Syrien
Giftgas-Inspektoren: Eine Mission mit Hindernissen

Das Team der Vereinten Nationen hat seine Untersuchungen begonnen, doch die Mission hinkt der Realität hinterher. Denn im Stellvertreterkrieg in Syrien geht es nicht um die Wahrheit, sondern um strategische Interessen.

Michael Wrase, Beirut
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Mission mit Anfangsschwierigkeiten: Die UNO-Fahrzeuge verlassen das Hotel in Damaskus. EPA/STR

Mission mit Anfangsschwierigkeiten: Die UNO-Fahrzeuge verlassen das Hotel in Damaskus. EPA/STR

Es war kein guter Start für das Expertenteam der UNO, das den mutmasslichen Giftgas-Einsatz in der Nähe von Damaskus untersuchen soll: Mit sechs Fahrzeugen machten sie sich am Montagmorgen auf den Weg. Doch schon nach kurzer Zeit wurde der erste Wagen des Konvois von Heckenschützen unter Feuer genommen. Der Wagen war danach nicht mehr fahrtüchtig; die UNO-Inspekteure kehrten ins Hotel zurück, wo das Fahrzeug ausgetauscht wurde.

Kurz darauf konnten sie ihre Fahrt erneut antreten und erreichten den Ort Muadamija, wo sich der Giftgasanschlag ereignet haben soll. Die Experten hätten Opfer des angeblichen Angriffs untersucht und befragt, berichtete ein Arzt vor Ort per Mobiltelefon. Das syrische Staatsfernsehen erklärte unter Berufung auf Kreise des Informationsministeriums, «Terroristen» hätten den UNO-Konvoi beschossen.

Keine Schuldzuweisung zu erwarten

Doch die Mission der UNO-Inspektoren hinkt der Realität hinterher. Offenbar will man ihre Berichte nicht mehr abwarten. Eine klare Schuldzuweisung ist von den Experten ohnehin nicht zu erwarten. Für die meisten westlichen Staaten ist Baschar al-Assad der Verursacher der Giftgasattacken. Nach Ansicht des deutschen Politologen Michael Lüders ist ihm «jede Grausamkeit und Skrupellosigkeit zuzutrauen». «Doch kann es wirklich sein, dass der Diktator in Damaskus so dumm ist, durch den Einsatz von Chemiewaffen vor seiner Haustür eine Militärintervention und damit den eigenen Sturz zu provozieren?» fragt der Wissenschafter.

Peitsche und Zuckerbrot

Die Wahrheit werde vermutlich nie ans Tageslicht kommen, wird befürchtet. Sie wäre viel zu gefährlich. Im Stellvertreterkrieg um Syrien geht es nicht um Wahrheiten, sondern um strategische Interessen. Die westlichen und arabischen «Freunde» Syriens wollen die von den «Freunden» Assads geschmiedete Achse Teheran–Bagdad–Damaskus–Beirut zerstören. Was die untereinander zerstrittenen Rebellen nicht schafften, soll nun offenbar mit einer Militärintervention des Westens umgesetzt werden.

Über das Ausmass wird unter Experten noch gestritten. Während Grossbritannien und Frankreich offenbar einmalige Angriffe von Nato-Schiffen im östlichen Mittelmeer favorisieren, plädiert der frühere Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clarke für ein Vorgehen mit Peitsche und Zuckerbrot.

Assad geht in die verbale Offensive

Nach den höchstwahrscheinlich bevorstehenden Militärschlägen müsse man auch für eine «diplomatische Lösung» offen sein, fordert der General. Über einen Abgang Assads, der es ihm ermöglicht, das Gesicht zu wahren, könnte auf einer Friedenskonferenz in Genf gesprochen werden. Das syrische Regime hatte seine Teilnahme an einer solchen Veranstaltung bereits in Frühsommer zugesagt. Die Opposition hatte zu diesem Zeitpunkt die «Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichtes» in Syrien verlangt.

Auch Assad rechnet offenbar mit einem militärischen Eingreifen des Westens. Um seine Bevölkerung auf allfällige amerikanische Cruise-Missile-Angriffe vorzubereiten und gleichzeitig die Verteidigungsbereitschaft zu stärken, ging der Diktator gestern in die verbale Offensive. Wie einst in Vietnam und in anderen Kriegen würden die USA in Syrien einen Fehlschlag erleiden, prophezeite Assad in einem Interview mit der russischen Zeitung «Iswestija». Dass der Westen es mittlerweile als «bewiesen» ansieht, dass der Giftgas-Angriff syrischen Truppen zuzuschreiben ist, nannte Assad «Unsinn» sowie «eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes».

Zuvor hatte bereits Informationsminister Omar al-Zoabi Angriffe mit chemischen Kampfstoffen als «politischen Selbstmord» bezeichnet. Die syrischen Streitkräfte könnten sich auch mit konventionellen Mitteln gegen die Rebellen durchsetzen. Abwehrerfolge im Grossraum von Damaskus sowie erfolgreiche Offensiven in der Region von Homs und Deraa stützen diese These.

Syrische Armee im Vorteil

Selbst der pensionierte amerikanische General Mark Kimmit liess in einem Gespräch mit dem Fernsehsender «al-Dschasira» keine Zweifel daran, dass sich die syrischen Streitkräfte gegenüber den Rebellen gegenwärtig «bedeutend im Vorteil» befinden – ein Vorteil, der «jetzt ausgeglichen» werden müsse. Nach einer Serie von Niederlagen sollten die Aufständischen wieder in die Lage versetzt werden, «eine proaktive Rolle auf dem Schlachtfeld zu übernehmen». Voraussetzung dafür sei eine «Wiederherstellung des Kräftegleichgewichtes» durch eine «Koalition der Willigen». Deren Lenkwaffenschläge würden sich vor allem gegen die syrische Luftwaffe sowie Assads Panzerstreitkräfte richten. Die Aussagen des amerikanischen 4-Sterne-Generals zeigen, dass die Vorbereitungen für westliche Militärschläge gegen Syrien schon begonnen haben.