Hassan Diab dem Präsidialamt zufolge. Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es am Dienstag nicht.

Ammoniumnitrat, das auch zur Herstellung von Sprengsätzen dient, kann bei höheren Temperaturen detonieren. Die Substanz dient zum Raketenantrieb und vor allem zur Herstellung von Düngemittel.

Der Stoff könnte von einem Frachtschiff stammen, dem libanesische Behörden laut Berichten im Jahr 2013 wegen verschiedener Mängel die Weiterfahrt untersagt hatten. Das Schiff war demnach von Georgien aus ins südafrikanische Mosambik unterwegs. Der Besatzung gingen dann Treibstoff und Proviant aus, der Inhaber gab das Schiff offenbar auf. Der Crew wurde nach einem juristischen Streit schliesslich die Ausreise genehmigt. Das Schiff blieb zurück mit der gefährlichen Ladung, die in einem Lagerhaus untergebracht wurde.

Präsident Michel Aoun rief für Mittwoch eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts ein, um die Ursachen der Explosion zu klären. «Ich werde nicht ruhen, ehe ich den Verantwortlichen kenne und ihm die härteste Strafe gebe», sagte Aoun laut Zitaten des Präsidialamts bei Twitter. Regierungschef Diab erklärte den Mittwoch zum Tag landesweiter Trauer in Gedenken an die Opfer. Für die Stadt wurde ein zwei Wochen langer Notstand verhängt.

In Beirut war es in den letzten Tagen fast 40 Grad heiss. Aus Wut über die sich häufenden Stromabsperrungen, die oft bis zu Stunden andauernde, hatten Dutzende von Demonstranten am Dienstagnachmittag versucht, das Energieministerium zu stürmen. Die Proteste gingen auch am Abend weiter.

Auch politischer Grund kann nicht ausgeschlossen werden

Auch ein politischer Grund für die gewaltigen Explosionen kann nicht ausgeschlossen werden. In Den Haag wird in den nächsten Tagen das Urteil eines Sondergerichts der Vereinten Nationen im Mordfall des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri erwartet. Beobachter rechnen damit, dass Mitglieder der pro-iranischen Hisbollah verurteilt werden. Die Explosion in der Beiruter Hafengegend am Dienstagabend ereignete sich nur wenige Hundert Meter von dem Ort, an dem Hariri am Valentinstag des Jahres 2005 von einer gewaltigen Bombe in Stücke gerissen wurde. Das könnte ein Zufall gewesen sein, an den viele Libanesen jedoch nicht glauben wollen.

Nach einem Online-Bericht der Cyprus Mail waren die Explosionen am Beiruter Hafen auch in Nicosia zu spüren. Die Hauptstadt Zypern liegt etwa 170 Kilometer Luftlinie von der libanesischen Hauptstadt entfernt.

Im näheren Umkreis der Explosion herrscht totale Verwüstung, wie dieses Video zeigt:

Mit Material von sda / dpa