Giftanschlag von Salisbury: Russisches Roulette

Dominik Buholzer, Leiter «Zentralschweiz am Sonntag», über den Giftanschlag von Salisbury.

Dominik Buholzer, Leiter «zentralschweiz Am Sonntag»,
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Dominik Buholzer (Bild: Pius Amrein / LZ)

Dominik Buholzer (Bild: Pius Amrein / LZ)

Der Ärger zeichnete sich ab. Weil sich die Schweiz nicht an den Massnahmen gegen Russland beteiligt, ist unser Land international unter Druck geraten. Zwar verurteilt der Bundesrat den Giftanschlag gegen den ehemaligen Spion Sergej Skripal und seine Tochter, er weist aber (noch) keine russische Diplomaten aus. Reagiert der Bundesrat übervorsichtig?

Die Tat liegt schon einige Wochen zurück. Am 4. März waren der russische Doppelagent und seine Tochter bewusstlos auf einer Parkbank in der englischen Stadt Salisbury aufgefunden worden. Die medizinischen Untersuchungen zeigten: Die beiden wurden vergiftet. Grossbritannien macht Russland dafür verantwortlich. Der Kreml weist diese Anschuldigungen zurück. Beide Staaten weisen in der Folge Diplomaten aus. Nato und 17 EU-Staaten sowie die USA schliessen sich dem Treiben an. Ist es also ein Fehler, dass die Schweiz aussen vor bleibt?

Nein. Es spricht zwar einiges dafür, dass sich der russische Staat hinter der schrecklichen Tat verstecken könnte. Doch die Anschuldigungen bewegen sich auf tönernen Füssen. Das Faktum: Beim Anschlag wurde das Nervengift Nowitschok eingesetzt. Dieses wurde in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt. Offiziell wurde die Produktion unter Gorbatschow eingestellt. So sicher kann man jedoch nicht sein. Es gibt Meldungen, wonach Forscher im Geheimen jahrelang das Programm vorangetrieben haben sollen. Genügt dies, um Russland jetzt schon die Schuld zuzuweisen?

Ganz so sicher ist sich selbst die britische Regierung nicht. Aussenminister Boris Johnson selber sagt, es sei «äusserst wahrscheinlich», dass Russland dahinterstecke. Auch machte er dieser Tage geltend, dass der Giftanschlag nicht der einzige Grund für die Ausweisungen gewesen ist. Vielmehr hätten die Provokationen seitens Russlands die Belastungsgrenze erreicht. Genug sei genug.

Mit solchem Gebaren erweist sich der Westen keinen Gefallen. Er sollte nicht zu den gleichen Mitteln greifen, die er der Regierung Putin immer wieder zum Vorwurf macht. Es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt für russisches Roulette. Der Bundesrat hat also gut daran getan, dass er zuerst abwarten will, ob sich die Verdachtsmomente erhärten. Russische Diplomaten kann er dann immer noch ausweisen.

Dominik Buholzer, Leiter «Zentralschweiz am Sonntag»,

dominik.buholzer@luzernerzeitung.ch