Syrien

Giftgasmassaker in Douma, Angriff auf Stützpunkt bei Palmyra: Keiner will es gewesen sein

Ein Stützpunkt bei Palmyra soll von Israel angegriffen worden sein. In Douma, dem Schauplatz des mutmasslichen Giftgasmassakers, hat unterdessen ein Aufstand begonnen.

Michael Wrase
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Viele Kinder sind laut Hilfsorganisationen unter den Opfern des mutmasslichen Giftgasangriffs auf Douma.

Viele Kinder sind laut Hilfsorganisationen unter den Opfern des mutmasslichen Giftgasangriffs auf Douma.

AP

Das Beiruter Verteidigungsministerium hatte den Angriff auf die syrische Militärbasis T4 zuerst gemeldet: Gegen 3.40 Uhr Ortszeit seien in der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene zwei israelische F-15-Kampfflugzeuge beim Abfeuern mehrerer Raketen beobachtet worden. Es waren acht Projektile, präzisierte sechs Stunden später das russische Verteidigungsministerium, das explizit Israel für die Angriffe verantwortlich machte. Dort wollte man die Bombardements nicht kommentieren. Zuvor hatten Frankreich und die USA eine Verwicklung in die Angriffe bestritten.

Trump kündigt «rasche» Antwort an

Präsident Donald Trump hat am Montag gesagt, dass Amerika innerhalb von 24 bis 48 Stunden auf den «abscheulichen» Giftgaseinsatz in Syrien reagieren werde – und das syrische Regime und allfällige Helfershelfer in Moskau oder Teheran «rasch» zur Verantwortung ziehen werde. «Wir können solche Abscheulichkeiten nicht erlauben», sagte Trump am Rande einer Kabinettssitzung im Weissen Haus.

Das Dementi aus Russland und Syrien wies er zurück. «Für mich gibt es keine grossen Zweifel», sagte er, was die Urheberschaft der Attacke betreffe. Und: Alle Drahtzieher würden «einen hohen Preis» zahlen für diese «barbarische» Tat. Dabei prüfe seine Regierung «sämtliche Optionen». (RR)

Bis zu 14 iranische Soldaten könnten auf T4 getötet worden sein, berichtet das regierungsnahe syrische Nachrichtenportal «Al Masdar News». Bereits im Februar hatte die israelische Luftwaffe den Stützpunkt bombardiert. Dabei war ein F-16-Kampfflugzeug von der syrischen Flugabwehr abgeschossen worden. Ausgelöst wurde die Eskalation von einer iranischen Drohne, die in T4 zu einem Aufklärungsflug gestartet war.

Westliche Diplomaten im Libanon gehen davon aus, dass sich der mutmassliche Angriff der Israelis gegen die «iranischen Aktivitäten auf den Luftwaffenstützpunkt» richtete. Mit den am Sonntag gemeldeten Giftgasattacken in der Stadt Douma, bei denen mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, hätten die Angriffe vermutlich nichts zu tun. Israel sieht sich in Syrien auf sich allein gestellt, nachdem US-Präsident Trump vor zwei Wochen einen Truppenabzug andeutete und «Andere» aufforderte, den Job zu machen. Mit diesen «Anderen» könnte Israel, dessen Luftwaffe schon mehr als 100 Angriffe in Syrien geflogen hat, gemeint gewesen sein.

Russen vermuten «Inszenierung»

Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) haben unterdessen mit der Untersuchung des mutmasslichen Giftgas-Angriffs in der syrischen Rebellenhochburg Douma begonnen. Man werde alle verfügbaren Informationen über die Attacke zusammentragen, teilte ein «OPCW»-Sprecher mit. Die USA, Frankreich und Deutschland vermuten die syrische Regierung hinter dem Angriff, bei dem es sich nach russischen Angaben um eine «Inszenierung» der Rebellen handelte.

Experten seien bereits vor Ort gewesen und hätten keinerlei Spuren von Chlorgas gefunden, behauptete gestern der russische Aussenminister Sergej Lawrow. Auch die Motive für den mutmasslichen C-Waffen-Angriff sind bisher ungeklärt: Das russische Verteidigungsministerium hatte sich bereits am letzten Mittwoch mit den Rebellen der «Armee des Islam» auf eine Evakuierung verständigt, die auch am gestrigen Montag mit der Abfahrt von mehr als 30 Bussen fortgesetzt wurde.

Schlacht um Douma entschieden

Am Wochenende waren erneut Kämpfe aufgeflammt, weil ein Teil der Rebellen den aussichtslosen Kampf fortsetzen wollte. Dass dabei auch Giftgas eingesetzt wurde, ist vorstellbar, macht aber militärisch überhaupt keinen Sinn, weil die Schlacht um Douma bereits entschieden war. Dass die Rebellen der «Armee des Islam» durchaus kriminelle Energie besitzen, wurde gestern offensichtlich.

Nach einem Bericht der syrischen Menschenrechtsbeobachter stürmten Tausende ausgehungerte Einwohner die Lebensmitteldepots der «Armee des Islam». Hunderte von Tonnen Grundnahrungsmitteln, welche der Bevölkerung in den letzten Monaten vorenthalten oder zu überhöhten Preisen verkauft wurden, seien bei dem «Volksaufstand» erbeutet und an die Notleidenden verteilt worden.

Mehr als 400'000 Zivilisten in Ost-Ghuta seien «über Jahre Geiseln rivalisierender islamistischer Gruppen gewesen», hatte ZDF-Reporter Roland Strumpf in der vergangenen Woche in einer Reportage aus der Damaszener Vorstadt berichtet. Das Assad-Regime würde die ausgezehrten Menschen inzwischen als «das kleinere Übel» betrachten.