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GIFTANSCHLAG: Russland wiegelt ab

Moskau will nichts vom Kampfstoff «Nowitschok» wissen. Im Land mischt sich der Ärger über die Giftmordvorwürfe aus London mit der Genugtuung über das Schicksal russischer Verräter in England.
Stefan Scholl, Moskau
Russlands Aussenminister Sergei Lawrow will britische Diplomaten ausweisen. (Bild: Alexander Zemlianichenko/EPA (Moskau, 13. März 2018))

Russlands Aussenminister Sergei Lawrow will britische Diplomaten ausweisen. (Bild: Alexander Zemlianichenko/EPA (Moskau, 13. März 2018))

Stefan Scholl, Moskau

Russlands Verhältnis mit Grossbritannien ist wieder einmal vergiftet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der ehemalige russische Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter sind Anfang März bei einem Nervengiftanschlag im englischen Salesbury schwer verletzt worden. Mit dem in Russland entwickelten Kampfstoff Nowitschok, erklärten die britischen Ermittler. Premierministerin Theresa May gab die Schuld dem russischen Staat, liess 23 russische Diplomaten ausweisen, kündigte verschärfte Zollkontrollen gegenüber Russen und ihren Privatflugzeugen an, das Einfrieren verdächtiger russischer Konten und geheime Strafmassnahmen.

Russlands Aussenminister Sergei Lawrow konterte gestern, man werde in Kürze ebenfalls britische Diplomaten nach Hause schicken. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die britischen Vorwürfen als halt- und verantwortungslos, sie verstiessen gegen das internationale Recht. Und der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensja forderte die Briten auf, sie sollten sich an die Konvention über das Verbot von Chemiewaffen halten und Russland Proben des gefundenen Giftes für eine gemeinsame Untersuchung zur Verfügung stellen. Er versicherte, in Russland sei niemals ein chemischer Kampfstoff mit der Bezeichnung Nowitschok entwickelt worden.

Herstellung des Giftes im Ausland möglich

Allerdings erwähnten die russischen Chemiker Wil Mirsajanow und Lew Fedorow das nervenlähmende Gift schon 1992 in einem Artikel in der Zeitung «Moskwoskije Nowosti». Der daraus gewonnene Kampfstoff sei 1991 in Massenproduktion gegangen und Anfang 1992 auf einem chemischen Versuchsfeld in Usbekistan getestet worden. Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin verweist gegenüber unserer Zeitung darauf, dass Russland die letzten Bestände seines einst 40 000 Tonnen umfassenden Chemiewaffenarsenals Ende September 2017 vernichtet hat, unter Aufsicht der internationalen Organisation für das Verbot chemischer Waffen. Litowkin schliesst nicht aus, dass sich in russischen Laboratorien noch kleine Mengen der Giftgruppe Nowitschok befinden. «Aber die Formel des Kampfstoffes hängt im Internet und ist frei zugänglich. Jedes gut ausgerüstete Labor mit professionellen Chemikern kann den Kampfstoff herstellen. Auch im Ausland.»

In Grossbritannien wird jetzt viel von russischer Rachsucht gesprochen. Und von ihren mutmasslichen Opfern: Der Londoner Anwalt Stephen Curtis, der 2004 bei einem Hubschrauberabsturz umkam, arbeitete zuvor für den Putin-Gegner Michail Chodorkowski. Der russische Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko, der Putin aus seinem Londoner Exil Beteiligung an Massenmorden und Pädophilie vorgeworfen hatte, er wurde 2006 mit hoch radioaktivem Polonium im Tee vergiftet. Der russische Ex-Oligarch Boris Beresowski, der als Geldgeber Litwinenkos galt und erdrosselt in seinem Haus in Ascot gefunden wurde. Bis heute ist unklar, ob er Selbstmord begangen hat oder getötet wurde.

Oder der kremlkritische Whistle-Blogger Alexander Perepilitschni, der 2012 in Surrey nach dem Joggen an einem Pflanzengift starb. Fast alle waren aktive Feinde des Putin’schen Regimes, im Fall Skripal aber ist das Motiv unklar. Der 66-Jährige, der 2004 als Doppelagent aufflog und 2010 ausgetauscht wurde, veröffentlichte in England keine Anti-Putin-Enthüllungen, sondern beschränkte sich auf Vorträge vor künftigen britischen Offizieren und Geheimdienstlern.

Und der frühere FSB-Chef Nikolai Kowaljow verwies vor einigen Tagen gegenüber der Agentur Tass auf einen «ungeschriebenen Kodex» der Geheimdienste: Dazu gehöre, dass niemand Gewalt gegen die Angehörigen feindlicher Agenten anwende, um Blutrachefehden zu vermeiden. Das gelte auch für gefangene und ausgetauschte Agenten. Es scheint aber im Putin’schen Apparat auch Kräfte zu geben, die alle Regeln demonstrativ in Frage stellen wollen. Vor ein paar Tagen bezeichnete Kiril Klejmjonow, Moderator des Staats-TV-Senders Perwy Kanal, Skripal als «professionellen Verräter» und warnte das Fernsehpublikum, dieser Beruf sei einer der gefährlichsten und ungesündesten in der Welt. Besonders schlecht ergehe es den Berufsverrätern in England.

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